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Im Namen des Staates revisited: Nur Liberalismus garantiert Frieden

Dienstag, 07.08.07 12:04 by jo@chim - 10 Kommentare
Mit der Reform ist nicht beim Staate, nicht bei der Regierung und nicht im öffentlichen Leben zu beginnen. Jeder Einzelne hat bei sich selbst den Anfang zu machen und muß sich selbst von dem Joch der Dogmatik befreien, die ihn am freien Gebrauche seines Denkvermögens hindert. Jeder einzelne muß trachten, sich der Schlagworte und Formeln zu entledigen, die er heute als unerschütterliche Wahrheiten ansieht. Jeder Einzelne muß sich selbst durch harte Arbeit wieder das Recht erkämpfen, an allem zweifeln zu dürfen, und keine Autorität gelten zu lassen als die des logischen Denkens.

Kluge Worte des Liberalen Ludwig von Mises, wie als Kritik geschrieben an so mancher verbissen-sektiererisch geführten Diskussion im Freiheitsforum, hier oder anderswo:
Das Zitat stammt aus dem Buch Im Namen des Staates oder Die Gefahren des Kollektivismus von Ludwig von Mises, das mehrfach in der Diskussion um den libertären US-Präsidentschaftskandidaten Ron Paul – die Libertären und der Krieg erwähnt wurde.
Dietmar Dominik Hennig rezensiert im Folgenden das leider offensichtlich aktuell nicht erhältliche Mises-Werk für antibuerokratieteam.de – danke ddh!

„Im Namen des Staates“ revisited: Nur Liberalismus garantiert Frieden
Ludwig von Mises’ zeitlos gültige Warnung vor der kollektivistischen Versuchung

Im März 1938, dem Jahr des „Anschlusses“ Österreichs an das Dritte Reich, besuchte Ludwig von Mises, der zu dieser Zeit bereits seit 1934 einen Lehrauftrag am Institut des Hautes Etudes in Genf hatte, auf einer Dienstreise die Wiener Handelskammer, der er viele Jahre zuvor als Referent und Berater gedient hatte. Es sollte sein letzter Besuch in Wien sein. Noch am Abend der Annektierung Wiens drangen die Nazis, auf deren „black list“ Mises als Liberaler schon lange stand, in seine Wohnung ein und beschlagnahmten seine Bibliothek sowie sämtliche Akten und Manuskripte. Mises blieb nun bis 1940 in Genf und wanderte danach in die USA aus. Seine Genfer Jahre, die er als die glücklichsten seines Lebens empfand, sollten auch seine produktivsten werden, wo er sehr viele wissenschaftliche Artikel verfaßte und unter anderem sein bahnbrechendes Werk Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens herausbrachte.

Als 1940 ganz Europa sich im Kriegszustand befand und die Schweiz von deutschen Truppen umzingelt war, entschloß sich Mises, Europa zu verlassen. Im Jahre 1944 brachte er in den USA seine erste erfolgreiche Schrift Omnipotent Government. The Rise of the Total State and Total War heraus. Sie enthält die Grundgedanken eines bereits 1938/39 verfaßten, aber nie von ihm selbst veröffentlichten Manuskripts, das ursprünglich den Titel „Vom Wesen und Werden des Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Befriedung Europas“ trug. Erst im Jahre 1978, also fünf Jahre nach dem Tod des Autors, erblickte dieses Werk unter dem griffigeren Titel „Im Namen des Staates oder Die Gefahren des Kollektivismus“, versehen mit einem Vorwort des großen Ordo-Liberalen Alfred Müller-Armack, das Licht der Öffentlichkeit. Über die Jahrzehnte hinweg hat diese scharfsinnige und gedanklich stringente Analyse des totalitären Zeitalters, die man heute nurmehr im antiquarischen Buchhandel aufstöbern kann, nichts von ihrer Aktualität und zeitlosen Gültigkeit eingebüßt.

Mises beschreibt darin zunächst den von Optimismus begleiteten Siegeszug der von den französischen Physiokraten und den utilitaristischen Denkern des anglo-schottischen Enlightenment entwickelten liberalen Ideen des Westens auch in Deutschland und wie diese liberale Morgenröte urplötzlich durch das Aufkommen des Militarismus und des Sozialismus verdunkelt wurde. Klarer als die meisten seiner Zeitgenossen erkennt Mises frühzeitig die enge Verwandtschaft der feindlichen ideologischen Brüder orthodoxer Sozialismus/Kommunismus und Nationalsozialismus, sieht die gemeinsamen ideologischen Wurzeln und Triebkräfte und die später wirkenden Interdependenzen im Zusammenhang. Breiten Raum nimmt dabei auch die Anatomie des preußischen Militärstaates ein, der jene gutgeölte Staatsmaschinerie hinterließ, die bald darauf auch die Nazis virtuos zu nutzen verstanden. Dabei widmet er auch der schon frühzeitig erkennbaren Bereitschaft großer Teile der sozialistischen Bewegung, etwa in Gestalt Ferdinand Lassalles, sich den etatistischen und nationalistischen Ideen der preußisch-deutschen Obrigkeit zu verschreiben, besondere Aufmerksamkeit. Lassalle, der für kurze Zeit die Nähe des Machtmenschen Bismarck suchte, beschreibt Mises so:

