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Von Tätern und Opfern

Sonntag, 15.04.07 11:32 by M.M. - 22 Kommentare

Nein, die Sache ist einfach noch nicht ausgestanden. Das ist das eigentliche Fazit, das aus der Oettinger-Sache gezogen werden kann. Da mögen in den letzten Jahren noch so viele gescheite, vergangenheitsbewältigende Zeitungsartikel und Bücher geschrieben, noch so viele Aussöhn- und Verständnisreden gehalten worden sein, die Nazidiktatur ist und bleibt die traumatische Erfahrung der Deutschen, bleibt dieses lästige Stück Geschichte. Nichts ist einfacher als diese Erkenntnis. Und daraus folgt, dass es für Deutschland, die Deutschen nie mehr einen Zustand wie vor der Machtergreifung des Österreichers geben wird.

1933 wurde eine pluralistische Gesellschaft von Parteigängern, Künstlern, Intellektuellen, Weltanschauungsanhängern, Indifferenten, Unwissenden, Desinteressierten, politisch Abstinenten durch ein bipolares System abgelöst, von einem System von Tätern und Opfern.

Ich weiss, während man die Opfer zumeist als geschlossene Kategorie abhakt, hat man schon kurz nach dem letzten Schusswechsel sich darauf konzentriert, die Kategorie der Täter in mehr oder weniger Beteiligte aufzuschlüsseln. Zur harmlosesten Kategorie sollen die Mitläufer zählen. Die kommen auf der Plusseite gleich nach den Widerständlern. Welch ein verschrobenes Bild. Wenn schon müsste es eine Kategorie „Stehenbleiber“ dazwischen geschoben werden.

All jene, deren Geburtsdatum nach dem 8. Mai 1931 liegt, sind – mangels Strafmündigkeit, denn sie waren am Tage der Kapitulation noch nicht 14 Jahre alt – rechtlich nicht einmal theoretisch zur Verantwortung zu ziehen. Und diese Personengruppe stellt die überwältigende (!) Mehrheit der heutigen Staatsbürger Deutschlands.

Tolle Idee: Wir bräuchten also nur abzuwarten, bis die Altvorderen bis zum Jahrgang 1930 das Zeitliche gesegnet haben und flugs wären die Deutschen die historische „Altlast“ endlich los.

Tut mir leid, so werden wir* uns nicht aus der Geschichte stehlen können. Denn die unschuldigen 14jährigen standen ja am 6. Mai 1945 nicht alleine in der Welt da, betreut von ein paar demokratisch gesinnten Amerikanern und bauten einen neuen Staat auf. Und unschuldig, wie diese Kinderlein nun mal waren, griff in Deutschland ein völlig neues Denken um sich. Oder?

Nein, die Täter lebten weiter und sie wollten vor allem eines: so rasch wie möglich vergessen. Bei diesem Verdrängen kam ihnen ein entscheidender Glücksfall entgegen: Deutschland lag in Schutt und Asche. Die damit ermöglichte Beschäftigungstherapie liess wenig Raum und noch weniger Zeit, sich mit Gestern auseinderzusetzen. Doch wie wir diese Woche wieder erlebt haben, reichte diese emsige Geschäftigkeit nur dazu aus, die Oberfläche glatt zu streichen.

Der Stachel sitzt tief. Die Tätergeneration, deren Denken auch meine Generation beeinflusst hat (harmlosester Nazislogan: „eine deutsche Frau raucht nicht“) und durch uns auch in die nächste Generation hinüberschwappt, stirbt erst jetzt endgültig weg.

Und das ist ja das eigentliche Ärgernis für viele Deutsche: Jedes Jahr stirbt wieder so ein Altnazi oder von mir aus ein „Mitläufer“, der uns nicht nur an die unseligen Jahre des Terrors erinnert, sondern auch an die langen Jahre des Verdrängens nach dem Krieg.

