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It’s witchcraft

Montag, 19.03.07 21:39 by Oliver M.H. - 3 Kommentare

In Großbritannien haben wir seit einiger Zeit eine neue Form demokratischer Mitwirkung entdeckt: elektronische Petitionen. Klar, die gibt es auch in Deutschland auf einigen Websites, aber hier werden sie auf der offiziellen Homepage des Premierministers geführt. Unter http://petitions.pm.gov.uk kann jeder Brite und jeder Einwohner des Vereinigten Königreichs seine Forderungen an Parlament und Regierung formulieren und um Unterstützung werben. Speaker’s corner goes online, so to speak.

Heute habe ich zum ersten Mal eine solche Petition unterzeichnet, denn diese war einfach zu skurril. Es geht um den Fall der schottischen Hausfrau Helen Duncan, deren Todestag sich 2006 zum fünfzigsten Mal jährte. Bekannt wurde Mrs Duncan als Wahrsagerin und Geisterbeschwörerin, vor allem aber als letzte Frau, die in Europa als Hexe verurteilt wurde. Im Zweiten Weltkrieg soll sie in einer Séance Informationen über die britische Flotte verraten haben, die so geheim waren, dass Mrs Duncan sie eigentlich nicht hätte wissen dürfen.

Der britische Geheimdienst MI5 erfuhr davon und wurde nervös. Helen Duncan wurde verhaftet. Allerdings gab es ein kleines Problem, denn was sollte man ihr zur Last legen? Fündig wurden die Ankläger in einem verstaubten englischen Gesetz aus dem Jahr 1735, dem Witchraft Act (Hexerei-Gesetz) – und Mrs Duncan wurde 1944 zu neun Monaten Haft verurteilt.

Premierminister Winston Churchill war über die Veurteilung auf Grundlage des Hexengesetzes übrigens dermaßen erzürnt, dass er sich für dessen Aufhebung persönlich einsetzte. Er selbst soll gelegentlich Mrs Duncans Dienste in Anspruch genommen haben.

Nun, 63 Jahre nach Helen Duncans Verurteilung und 50 Jahre nach ihrem Tod, gibt es wie gesagt eine Petition, mit der sie rehabilitiert werden soll. Der Initiator der Petition, der schottischer Baron Gordon Prestoungrange, erklärte dem Guardian:

“The prosecution and conviction of Helen Duncan as a witch was clearly as much of an injustice as those of the 16th and 17th centuries. It’s hardly credible that a 20th century court would be prepared to convict someone of witchcraft – within living memory of many in this present government. As well as the deprivations suffered by Helen Duncan in prison, the effect of the stigma on her family was and remains considerable.”

Eine Betrügerin mag Helen Duncan gewesen sein, eine Hexe aber wohl kaum, und daher wäre es nun endlich an der Zeit, das damalige Urteil aufzuheben. Wer dabei mithelfen möchte, sollte Brite sein oder im Vereinigten Königreich leben und kann auf dieser Seite seinen Namen unter die Petition setzen: http://petitions.pm.gov.uk/withcraft/

Damit kann die Neuzeit dann auch in Großbritannien beginnen.


Das Antibuerokratieteam - seit 15.08.07 auf www.antibuerokratieteam.net

3 Kommentare »

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  1. Danke für das Unterschreiben der Petition.
    Mit Helen Duncans bizarrem Schicksal habe ich mich auch schon mal intensiv auseinandergesetzt. Sie wurde übrigens nicht wegen “Hexerei” verurteilt: der “Witchcraft Act” von 1735 war das Gesetz, dass die Hexenverfolgung in England beendete. Es war allerdings vom Geist der Voraufklärung und einem autoritären Gesellschaftsverständnis geprägt: es besagt im Kern, dass es laut Gesetz keine Hexerei gibt (das Gesetz legt fest, was von nun an Tatsache zu sein hat). Wer behauptet, es gäbe Hexerei, egal, ob in Form einer Beschuldigung oder in Form einer Behauptung, er hätte magische Fähigkeiten, der machte sich nach dem “Witchcraft Act” strafbar.
    Das Gesetz war 1944 praktisch vergessen, es wurde ausgegraben, weil der Marinegeheimdienst Helen Duncan unbedingt “unschädlich” machen wollte, es nicht möglich war, sie wegen Betrugs hinter Gitter zu bringen bzw. ein Betrugsverfahren wegen ihren öffentlichen Seancen nur eine Ordnungwidrigkeit und ein kleines Bußgeld erbracht hatte. Duncan “mußte” aber “aus dem Verkehr” gezogen werden, nach der “Barham”-Affäre galt sie nämlich als glaubwürdig, und Gerüchte – egal welcher Art – wurden als Gefahr für die sorgfältig ausgetüftelte psychologische Kriegführung im Umfeld des D-Day und danach gesehen.
    Churchill, der trotz eigenen Interesse am Okkultismus übrigens niemals Frau Duncan konsultierte, sah das pragmatischer und hielt die Marinegeheimdienstler schlicht für berufsbedingt paranoid. Die miltärischen Planungen der Allierten kalkulierten ohnehin ein gewisses Maß an “undichten Stellen” ein, so gesehen wäre Duncan aus Sicht des Oberkommandos sogar dann harmlos gewesen, wenn sie hellseherisch die Invasionspläne in ihren Seancen ausgeplaudert hätte. (Agenten der deutschen “Abwehr” hätten das schwerlich sonderlich ernst genommen.) Dass sie selbst keine deutsche Agentin war, war nachweisbar.

    Die posthume Rehablitierung Helen Duncans halte ich nicht deshalb für wichtig, weil sie etwa als “Hexe” verurteilt worden wäre, sondern weil sie das Opfer einer Rechtsbeugung “im Namen der nationalen Sicherheit” wurde.

    Das dürfte auch der Grund sein, weshalb die Rehabilitierung letztes Jahr nicht durch kam.. Premier Tony Blairs Verständnis von nationaler Sicherheit ist deutlich näher an der paranoiden und rücksichtslosen Haltung des Marinegeheimdienstes als am Pragmatismus seines berühmten Amtsvorgängers Winston Churchill.

    Kommentar von MartinM — 19.03.07 22:09 #

  2. Danke für die Informationen! Wie kommst Du an all diese Infos? Warum hast Du Dich damit einmal intensiv auseinandergesetzt?

    Kommentar von Oliver M.H. — 20.03.07 09:01 #

  3. Die Infos: hauptsächlich Internet-Recherche. Das Interesse: ich bin (Amateur)-Hexenforscher (schreibe im Moment an einem Sachbuch; die Recherchen zu Helen Duncan gehören zu einem leider aufgegebenen Sachbuchprojekt mit mehreren Autoren).

    Kommentar von MartinM — 20.03.07 15:21 #

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