„Lassalles kurze politische Wirksamkeit bleibt bemerkenswert, weil in ihr zum erstenmal in der deutschen Geschichte die Schlagworte des Interventionismus und Sozialismus gegen die Ideen des Liberalismus in den Kampf treten. Lassalle war nicht Nationalsozialist, doch er war der bedeutendste Vorläufer des Nationalsozialismus. Er lehnt alle Werte der Aufklärung und des Liberalismus ab, doch nicht in dem Sinne, in dem sie die romantischen Lobredner des Mittelalters und des Absolutismus zu verneinen pflegten; er lehnt sie ab, weil er behauptet, sie echter und wahrer verwirklichen zu wollen. Durch seine politischen Reden und Schriften gehen Gedanken, die später bei den Nationalsozialisten wiederkehren: die richtige Revolution ist erst zu machen, und wir wollen sie machen; die wahre Freiheit ist erst zu erkämpfen, und wir wollen sie erkämpfen; nicht der Gendarm ist der Feind, der Bürger ist es.

Lassalle hat auch das Wort gesprochen, das besser als jedes andere den Geist kennzeichnet, der die Welt bald nach seinem Tod erfüllen wird: „Der Staat ist Gott.“ Dieser Geist entthronte den Liberalismus, wie überall so auch in Deutschland.“

Wirkungen in den Köpfen der Jugend und der gebildeten Stände vermochten die Ideen der Staatsvergottung jedoch weder durch die „großmäulige Demagogie der Sozialdemokraten“ noch die „lederne Pedanterie der kathedersozialistischen Professoren“ zu entfalten, sondern durch Ideen-Import aus dem Westen, dem man eine Generation zuvor noch zu verdanken hatte, in Deutschland, dem Lande bis dato untertänigen Gehorsams, erstmals mit dem liberalen Öl gesalbt worden zu sein. „Der politische Etatismus, der dem Staate und der Regierung die Aufgabe zuweist, den Bürger in allen Belangen zu führen und zu bevormunden, der das Handeln der Einzelnen auf das Engste beschränken und alle Initiative von Oben ausgehen lassen will, kam vom Westen.“ In der Tat ließ sich Lorenz von Stein von den französischen (utopischen) Sozialisten Fourier, Saint Simon et alii inspirieren, waren die interventionistischen Programme, Arbeiterschutz und Gewerkschaftsbewegung, die sich bald in Deutschland wachsender Sympathie bei der anti-liberalen Obrigkeit erfreuten, englischer Herkunft, adaptierte der liberale Ökonom Friedrich List den Protektionismus Alexander Hamiltons aus den USA (ein Vierteljahrhundert später fiel es dann dem nationalliberalen Parteiführer Rudolf von Bennigsen in einer innerparteilichen Debatte um Bismarcks Schutzzollpolitik leicht, zu behaupten, Liberalismus und Freihandel gehörten nicht notwendigerweise zusammen!).

„Der Liberalismus hatte die Gebildeten Deutschlands daran gewöhnt, die politischen Ideen Westeuropas mit ehrfürchtiger Bewunderung aufzunehmen. Nun dachten sie, der Liberalismus wäre schon überholt, er wäre durch Sozialpolitik abgelöst worden und diese Sozialpolitik führe die westlichen Demokratien unentrinnbar dem Zukunftsstaat des Sozialismus entgegen. Wer mit der Zeit gehen wolle, müsse sozial, d.h. interventionistisch oder sozialistisch denken.“

Mises der mit Wehmut den rapiden Verfall und die verzweifelten Rückzugsgefechte der entschiedenen Liberalen nachzeichnet, war weder Anarchist noch gehörte er zu jenen schwachbrüstigen neoliberalen Denkern, die sich über das Wesen des Staates, für so notwendig er ihn auch hielt, irgendeiner Täuschung hingaben:

„Staat ist Gewaltanwendung und Bereitschaft, Gewalt anzuwenden. Der Staatsapparat ist ein Zwangs- und Unterdrückungsapparat. Das Wesen der Staatstätigkeit ist, Menschen durch Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung zu zwingen, sich anders zu verhalten, als sie sich aus freiem Antriebe verhalten würden.“ Und: „Wer Staat sagt, meint Gewalt und Zwang. Wer sagt: da solle der Staat eingreifen, will, daß Menschen Gewalt angedroht oder daß gegen Menschen Gewalt gebraucht werde.“

Gleichwohl hält Mises nichts von der späterhin auch von seinen anarcho-libertären Schülern aufgestellten Behauptung, Liberalismus und Anarchismus seien im Grunde verwandt; er tritt ihr sogar mit Heftigkeit entgegen. Es gebe nun einmal Menschen, so führt er aus, deren geistige Fähigkeiten oder deren Charakter sie daran hinderten, in eine staatenlose gesellschaftliche Kooperation zum Nutzen aller einzufügen. Diese müßten durch den Gewaltapparat an der Schädigung ihrer Mitmenschen nötigenfalls gehindert werden. „Der Liberalismus ist vom Anarchismus radikal verschieden und hat mit den phantastischen Ideen der Anarchisten nichts zu schaffen.“ Es muß aus Sicht des Rezensenten dahingestellt bleiben, ob Mises diese schroffe Abgrenzung wirklich aus tiefster Überzeugung vollzog, oder ob er durch lautes Pfeifen im Walde nicht vielmehr überdecken wollte, daß er mit seinem entschiedenen Liberalismus gedanklich längst eine Tür aufgestoßen hatte, durch die er selber sich aber scheute, hindurchzugehen. Immerhin sieht ein ihm sehr verwandter Denker unserer Zeit, der Sozialphilosoph Anthony de Jasay, das Wesen des Liberalismus in geordneter Anarchie. Andererseits ist an heutige anarcho-libertäre Mises-Verehrer zumindest die Frage zu stellen, wie sich die überschwenglichen Lobgesänge Mises’ zur Demokratie und seine Einlassungen zur unverzichtbaren Rolle des Staates als Garanten gesellschaftlicher Kooperation mit der häufig anzutreffenden Intransigenz und teils unverständlichen Schärfe gegenüber Zeitgenossen verträgt, die sich mit ihren Auffassungen und ihrem minarchistischen Credo zu hundert Prozent in den Ausführungen Mises’ wiederfinden dürften. Wenn man dem großen Meister den Irrtum (so es denn einer ist) verzeiht, warum nicht auch den Freiheitsfreunden aus Kleinbloggersdorf? An einer Stelle sagt er beispielsweise den für Libertäre wenig erbaulichen Satz: „Nur ein Geisteskranker könnte auf den Gedanken kommen, entrichtete Steuerbeiträge unter Berufung darauf zurückzufordern, daß er sie nur gezwungen gezahlt hätte.“

Mises beschränkt freilich den liberalen Staat rigoros auf die Aufrechterhaltung der freiheitlichen Rechtsordnung und der auf friedlichen Austauschprozessen beruhenden Wirtschaftsverfassung. Seiner Ansicht nach hat der Staat Leben, körperliche Unversehrtheit, Freiheit und Eigentum seiner Bürger gegen „gewaltsame oder heimtückische Angriffe zu schützen“. Sonst nichts. Wer in der Aufgabenbeschreibung des Staates darüber hinausgeht, also den Katalog wie auch immer erweitern will, hört auch in den Augen des ostentativen Anti-Anarchisten Mises auf, ein Liberaler zu sein. Familienplanung, Kindeserziehung, Ernährung und Gesundheit als Staatsaufgaben anzusehen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen.

Besonderes Augenmerk legt Mises auch in diesem Buch wiederum auf die Untersuchung des Sozialismus (dessen Undurchführbarkeit er schon 1922 in seiner Gemeinwirtschaft wissenschaftlich nachgewiesen hatte) und des vermeintlichen „Dritten Weges“, des Interventionismus sowie der Betonung der Unabdingbarkeit des Privateigentums („Sondereigentum“) an den Produktionsmitteln für eine freie Gesellschaft:

„Alle Kultur, die wir kennen und von der uns die Geschichte Kunde bringt, ist auf dem Boden des Sondereigentums an den Produktionsmitteln erwachsen. Kultur und Sondereigentum waren in der bisherigen Geschichte immer vereint. Wenn man aus der geschichtlichen Erfahrung überhaupt etwas lernen könnte, dann wäre es das, daß das Sondereigentum unumgängliche Bedingung des Kulturfortschritts ist.