Let’s face it: Dieser Blick in den Abgrund tut noch immer weh. Solange es weh tut, ist die Sache nicht ausgestanden, kann sie bei Wikipedia nicht als erledigt abgelegt werden.

Und wenn dann einer, wie Herr Oettinger so einen Blick in die Tiefe getan hat und all die Umstehenden fragen: „Und, was hast du gesehen?“ und der dann seine beschränkte Sicht des Gesehenen und Gehörten den Umstehenden schildert, ist die Aufregung jedes Mal riesengross. Denn jeder meint doch inzwischen ein rechtes Stück von der korrekten Deutungshoheit zu besitzen.

Nehmen wir endlich zur Kenntnis, dass es nur ganz Wenige sind, die zu dieser zivilisatorischen Katastrophe die richtigen Worte finden.

Als Liberale sollten wir auch endlich zur Kenntnis nehmen, dass wir immer die Wahl haben, dass wir immer eine Wahl treffen müssen. “Mitläufer” ist eine Erfindung der Aufräumer.

Meine Grosseltern hatten sich spätestens 1933 definitiv entschieden und ihr Nein und ihren aktiven Widerstand mit dem Leben bezahlt. Mein Grossvater Heinrich Müller wurde am 10. August 1943 um 21.15 Uhr im KZ Sachsenhausen erschossen, seine Frau, Lina Müller-Stumpp, tags darauf, am 11. August 1943 um 22.25 Uhr. Meine Mutter verbrachte als 16jährige sechs Monate in Gestapohaft. Sie wurde als „unschuldig“ entlassen. Sie blieb es Zeit ihres Lebens. Der Schmerz über diesen Opfertod sitzt tief. Auch in der nächsten Generation. Dieser Schmerz.

*Ich bin von Geburt aus Deutscher und aus freier Wahl Schweizer.


Das Antibuerokratieteam - seit 15.08.07 auf www.antibuerokratieteam.net

22 Kommentare »

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  1. Ohne Worte

    Kommentar von DDH — 15.04.07 13:10 #

  2. Als Liberale sollten wir auch endlich zur Kenntnis nehmen, dass wir immer die Wahl haben, dass wir immer eine Wahl treffen müssen.

    Ein großes Wort gelassen ausgesprochen. Aber mit den Worten ist das so eine Sache: Niemand von uns weiß wirklich, wie er sich verhalten würde. Und bei allem Respekt vor und aller Bewunderung von Menschen wie deinen Großeltern: Gerade Liberale können es anderen Menschen nicht vorwerfen, dass sie nicht in den Tod gingen. Und noch dazu den ihrer Familie riskieren.

    Dazu fällt mir gerade das Buch von Dahrendorf, “Versuchungen der Unfreiheit”, ein, in dem er konstatiert, dass seine “Erasmier” allesamt nicht zu Märtyrern taugten, dass es, um ein solcher zu werden, wohl ganz anderer Eigenschaften bedürfe, als man sie bei solchen liberalen Geistern meist findet.

    Was mir aber ganz und gar nicht gefällt, ist, den Widerwillen vor der zu pauschalen und schnellen Verurteilung vieler Menschen, die doch wohl eher den Idealen, für die damals viele in den Tod gegangen sind, auch widersprechen würde, gleich mit dem Willen zum Vergessen und Verdrängen in Verbindung zu bringen.

    Aus meiner Sicht ist genau das Gegenteil richtig: Gerade das Verständnis für die Lage des “normalen Mitläufers” ist aus meiner Sicht enorm wichtig, um den Blick zu schärfen für neue oder wiederkehrende Formen des Despotismus. Nur mit aktiven Widerständlern ist ein solches Regime nicht zu Fall zu bringen: Dazu bedarf es vieler Menschen, die an der Stelle, an der sie stehen, jeden Tag ein wenig mehr Sand ins Getriebe streuen. Wieviel Risiko jemand dabei eingeht, sollte ihm überlassen bleiben. Wichtig ist aber, dass er nach Möglichkeiten sucht und sie wahrnimmt, wenn sie sich ihm bieten. Das z.B. wäre die Lehre, die ich aus dem Schicksal Schindlers ziehe, der ja auch in seine Rolle des Retters eher hineingeschliddert ist und hineingedrückt wurde, dann aber im richtigen Moment zeigte, dass er ein Mensch war.

