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Unterschichten-Mär?

Sonntag, 04.02.07 20:04 by jo@chim - 7 Kommentare

In Brand Eins erklärt der Politikwissenschaftler Klaus Schröder, dass die Armutsdebatte in Deutschland völlig überzogen ist, was Oswald Metzger in seinem Blog aufgreift. Folgende provokante Thesen werden aufgestellt:

1. Die Einkommens- und Vermögensverteilung in der alten Bundesrepublik und im wiedervereinigten Deutschland ist unter Schwankungen weitgehend konstant. Dass Arme immer ärmer und Reiche immer reicher werden, ist nach Schroeders empirischer Bewertung schlicht „ein populärer Unsinn“.

2. Verändert haben sich vor allem die Definitionen von Armut und Reichtum. In Deutschland wird Armut relativ zum mittleren Einkommen definiert. Heute gilt als arm, wer über weniger als 60% des mittleren Einkommens verfügt. Vor fünfzehn Jahren lag die offizielle Armutsgrenze bei 50% des Durchschnittseinkommens. Eine Familie mit zwei Kindern über 14 Jahren gilt als arm, wenn sie im Monat weniger als 2.350 Euro netto zur Verfügung hat. Schroeder spricht von privilegierter Armut, weil auf diesem Einkommensniveau wohl kaum von einer Notsituation gesprochen werden kann, sondern eine vollständige Grundsicherung gewährleistet ist.

3. Wir Deutschen zählen uns gern zu den Zu-Kurz-Gekommenen, überschätzen beispielsweise den Reichtum in unserer Gesellschaft völlig. Fragen Sie sich einmal selbst, mit welchem Monatsnettoeinkommen man in Deutschland zu den reichsten 5% der Bevölkerung gehört. Mit 5.000 Euro (!) monatlich gehört man in diesen Club.

4. In Ostdeutschland haben wir nach Schroeders Einschätzung in den vergangenen 15 Jahren eine Wohlstandsexplosion erlebt, die in der Weltgeschichte vermutlich einzigartig ist. Allein in den ersten fünf Jahren nach der Vereinigung ist das reale Durchschnittseinkommen der Haushalte im Osten auf knapp 90 Prozent des Westniveaus gestiegen. Für drei Viertel der Bevölkerung in den neuen Bundesländern sind die Lebensverhältnisse heute weitgehend auf dem Niveau Westdeutschlands. Bloß wollen das die Leute nicht wahrhaben. Sie orientieren sich an den obersten fünf Prozent, die nach wie vor mehrheitlich im Westen leben.


Das Antibuerokratieteam - seit 15.08.07 auf www.antibuerokratieteam.net

7 Kommentare »

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  1. Wenn das stimmt mit der Wohlstandsexplosion, bin ich noch fassungsloser über die zahlreichen Geizdebatten, die Land auf, Land ab geführt werden. Es gilt wohl leider immer mehr: Geld verdirbt den Charakter.

    Kommentar von Graham — 05.02.07 13:19 #

  2. ist eigentlich schon einmal aufgefallen, dass wir Themen wie das Präkariat, der Fremdenfeindlichkeit, die Unterschichten, …, neuerdings anhand von Studien aus dem FES, Gewerkschaftlichen und sonstigen linken Umfeld diskutieren?

    Links gibt die Themen vor und wir dürfen uns daran abarbeiten. Das ist sehr eindeutig. Im Fall der Fremdenfeindlichkeit hat sich Links mit Heimeyer ziemlich blamiert, allerdings was die neu entdeckten Unterschichten betrifft, so kommmen jetzt nach Monaten erst die ersten zaghaften Versuche zur Kritik.

    Links formuliert, nicht zu sagen konstruiert, die Probleme und liefert postwendend die Antworten: Bildungssoffensive, das unbedingte Festhalten am Sozialstaat wie gehabt, obwohl der Bürger Unmassen an Steuern aufbringen muss. Ca 40% der Bürger beziehen ihr Einkommen bereits vom Staat – ein Molloch und selbst der leiseste Ruf nach den geringsten Reformen wird sogleich mit dem Geplärre vom Neoliberalismus bereits im Keim erstickt.

    Das die Probleme weitgehend konstruiert sind, bewies nicht nur Heitmeyer. Jetzt wird uns auch das Unterschichtenkonzept vorgeführt.

    Da ich ja bereits etwas älter bin, beurteile ich das ganze über einen längeren Zeitraum. Ja Armut hatten wir gehabt. Schlimme Elendsquartiere bis in die 1970er hinein und in den Altbauten versteckt noch darüber hinaus. Wirkliche Elendsquartiere, wie ich sie aus Jugend und Kindehit noch her kenne, haben wir meines Wissens allerdings nicht mehr. Unterschichten und desmotivierte Dauerarbeitslose gab es schon immer. Wenn sich überhaupt etwas verschlechtert hat, dann nur relativ zu Situationen jüngeren Datums.