Die Regierungen haben auf das Sondereigentum und auf den Markt immer scheel geblickt. Regierungen sind aus eigenem Antrieb nie liberal. Es liegt im Wesen der Handhabung des Zwangs- und Unterdrückungsapparates, daß die, die ihn handhaben, die Leistungsfähigkeit der Gewalt überschätzen und alle Lebenssphären sich untertan machen wollen. Regierungen müssen zum Liberalismus durch die Bürger gezwungen werden.“

Mises’ durch die Erfahrungen in multiethnischen Siedlungsräumen der Donaumonarchie geprägte Haltung zur Schulpflicht könnte auch in heutigen Integrationsdebatten zu interessanten Einsichten verhelfen: „Zwangsnationalisierung und Zwangsassimilation bedienen sich vor allem der Schule. In Westeuropa hat man die allgemeine Unterrichtspflicht und den Schulzwang geschaffen; sie kommen als moderne Errungenschaften nach dem Osten und werden in den gemischtsprachigen Gebieten zu furchtbaren Waffen in der Hand der Regierung. Unter den Philanthropen und Pädagogen des Westens, die für den allgemeinen Schulzwang gearbeitet haben, hat wohl keiner geahnt, welche Saat von Haß und Mord die Schulpflicht aufgehen lassen.“

Der Verbindung von Nationalismus und Etatismus, jener gefährliche Mischung aus Nitro und Glycerin, die dem Liberalismus Ende der 19. Jahrhunderts in der Mitte und im Osten Europas die Lebenslichter ausgeblasen haben, stellt er die Vision einer Welt gegenüber, in dem das liberale Programm als universelles Ordnungsprinzip seine Wirkung voll entfalten könne: eine Welt, in der genug Staaten liberal sind, um gegen Aggressionskriege fremder, totalitärer Mächte gewappnet zu sein, in der das Privateigentum streng geachtet und garantiert wird, keinerlei Staatseingriffe in das Getriebe der Marktwirtschaft zulässig sind, es keine Zölle gibt und sowohl Menschen als auch Güter uneingeschränkte Bewegungsfreiheit genießen, wo volle Freizügigkeit herrscht, wo der Staat sich auf die Gewährleistung von Sicherheit beschränkt, wo volle Glaubens-, Bekenntnis-, Rede-, und Pressefreiheit herrscht, wo alles, was mit Schule und Erziehung zusammenhängt, dem Einfluß der Regierung entzogen ist und die Regierung weder über das Gewissen des Einzelnen noch über seine Sprache zu gebieten hat. „In einer so eingerichteten Welt ist es ohne besondere Bedeutung, wo die Staatsgrenzen verlaufen. In dieser Welt hat niemand ein Interesse daran, daß der Gebietsumfang des Staates, in dem er wohnt oder dessen Bürger er ist, erweitert werde; niemand wird geschädigt, wenn ein Teilgebiet von dem Staatsgebiet losgetrennt wird.“ In einer solchen Ordnung könne auch ein Sezessionsrecht vollumfänglich gewährt werden. Kriege würde es keine geben, weil es keine Kriegsursachen mehr gebe, es sich mithin nicht lohne, sie zu führen; Heere und Flotten würden zu Luxus. Dem höhnischen Lassalle-Wort vom „Nachtwächterstaat“ hält Mises entgegen, dieser Nachtwächterstaat erfülle immerhin seine Aufgabe vortrefflich: „die Bürger dürfen ruhig schlafen; feindliche Bomben stören nicht ihre Ruhe, und wenn es spät nachts klingelt, dann ist es gewiß nicht der Geheimpolizist, der sie ins Konzentrationslager schleppen will.“

Die Welt, in der Mises diese Zeilen schreibt, unterscheidet sich radikal von dem liberalen Idealbild. Übersteigerter Nationalismus, Etatismus, totalitäre Ideologien haben zu jenem Zeitpunkt den Kontinent fest im Würgegriff. Die Identifikation der Massen mit ihrem Staat ist so total wie ihre Kriegsbegeisterung. In dieser Realität verlieren auch die Begrifflichkeiten einer vorangegangenen liberalen Epoche ihren Sinn.

In einer liberalen Welt sei es ohne Zweifel richtig, daß Kriege nichts einbrächten. Doch im Zeitalter des Etatismus, in der dem Sieger wieder reiche Beute winke, sei, so Mises, dieses Argument der Pazifisten ein „Atavismus“.

Wer nach dem Kriegsende den Frieden dauerhaft sichern wolle, dürfe sich nicht auf das Geschick der Staatsmänner und Diplomaten verlassen, er müsse vielmehr eine Welt schaffen, in der die liberale Idee wieder genügend Anhänger finde.
Aber noch wichtiger sei: der einzelne müsse bereit sein, sein Denken zu ändern, sich frei machen von Hybris und Ressentiment!