    Kommentar von Rayson — 15.04.07 14:35 #

  3. Niemand “schliddert” wo hinein, niemand wird “verstrickt”. Das sind Euphemismen.
    Menschen handeln, wie sie handeln, und sie wollen das. Nach welchen Motiven sie es allerdings tun – darüber richtet in der Tat nur der eigene “innere” Gerichtshof.

    Kommentar von Bodo Wünsch — 15.04.07 15:16 #

  4. [...] um das Wesen Filbingers, seiner Schuld und die deutsche Vergangenheitsbewältigung (etwa hier, hier und hier). Da ist es also wieder, das grosse Wort der “Vergangenheitsbewältigung”, [...]

    Pingback von paxx:blog » Blog Archive » Vergangenheitsbewältigung — 15.04.07 16:33 #

  5. Zitat: “Tut mir leid, so werden wir* uns nicht aus der Geschichte stehlen können”

    Und wo ist da jetzt der unterschied zur Erbsuende, aus der (katholischen) Religion?

    Kommentar von dagny — 15.04.07 17:53 #

  6. @M.M.:
    daraus folgt, dass es für Deutschland, die Deutschen nie mehr einen Zustand wie vor der Machtergreifung des Österreichers geben wird.
    Sehr geehrter Herr Kollege M.M.!

    Bitte nehmen sie zur Kenntnis, daß Hitler zum Zeitpunkt seiner Machtübernahme kein Österreicher war, sondern Deutscher Rechsbürger (dank Braunschweig – Sie wissen’s sicherlich). Jedoch auch vorher war er kein Österreicher, sondern staatenlos, da er die österreichische Staatsbürgerschaft aufgegeben hatte (1925 Aberkennung auf eigenen Antrag).

    Hitler jetzt als “Österreicher” zu bezeichnen ist etwa so richtig, wie Rainer Maria Rilke als “tschechischen Schriftsteller” – nämlich gar nicht.

    Der Stachel sitzt tief. Die Tätergeneration, deren Denken auch meine Generation beeinflusst hat (harmlosester Nazislogan: „eine deutsche Frau raucht nicht“) und durch uns auch in die nächste Generation hinüberschwappt, stirbt erst jetzt endgültig weg.

    Also solange sich die Täterschaft auf den zitierten Nazislogan beschränkte (und das wird’s bei den meisten auch gewesen sein, KZ-Wärter und Gestapo-Beamte gab’s ja nicht in Millionenzahlen), kann uns (und jedem anderen) das auch ziemlich egal sein.

    Let’s face it: Dieser Blick in den Abgrund tut noch immer weh. Solange es weh tut, ist die Sache nicht ausgestanden, kann sie bei Wikipedia nicht als erledigt abgelegt werden.
    Und dafür, daß es weh tut, kann man ja sorgen, indem immer dieselben Sachen immer neu aufgewärmt werden. Kein Tag ohne Nazi-Doku im Spätprogramm. Das tut weh, in der Tat. Vielleicht nicht so, wie Sie’s gemeint haben, aber immerhin.

    Let’s face it: solange man die Deutschen kollektiv in den Arsch tritt, und Sie “es tut uns leid” murmeln und zahlen, wird dieser Zirkus weitergehen.

    I’m sorry: wenn mir jemand nach 60 Jahren den Bankraub meines Großonkels*) vorhält und mich zur Beknirschung dafür auffordert, dann werde ich ihn fragen, ob er noch bei Trost ist. Und wenn er mir ein stellvertretendes Schuldbekenntnis abnötigt, kann es schon sein, daß es dann weh tut (weil mir u.U. die Hand auskäme, wiewohl ich eine durchaus besonnener Mensch bin).

    Was nun Ihre Familienbiographie betrifft: Respekt, Respekt – nicht Ihnen, sondern Ihren Vorfahren, wohlgemerkt. Nur: ist das die Pflicht jedes Menschen? In den Widerstand zu gehen, auch wenn man dafür ins KZ kommt? Das meinen Sie doch hoffentlich nicht ernst, sonst müßte ich Sie fragen: und die armen Christen im Sudan – die sind Ihnen nichts wert? Hopp, hopp, Herr M.M., ins Flugzeug mit Ihnen und Widerstand in Karthum organisiert! Ach, dort droht nach der Scharia die Todesstrafe? Na, macht doch nichts, ist doch selbstverständlich, oder nicht?

    Meine Familienbiographie ist nicht so glanzvoll:

    Da gab’s einmal einen lange pensionierten Schuldirektor, der während des 2. Weltkriegs an einem Herzleiden starb. Der alte Herr war einstens sicherlich deutschnational eingestellt (das waren damals fast alle Lehrer in Österreich, außer die Karrieristen, die waren kaisertreu schwarz-gelb und katholisch), ob er Nazi war, weiß ich nicht – und selbst wenn, dann hat er keine Juden ins KZ gebracht, schöngeistiger Musikliebhaber der er war. Seine Frau war damals schon lange tot (also der kann man denkmöglich die Nazis nicht in die Schuhe schieben). Mütterlicherseits war mein Großvater ein kleiner Kommunist, der in der Naizzeit eher auf unauffällig tat, damit er nicht aufflog. Und meine Großmutter (damals bereits geschieden und Alleinerzieherin meiner Mutter) war christlichsozial und ziemlich unpolitisch, wie damals üblich. ach ja, eine ihrer besten Freundinnen war Jüdin. die hat die Nazizeit überlebt, weil sie als Putzfrau bei einem SS-Offizier gearbeitet hat. Mein Vater war Funker bei der Sturmartillerie (wo das Erschießen von Juden und Partisanen wohl auch nicht in seine Zuständigkeit gefallen sein dürfte), meine Mutter kleine Sekretärin bei der Krankenkasse. Die alle gingen zwar nicht in den Widerstand, aber haben sich (soweit ich weiß) auch nichts zuschulden kommen lassen.

    Und jetzt, bitte, sagen Sie mir, warum mir ein Blick auf die Zeit 1933-45 besonders weh tun sollte? Nämlich mir mehr, als z.B. einem Mr. John Smith aus Detroit. Auf die Gefahr hin, jetzt als ewiggestrig beurteilt zu werden: mir fällt dazu kein spezifischer Grund ein!

    *) ein rein hypothetisches Beispiel, denn ich habe/hatte keinen!

    Kommentar von LePenseur — 15.04.07 19:08 #

  7. @dagny: Es geht bei diesem Thema nicht um Flapsereien. Die Erbsünde erklärt sich in einigen christlichen Kirchen aus der Annahme, dass “alle Menschen durch die Trennung von Gott der Sünde ausgeliefert sind.” Das mag man glauben oder auch nicht.

    Wir reden hier von historischer Verantwortung und über das “Curriculum Vitae” eines Landes. Weimar ist in diesem Sinn die deutscheste aller deutschen Städte. Dachte ich wenigstens, als ich dort vor fünf Jahren zum ersten Mal durchreiste.

    @Rayson: Es liegt mir fern, jemanden zu verurteilen. Aber ich denke, in diesem historisch mit nichts zu vergleichenden, nur auf Vernichtung angelegten Staat, gab es nur ein Entweder-Oder. Nun sind Schwäche und Versagen weit verbreitete menschliche Eigenschaften. Aber auch Einsicht. Und gerade an dieser mangelte es bei vielen in deinem Sinn “Überlebenden”. Ich habe Dahrendorfs Buch auch gelesen. Wenn ich mich recht erinnere, lebten zu der Zeit ausser von Frau Dönhoff keiner der Erasmier in Deutschland.