„Mit der Reform ist nicht beim Staate, nicht bei der Regierung und nicht im öffentlichen Leben zu beginnen. Jeder Einzelne hat bei sich selbst den Anfang zu machen und muß sich selbst von dem Joch der Dogmatik befreien, die ihn am freien Gebrauche seines Denkvermögens hindert. Jeder einzelne muß trachten, sich der Schlagworte und Formeln zu entledigen, die er heute als unerschütterliche Wahrheiten ansieht. Jeder Einzelne muß sich selbst durch harte Arbeit wieder das Recht erkämpfen, an allem zweifeln zu dürfen, und keine Autorität gelten zu lassen als die des logischen Denkens.“

„Ich wollte Reformer werden, doch ich bin nur der Geschichtsschreiber des Niedergangs geworden“, schrieb der hochbetagte Ludwig von Mises in seinen Erinnerungen. Doch wenn er auch durch die Fährnisse der Zeitgeschichte dazu verurteilt war, Chronist des Weges Deutschlands in sein Verderben und Europas Sturzes in die Katastrophe zu sein, so erweisen sich doch seine klaren und vorausschauenden Gedanken, die er mitten im 2. Weltkrieg zu Papier brachte, als ein Leuchtfeuer des unbeugsamen intellektuellen Mutes zur Freiheit.

Ludwig von Mises: Im Namen des Staates oder Die Gefahren des Kollektivismus, Stuttgart: BONN AKTUELL, 1978, ISBN 3-87959-091-5


Das Antibuerokratieteam - seit 15.08.07 auf www.antibuerokratieteam.net

10 Kommentare »

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  1. Wie kommt es, dass die Ankaps Mises dann so vehement für sich vereinnahmen (”Mises Institute”)?

    In einer liberalen Welt sei es ohne Zweifel richtig, daß Kriege nichts einbrächten. Doch im Zeitalter des Etatismus, in der dem Sieger wieder reiche Beute winke, sei, so Mises, dieses Argument der Pazifisten ein „Atavismus“.

    Welche konkreten Konsequenzen zog Mises daraus für das Handeln der Alliierten im Zweiten Weltkrieg?

    Kommentar von Cupido — 07.08.07 20:19 #

  2. [...] -  eben auch anvisiert, das habe ich seltsamerweise noch nirgends gelesen bei unseren “Individualisierungs”-Propagandisten (diese zutiefst protestantische Vereinzelung von oben ist ja genau das gleiche Prinzip, das auch [...]

    Pingback von Alle Räder stehen still … « shifting reality — 08.08.07 08:54 #

  3. In einem totalen Staat der den totalen Krieg führt und die Bürger mit ihrer ganzen Leidenschaftlichkeit auch seelisch am Kriege teilnehmen – weil der Staat ihr Gott ist und im existentiellen alle Glieder erfassenden Kampf gegen seine Feinde steht – ist es „daher unsinnig, im Kriege des Volksimperialismus zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten, zwischen dem Heere und der Zivilbevölkerung zu unterscheiden“. Im totalen Krieg werden das klassische Kriegsrecht und völkerrechtliche Erwägungen und Rücksichtnahmen obsolet. Für Mises ist es auch unsinnig, daß der moderne Krieg von den Regierungen gegen den Willen der Völker angestiftet und geführt werde. Nicht nur marxistische Geschichtsschreiber, auch so mancher (rechts-)libertäre Hobbyrevisionist dürfte ob solcher Passagen zu schlucken anfangen: „Es ist eine arge Verkennung der Tatsachen, wenn man meint, Wilhelm II. und die Junker und Generäle hätten den [1.]Weltkrieg gegen den Willen der Mehrheit des deutschen Volkes vom Zaune gebrochen. Die überwiegende Mehrheit der Angehörigen des Deutschen Reichs hat den Krieg herbeigesehnt; die Nationalisten haben dem Kaiser lange den Vorwurf gemacht, daß er nicht den Mut habe, das Schwert zu gebrauchen. Als der Krieg losbrach, brauste ein Jubelruf durch das Volk. Das Häuflein, das in Deutschland liberal dachte, stand machtlos daneben. Nicht daß Wilhelm II. den Krieg herbeigeführt hat, hat ihn um Volksgunst und Krone gebracht, sondern daß er ihn nicht siegreich zu führen wußte. Nicht Hitler hat den Krieg entfesselt, sondern der Wille der großen Mehrheit im dritten Reich.“

    Schwere Vorwürfe richtet Mises in einer nach Abschluß des Manuskriptes 1941 eingefügten Passage diesbezüglich auch an die Westmächte. England und Frankreich attestiert er „unbegreifliche Verblendung“, da sie nicht gesehen hätten, daß Hitlerdeutschland seit sechs Jahren nichts anderes getan hätte, als diesen Krieg vorzubereiten. Die französischen Generäle wären im Herzen ohnehin Gegner der Republik und der demokratischen Ideen von 1789 gewesen, sie waren „klerikal, monarchistisch und schwärmten für die Diktatur nach dem Vorbild des Nationalsozialismus und des Faschismus“. Entsprechend scharf und unerbittlich fällt sein Urteil über das Vichy-Regime aus:
    „Wenn es noch eines Beweises dafür bedürfte, daß Frankreich im Juni 1940 von seinen Führern verraten wurde, so haben ihn die Ereignisse, die auf den Waffenstillstand folgten, zur Genüge erbracht. Die Regierung des greisen Marschalls Petain hat die Stirne gehabt, ihr System als „nationale Revolution“ zu preisen. Sie hat die Devise der französischen Republik „Liberté, Égalité, Fraternité“ durch die sinnlosen Schlagworte: „Famille, Patrie, Travail“ ersetzt. Sie hat sich beeilt, die parlamentarische Verfassung durch die Diktatur zu ersetzen. Sie hat die Einrichtungen des Nationalsozialismus getreulich nachgebildet.“

    Mit den Legenden der sozialdemokratischen Geschichtsschreibung, dem angeblichen Internationalismus der Sozialdemokratie, räumt Mises gründlich auf. Ausführlich geht er auf die Widersprüche von marxistischen Dogmen und der praktischen Politik von Bebels Sozialdemokratie ein. In der Ideologie der Nationalsozialisten sieht er einen spezifischen Seitentrieb der Sozialisten. Die Doktrinen des Nationalismus und Sozialismus hätten die Nazis nicht erfunden – sie haben sie lediglich gebündelt. „Die Bedeutung des Umbruches von 1933 lag nicht etwa im Übergange von einer Politik des Friedens zu einer Politik des Nationalismus, sondern in der straffen Zusammenfassung aller nationalistischen Kräfte, die, in viele Parteien zersplittert, einander befehdet hatten.“

    „Alle Ideen des deutschen Nationalismus sind lange vor 1914 erdacht worden. Nicht ein einziger Gedanke fehlte. Nichts in ihm später hinzuzufügen gewesen und nichts ist ihm später hinzugefügt worden. In den Schriften und Reden von Hitler, Goering, Goebbels, Rosenberg, Feder, Spann, Spengler, Sombart und aller übrigen Nationalsozialisten ist nicht eine Spur von Neuem zu entdecken. Alles hatten schon Langbehn, Lagarde, Treitschke, Schmoller, Rohrbach, Hasse, Class, Naumann, Bernhardi, und viele andere weit besser, klarer und vollständiger dargelegt. Der Nationalsozialismus stand schon vor dem Ersten Weltkrieg fertig da. Er ist nicht etwa, wie man irrigerweise anzunehmen pflegt, ein Produkt des Krieges und des Vertrages von Versailles.“

    Aus diesem Grunde könne man sich auch schwerlich vorstellen, daß ein „regime change“ in Deutschland ausreichen könnte, dieses Land wirklich dauerhaft zu befrieden, wenn nicht die nationalistischen Ideologien ausgerottet würden, die die meisten Deutschen zu diesem Zeitpunkt jedoch verinnerlicht haben (anstatt sie durch eine „sozialnationalistische“ zu ersetzen, was, laut Peter Sloterdijk, nach 1945 in Deutschland geschehen ist).

    Weder für den ungehinderten Aufstieg Hitlers noch für die im Grunde von Anfechtungen durch eine renitente Bevölkerung beeinträchtigte Ausübung seiner Herrschaft bis zum bitteren Ende läßt er billige Ausreden gelten, die sich heute auch weit über den auf NS-Apologetik abonnierten Kreis hartgesottener Deutschländerwürstchen hinaus wachsender Beliebtheit erfreuen. Mises widerspricht der von vielen wohlmeinenden Engländern und Amerikanern vertretenen These, daß „die Mehrheit des deutschen Volkes die Ideen der Nazi nicht teilt und das Joch Hitler’s nur unwillig erträgt.“ Beim Volke der Dichter und Denker stünden unter dem Einfluß der nationalistischen und sozialistischen Indoktrination heute Goten und Vandalen, ja selbst Hunnen und Mongolen höher im Kurs als etwa Goethes Weltbürgertum und Kants Ewiger Frieden. Es mache von daher auch keinen Sinn, Propagandaflugblätter über Deutschland abzuwerfen.