    Kommentar von M.M. — 15.04.07 19:35 #

  8. @LePenseur: Die Österreicher sind doch fein raus, seit 45. Was regen Sie sich also auf.

    Kommentar von M.M. — 15.04.07 22:07 #

  9. @M.M.

    Ich glaube, dass diese Schwarz-Weiß-Malerei in gewissem Sinn “unmenschlich” ist. Leben ist komplizierter.

    Wenn ich mich recht erinnere, lebten zu der Zeit ausser von Frau Dönhoff keiner der Erasmier in Deutschland.

    Das ändert nichts an der Feststellung, im Gegenteil.

    Kommentar von Rayson — 15.04.07 22:52 #

  10. @M.M.:
    Aber ich denke, in diesem historisch mit nichts zu vergleichenden, nur auf Vernichtung angelegten Staat, gab es nur ein Entweder-Oder.
    Also ich finde, daß dieser Staat historisch sehr wohl vergleichbar ist – leider! Denn es wäre zwar nicht schön für die Betroffenen, aber doch für uns Nachgeborene irgendwie beruhigend, wenn dergleichen in der Menschheitsgeschichte noch nie (und nie später) vorgekommen wäre, es sich also um eine historische Singularität handelte. Nur, dem ist leider nicht so!

    Denken Sie an das kommunistische Rußland (insbes. unter Stalin) – wo, bitteschön, ist da der Staat angesichts dutzender (!) Millionen Toter um einen Deut besser? Oder an die Greuel der Roten Khmer in Kambodscha, die prozentuell noch viel, viel mehr Menschen ihres Landes ausrotteten, als es in der Naizzeit geschah. Oder an die Türken mit den Armeniern (von denen nur deshalb nicht ebensoviele umkamen wie Juden in Nazideutschland, weil es einfach nicht genug von ihnen gab).

    Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen. Über China, mit der massenweisen Ermordung von Tibetern, über die USA mit der planmäßigen Ausrottung der autochthonen Indianer im 18./19. Jhd., über die Engländer mit ihren Greueltaten in Indien, über die Massenmorde im 30-jährigen Krieges, die ganze Landstriche entvölkerten, über die moslemischen Sudanesen mit der Ermordung und Versklavung der Christen und Animisten im Südsudan, über die Azteken mit ihren Feldzügen zur Erlangung von Menschenopfern für ihre Götter, etc. etc….

    All diese schrecklichen Vorkommnisse zeigen uns, daß Menschen jeder Nationalität, Rasse, Hautfarbe und Religion leider genau solche Dinge machten wie die Nazis. Aus unterschiedlichen Gründen vielleicht, und mit (je nach Technologiestufe) unterschiedlicher “Perfektion” – was aber dem Opfer, das sein seine Freiheit und/oder sein Leben verliert, letztlich egal sein kann!

    Was nun Ihr Statement
    Die Österreicher sind doch fein raus, seit 45. Was regen Sie sich also auf.
    betrifft, so kann ich nicht einmal lachen darüber. Denn entweder haben Sie die letzten 20 Jahre seit der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten verschlafen, oder Sie wollen gezielt Salz in die Wunden streuen …

    Kommentar von LePenseur — 16.04.07 09:08 #

  11. Die Relativierungsdiskussion ist passé, obwohl sie immer wieder kommt. Ich bleibe bei meiner Aussage: ohne Beispiel, mit nichts zu vergleichen, singulär.

    Und das gebe ich zu: Das war Salz in die Wunden (ha, also doch). Ich hatte noch den Satz drin, “seither waren nur noch Pferde in der SA”, aber das wäre doch allzu plump gewesen. Deshalb kam da die Delete-Taste zum Einsatz.

    Aber ich denke, wir lassen es jetzt dabei bewenden. Es gibt ja noch andere Themen.

    Kommentar von M.M. — 16.04.07 10:20 #

  12. @M.M.:

    Die Relativierungsdiskussion ist passé, obwohl sie immer wieder kommt

    Die “Relativierungsdiskussion”, wie Sie sie zu nennen belieben. ist keineswegs passé – das hätten Sie bloß gerne! Die muß sehr wohl geführt werden, da es in allen geschichtlichen Ereignissen ein “absolut Böses”, das demgemäß absolut inkommensurabel wäre, nicht gibt (oder eben gibt, womit freilich jegliche Geschichtswissenschaft ad absurdum geführt wäre).

    Ihre vollmundige Aussage “ohne Beispiel, mit nichts zu vergleichen, singulär” ist gelinde gesagt an der Grenze zur Unverfrorenheit z.B. gegenüber den Abermillionen Opfern den Kommunismus, welche demnach also “bloß” Opfer einer “relativ” unschönen Ideologie gewesen wären. Da ist also nix singulär und auch nix absolut böse dran, wenn man 10-15 Millionen Kulaken umbringt, die haben halt einfach Pech gehabt, absolut böse und singulär ist was anderes. Sorry, ich nenne sowas schlicht und einfach: Zynismus. Na dann viel Spaß weiterhin mit Ihrer Ansicht …

    Und das mit dem “Salz in die Wunden”. Ja, Sie haben Recht: es ist in der Tat für den Betroffenen — und alle mit ihm Mitbetroffene, weil pauschal Mitverurteilte, und dazu zähle ich mich als Österreicher nach den gehässigen Medienberichterstattungen z.B. im Ferbuar 2000 durchaus! – verwundend, zu Unrecht und auf infame Weise angegriffen zu werden.

    Aber das ist wohl für jemanden, der genaue Kenntnis über das singulär absolut Böse zu haben vermeint, vermutlich nicht nachvollziehbar.

    Aber ich denke, wir lassen es jetzt dabei bewenden. Es gibt ja noch andere Themen.
    Womit Sie Gott sei Dank recht haben …

    Kommentar von LePenseur — 16.04.07 10:48 #

  13. Geehrte Admins!

    Sorry, der Tag bei “immer gibt” ist leider flöten gegangen! Den Recht bitte nicht in Fettdruck …

    Kommentar von LePenseur — 16.04.07 10:50 #

  14. > wenn man 10-15 Millionen Kulaken umbringt

    Warum wollen Sie denn “aufrechnen”? “Vergleichen”? WARUM? Möchten Sie die NS-Herrschaft mit dem Verweis auf andere exkulpieren? Was soll das? Ein Mörder erhält vor Gericht auch nicht deswegen Gnade, weil er glaubt, sich damit zu verteidigen zu können, andere hätten auch Dreck am Stecken – das sei doch “normal”.

    Guten Morgen! Das haben schon ganz andere erfolglos (und mit wenig Erkenntnisgewinn) versucht und sich den Mund fusselig gequallt.

    Sorry, Herr/Frau (”LePenseur” – solche anonymisierten Nicks kotzen mich an) X, so wurschtelbillig kommen Sie – schon gar nicht als Katholik, als den Sie sich bezeichnen – nicht weg.

    Kommentar von Bodo Wünsch — 16.04.07 12:43 #

  15. @Bodo Wünsch:

    Warum wollen Sie denn “aufrechnen”?
    Will ich gar nicht, warum unterstellen Sie mir das? Welchen Sinn machte denn eine “Aufrechnung” von soundsoviel Millionen Juden durch Nazis getötet mit soundsoviel Kulaken durch Kommunisten getötet? Gar keinen!
    “Vergleichen”? WARUM?
    Ja, sehr wohl. Weil nicht nur jüdische (und andere – von denen man allerdings unverhältnismäßig weit weniger hört (schon seltsam, nicht?) — Opfer der Nazis ein Recht darauf haben, daß man ihrer Gedenkt und die Gründe für ihre Ermordung in Erinnerung ruft.