    Für Mises, dem man als Leser seine Erschütterung über die servile, scham- und würdelose Ein- und Unterordnungsbereitschaft vieler Deutscher in das nationalsozialistische System nachfühlen kann, ist es ein schwerer Irrtum zu glauben, daß viele Deutsche Hitler nur deswegen unterstützten, weil sie die Folgen der Niederlage fürchteten. Resigniert schreibt er:
    „Alle deutschen „Arier“ sind von Hitler’s Weltherrschaftsplänen fasziniert. Die wenigen, die anders dachten, sind längst „erledigt“, d.h. umgebracht worden.“

    Von Theodor Heuss stammt der häufig zitierte Ausspruch, der Geburtsort des Nationalsozialismus sei nicht Braunau am Inn gewesen, sondern Versailles. Mises sieht es anders: „Es ist ein Irrtum zu glauben, daß der Erfolg der nationalsozialistischen Agitation etwas mit den Mängeln des Versailler Vertrags zu tun habe… was diese [wiederauflebenden Hegemonie-] Pläne hat entstehen und volkstümlich werden lassen, ist allein der Gedanke: wir sind stark genug, die anderen niederzuwerfen. Würden die Deutschen nicht von diesem Gedanken besessen sein, dann hätte sie auch der ungünstigste Vertrag nicht zum Nationalsozialismus und zu seiner außenpolitischen Haltung bringen können.“

    Und zum untauglichen Versuch, Hitlers Machtergreifung mit den sozialen Verwerfungen der Weltwirtschaftskrise zu entschuldigen, schreibt Mises: „Die Wirtschaftskrise war nicht auf Deutschland beschränkt. In den anderen Ländern, die von ihr betroffen wurden, hat sie nicht eine Partei gestärkt, die von Rüstungen und vom Krieg das Heil erwartete.“

    Wohl in Anspielung auf gewisse nationalkonservative Kreise, die zu Hitler zunehmend auf Distanz gehen, schreibt er:

    „Es gibt in Deutschland auch eine Opposition. Doch die Gegner der herrschenden Gruppen sind nicht etwa Gegner des Nationalsozialismus. Sie wollen die Macht im Reiche erlangen, doch sie würden, einmal zur Herrschaft gelangt, nicht anders regieren als die, die heute das Heft in Händen haben; sie würden auch den außenpolitischen Kurs nicht ändern. Kein Regierungswechsel könnte einen Systemwechsel bringen, solange der Nationalismus Macht über die Geister behält. Erst wenn die Deutschen alles, was sie heute verneinen, bejahen und alles, was sie heute bejahen, verneinen werden, wird eine deutsche Regierung möglich sein, die auf Krieg, Militarismus und Hegemonialpläne verzichtet. Das deutsche Volk wird erst dann bereit sein, sich friedlich in die Staatengesellschaft einzuordnen, wenn der einzelne Deutsche gelernt haben wird, daß es auch andere Mittel zur Austragung von Meinungsverschiedenheiten gibt als Mordwaffen.“

    Mises ist im Angesichte der Bedrohung nationalsozialistischer Eroberungsfeldzüge entschieden kein Pazifist. So wirft er dem an höheren Lehranstalten Frankreichs gelehrten Vorkriegspazifismus die Propagierung kampfloser Waffenstreckung vor Hitler vor und gibt einige Seiten weiter auch noch dem populär-sozialistischem Ressentiment gegen die Profite der Rüstungsindustrie eine Mitschuld daran, daß die Franzosen es vorgezogen hätten, lieber den Krieg zu verlieren. Den Demokratien des Westens attestiert er, gar keinen ernstlichen Widerstand gegen den Angriff des totalitären Staates zu leisten, sondern „jeden Versuch, die Verteidigung der Zivilisation vorzubereiten, heimtückisch sabotiert“ zu haben: „Sie haben sich die längste Zeit hinter dem leeren Wort „Neutralität“ verschanzt.“ (sic!)

    Kommentar von ddh — 08.08.07 10:47 #

  4. Nachtrag: Aber Mises sieht auch, daß der Krieg auch die westlichen Staaten verändern wird – zu ihrem Nachteil, in dem er sie der Zwangswirtschaft zutreibe, und die Erfahrung lehrt, daß auch nach dem Kriege die im Kriege einmal erfolgte Staatsexpansion nie wieder ganz rückgängig gemacht werde (ein Phänomen, für das Robert Nisbet später den Begriff war-sprung-socialism geprägt hat). Und eine Wahrheit, die man niemals verdrängen darf: Krieg ist Barbarei und Brutalität und macht alle, die ihn führen, schließlich zu brutalen Barbaren. Von “soldatischen Tugenden in einem sauberem Waffenrock” – einer Entlastungsformel die man hüben wie drüben wie nach jeder geschichtlichen Schweinerei bis zum Erbrechen gern zu hören bekam und bekommt – ist bei ihm gottlob keine Rede!