    Genau DARUM.

    Möchten Sie die NS-Herrschaft mit dem Verweis auf andere exkulpieren?
    Hätte ich nicht von Ihnen eine (aus vielen Ihrer Beiträge gewonnene) durchaus positive Meinung von Ihrem Charakter und Ihrer Intelligenz, müßte ich mich jetzt fragen: “Wozu schreibst du da überhaupt noch was, wenn’s ohnehin keiner versteht bzw. verstehen will …”

    Nochmals im Klartext: es geht nicht um “Exkulpierung der Nazis” (die ich nämlich, sollte das bisher noch nicht hinreichend klargeworden sein, keineswegs mag), sondern um Korrektur der gefährlichen Illusion, es handle sich dabei um eine Singularität des Bösen, die man durch antifaschistische Beschwörungsformeln und Holocaust-Gedenkkommerz bekämpfen könne.

    Kommentar von LePenseur — 16.04.07 13:43 #

  16. Warum treten eigentlich zwei Dinge – erstens das (vorsätzliche?) Durcheinanderrühren sehr unterschiedlicher Begriffe wie “vergleichen” “aufrechnen” und “exkulpieren”, zweitens die Unterstellung von Dingen, die niemand gesagt hat – in dem hier streitigen Kontext mit so ennervierender Vorhersagbarkeit jedesmal wieder auf? Ganz recht: der Historikerstreit ist lange her, über diese Art von Habermasereien sollten wir inzwischen eigentlich hinaus sein.

    Kommentar von FAB. — 16.04.07 14:58 #

  17. Exkulpation – bei mir kam Ihr Posting aber das so an.
    Ich möchte es auch nicht weiter vertiefen – nur zwei kleine Anmerkungen: Einen “Holocaust-Gedenkkommerz” kann nicht nicht erkennen. Die einzige Kritik, die ich anbringen könnte, wäre, das jemand – wie so oft – Geld verwendet, das ihm nicht gehört (Staat) und noch nie gehört hat. Aber das ist ein anderes Problem.
    Antifaschistische Beschwörungsformeln kann ich auch nicht sehen – eher schon faschistisches/kollektivistisches/völkisches/nationalkonservatives Herumzündeln, auf das man nicht genug Wasser schütten kann.

    Kommentar von Bodo Wünsch — 16.04.07 15:55 #

  18. @Bodo Wünsch:

    Exkulpation – bei mir kam Ihr Posting aber das so an.
    Ist mir zwar beim besten (resp. schlechtesten) Willen völlig unnachvollziehbar, aber ich kann’s auch nicht ändern.

    Einen “Holocaust-Gedenkkommerz” kann nicht nicht erkennen.
    Im Ernst? Lesen Sie gelegentlich Tageszeitungen oder sehen Sie fern?

    … eher schon faschistisches / kollektivistisches / völkisches / nationalkonservatives Herumzündeln
    Wo? In Deutschland oder Österreich? Aber sicherlich nicht, eher (je nachdem in Auswahl) in Polen, Rußland, den U.S.A. oder dem einen oder anderen Land des Nahen Ostens (keine Angst, ich sage nicht, in welchem – sonst haben wir die nächste Diskussion), um nur ein paar Beispiele zu nennen. Aber wer einen Herrn Schönhuber mit – im Höchstfall – ein paar mickrigen Prozent und ohne Bundestagsmandat partout als neue “Gefahr von Rechts” stilisieren möchte, der vermag vermutlich auch Eidechsen zu embryonalen Tyrannosauriern hochzustilisieren …

    … auf das man nicht genug Wasser schütten kann
    Vermutlich jenes Wasser, das man den Deutschen (und Österreichern) predigt, während man diesbezüglich sich selber doch lieber den süffigen Wein der Selbstgerechtigkeit “Bei uns hätte Hitler nie Erfolg gehabt” und “Wir haben das absolute Böse besiegt!” ergötzt. “Chacun à son goût”, wie es so treffend in der Fledermaus heißt …

    Kommentar von LePenseur — 16.04.07 20:38 #

  19. Was damals stank, kann heute nicht Parfüm sein…

    Der Analyse von Verdauungsresten wesensgleich ist der aktuell geführte Blogstreit um die übelriechenden Hinterlassenschaften eines Hans Karl Filbinger. Als Marinerichter und späterer Ministerpräsident…

    Trackback von drchaos.blog — 17.04.07 00:04 #

  20. > Im Ernst? Lesen Sie gelegentlich Tageszeitungen oder sehen Sie fern?

    Berufsbedingt kann ich mich nicht darum drücken ;-)… aber vielleicht verraten Sie uns doch, was genau Sie unter “Holocaust-Gedenkkommerz” verstehen bzw. wie er sich für Sie äußert?

    Kommentar von Bodo Wünsch — 17.04.07 08:54 #

  21. @Bodo Wünsch:

    “Holocaust-Gedenkkommerz” hat viele Gesichter. Es wäre fast ein Ding der Unmöglichkeit, sie alle aufzuzählen. Aber vielleicht ein Beispiel:

    Wenn die KZ-Häftlinge (oder ihre Hinterbliebenen) für ihre Leiden eine Entschädigungszahlung bekommen, ist das natürlich kein Gedenkkommerz. Wenn am Ort eines ehemaligen KZ ein Denkmal für die Opfer errichtet wird, ist auch das kein Gedenkkommerz.

    Wenn hingegen schwunghaft “Antifaschismus”-Organisationen und -Beauftragte, “Restitutionsfonds” und wie sie alle heißen, geschaffen und aus Steuermitteln üppig dotiert werden, und diese damit hauptsächlich ihre umfangreiche Organisation mit vielen Präsidenten, Kommissionen, Generalsekretariaten, Überwachungs- und Dokumentationsstellen, internationalen Tagungen, Jahrbüchern, Pressemitteilungen und Tätigkeitsberichten füttern, dann ist das m.E. hingegen wohl Gedenkkommerz. Denn hier blähen sich professionelle Gutmenschen im Glanz ihrer edlen Werke und patentiert politisch korrekten Meinungen und kriegen noch (nicht zu knapp, versteht sich!) dafür gezahlt (Die Opfer sind eh schon tot und ihre Hinterbliebenen haben im Altersheim auch nichts mehr vom Geld, also verpulvern es lieber wir, denken sie sich …)

    Wenn irgendwo “Mahnmale” von ebenso bestechender Einfallslosigkeit (z.B. irgendwelche Stelenfelder) wie hohen Honorarzahlungen an antifaschistisch bewegte “Künstler” errichtet werden (auf Steuerzahlerkosten, versteht sich), dann liegt für mich der Verdacht auf Holocaust-Gedenkkommerz gleichfalls nahe.

    Ich hoffe das reicht Ihnen – sonst müßte ich Sie mit Augustinus’ Worten über die Zeit (”Si nemo ex me quærat, scio; si quærenti explicare velim, nescio”) vertrösten …

    Kommentar von LePenseur — 17.04.07 11:13 #

  22. Sehr guter Beitrag, Sascha.

    Westerwelle kommt jetzt mit Kommentaren etwas spät, zumal er da nicht gerade glaubwürdig ist, Stichwort Möllemann.

    Peinlich, dass in der Union immer noch viele Beifall klatschen für Öttinger. Der rechte Rand wird immer breiter…

    http://oliver-luksic.blogspot.com/2007/04/schnbohm-nicht-merkel-schadet-der-union.html

    Kommentar von Oliver Luksic — 17.04.07 13:32 #

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