    Kommentar von ddh — 08.08.07 13:39 #

  5. Schöne Rezension! Da Du die Beschlagnahmung von Mises’ Akten und Manuskripten erwähnst, hier noch ein Batman-Comic dazu.

    Kommentar von Matt Jenny — 08.08.07 16:31 #

  6. Mises überlegt auch laut, ob die Deutschen, nicht nur die nationalsozialistischen Ideen, nach Kriegsende ausgerottet werden müssten:

    Nur ein Beispiel für mehrere Texstellen:
    “Wenn die Sieger das deutsche Volk nicht ausrotten wollen – und es wurde schon angedeutet, dass auch damit in der nationalistischen Welt noch keine Befriedigung zu erreichen wäre – dann müssen sie den Tatsachen in die Augen sehen…Dann werden Sie erkennen müssen, daß der Nationalismus … das deutsche Volk… immer wieder zum… Kampf um die Vorherrschaft treiben muß.”(S.249 f.)

    Jetzt aber der Gedankenblitz:
    “Und wenn man die Deutschen ausrottet, wird ein anderes Volk an ihre Stelle treten.”(S. 250)

    Also alle Menschen ausrotten? Dann würde der ewige Frieden eintreten, wie er auf Friedhöfen herrscht. Aber Mises spinnt den Gedanken nicht in dieser Richtung weiter.

    Stattdessen scheint hier eine Fehlprognose zu folgen:
    “Sollten fremde Truppen ganz Deutschland besetzen, so werden sie einer no-cooperation Bewegung gegenüberstehen wie die Japaner in den besetzten Teilen Chinas.”(S. 251)

    Mises will damit aber hinaus, dass “ein radikaler Umschwung des politischen Denkens” aller Menschen hin zum Liberalismus notwendig sei, um den Frieden herzustellen (S. 251), wobei er allerdings nicht absehen kann, dass gerade auch “das deutsche Volk zu einer anderen Denkungsart gelangen könnte” (s. 254). Die Erfahrung der Niederlage allein reiche nicht aus. Es müsse auch ein wirtschaftspolitischer Doktrin-Wechsel her.

    Kommentar von BvG — 09.08.07 16:05 #

  7. “Mann kann die Eigenart des deutschen Nationalismus nicht verstehen, wenn man nicht beachtet, daß er sich nur dadurch von dem Nationalismus anderer Völker unterscheidet, daß er der Nationalismus eines Volkes ist, das glaubt, daß es stark genug sei, um die Weltherrschaft oder zumindest die Vorherrschaft in Europa zu erlangen.” Mises, Im Namen des Staates, S. 136

    Dazu kann man eigentlich nur anmerken, dass auch Briten und Franzosen keine allzuschlechte Meinung von sich gehabt zu haben scheinen, da sie im Gegensatz zu den Deutschen just zu jener Zeit der Buchniederschrift gigantische weltumspannende Kolonialimperien unterhielten. Im Versailler Vertrag wurde sogar deutlich, dass sie sich für geeigneter als Deusche hielten, Kolonien zu verwalten.

    Es trat da also in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Konflikt zwischen europäischen Mächten, die die hegemoniale Stellung hatten und solchen, die sie erlangen wollte,scheint mir. Krieg entstehen nämlich nur, wenn zwei Seiten dasselbe wollten.

    Und was hatten diese Herren im Kreml und im Weißen Haus vor? Haben die die Weltherrschaft nach dem 2. Weltkrieg rein zufällig zwischen sich aufgeteilt, oder bestanden da womöglich Pläne und Absichten in dieser Hinsicht…

    Kommentar von BvG — 09.08.07 16:16 #

  8. Liberalismus garantiert nur Frieden, wenn alle mitmachen.

    Ist das für den Islamismus relevant, ob seine Gegner Liberale oder Sozialisten sind?

    Kommentar von BvG — 09.08.07 16:18 #

  9. “Liberalismus garantiert nur Frieden, wenn alle mitmachen.”

    Kommt darauf an. In einer Demokratie reicht ungefähr die Mehrheit.

    Kommentar von tigger — 10.08.07 11:59 #

  10. Wenn eine Minderheit die Mehrheitsergebnisse nicht akzeptiert, reicht die Mehrheit für den Frieden nicht.

    Eigentlich gibt es permanent Krieg, sei es nur den der Ordnungsbehörden gegen diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten (Kriminelle).

    “Das Ende der Kriege werden erst die Toten sehen.” (Platon)

    Kommentar von BvG — 10.08.07 21:15 #

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