    Kommentar von Rainer Lang — 05.02.07 16:31 #

  3. @Rainer Lang
    “Wenn sich überhaupt etwas verschlechtert hat, dann nur relativ zu Situationen jüngeren Datums.”
    Im Gegensatz zu Deinen anderen Thesen trifft selbige nicht völlig korrekt zu. Denn wenn man die Differenz betrachtet, zwischen dem was sich eine Verkäuferin bei Aldi/Schlecker(man kann auch genügend andere Beispiele finden) mit ihrem Nettogehalt vor zehn Jahren leisten konnte und wieviel heute, so wird man feststellen, dass es heute wesentlich weniger ist, allerdings nur bezüglich Lebensmitteln, Zigaretten und Benzin. Technische Güter wurden jedoch, im Vergleich zum Verdienst, immer billiger(kann mich noch gut daran erinnern, dass unsere Nachbarn jeden Abend zum Fernsehen zu uns kamen). Eventuell ist das auch ein Grund dafür, dass manche sich heutzutage schon als arm fühlen, wenn sie nicht in jedem Zimmer ein Fernseher haben, von Spielkonsolen und PC mal ganz abgesehen.
    Elendsquartiere wie früher findet man allerdings heute nicht mehr, bzw. wenn dann höchstens welche, die auf Grund von Verwahrlosung so sind, ungeachtet dessen ob es nun an den Mietern oder dem Hausbesitzer liegt. Es gibt leider beides.

    Kommentar von Hardy — 06.02.07 13:14 #

  4. Ja stimmt. Armut muss immer in Relation gesehen werden. Es ist etwas anderes, ob sich eine Familie 1950 keinen Fernseher leisten konnte oder heute. Die Geizdebatten machen ja auch öfters z. B. an Steuerthemen fest. Da kann man entsprechend formulieren: Wenn die Vermögen der Einwohner steigen und die Vermögensverhältnisse der Kommunen zunehmend schlechter wird, herrscht ein ungesundes Ungleichgewicht. Die arme Kommune spart letztlich natürlich auch an Ecken, wie Schulen, Kindergärten Straßenreinigung usw. Das sind Bereiche, die unmittelbar auf die Einwohner zurückfallen. So gesehen tun sie sich mit ihrem Hang zum persönlichen Reichtum keinen wirklichen Gefallen oder ist das Thema PISA und verdreckte öffentliche Bereiche auch sozialistische Propaganda?

    Kommentar von Graham — 08.02.07 09:41 #

  5. @Graham
    1950??? Du scheinst nicht zu wissen, dass zu dieser Zeit praktisch niemand einen hatte. Die ARD fing, wenn ich nicht falsch informiert bin, auch erst 1954 an zu senden. Vorher gab es ab 1952 nur ein Testprogramm für ca.300 Teilnehmer, und 1960 gab es in Deutschland ca.4 Millionen Geräte. Erst ab ca.1966 hatten fast alle einen.
    Das die Kommunen fast überall sparen- stimmt, allerdings an den falschen Stellen. Die Bürokratie wird durch absolut idiotische Vorschriften, deren Befolgung logischerweise kontrolliert werden muss(ergo neue Staatsdiener), immer aufgeblähter. Bei PISA muss ich sagen das es Bundesländer gibt, welche es besser machen als die anderen. Und wenn ich mir ansehe mit welchem Notendurchschnitt heute versetzt wird…

    Kommentar von Hardy — 08.02.07 11:52 #

  6. Staatsdiener sind hauptsächlich Lehrer und Polizisten. Früher auch Straßenreinigung, Verwaltung u. ä. Bürokratieabbau ist immer so eine wohlfeile Floskel und gefällig, weil natürlich jeder schon weniger günstige Erfahrungen mit Bürokraten gemacht hat, und mit unfähigen Verkäufern, und tratschigen Nachbarn und, und, und. Natürlich kann man mit der Steuerknausrigkeit die Verwaltung zum Sparen zwingen, aber man kann nicht erwarten, dass das verbleibende Geld vernünftiger (im Sinne des Steuerzahlers) ausgegeben wird als zuvor. Sinnvoller bzw. gefühlt sinnvoller kann es nur ausgegeben werden, wenn der Steuerzahler (Bürger) mehr Mitspracherechte bekommt. Wenn das öffentliche Budget dann zwischen Opernrestauration, Straßenerhalt, Sicherheitskräften und Schulinvestitionen aufgeteilt wird, hat der Bürger seine Prioritäten eingebracht und hat nicht das Gefühl die rechtlose Melkkuh der unfähigen Verwaltung zu sein. Verantwortung ist noch immer das beste Mittel gegen notorisches Motzen.

    Kommentar von Graham — 08.02.07 13:31 #

  7. @Hardy. Wir liegen gar nicht so weit auseinander. Der von ihnen genannte Zeitabschnitt, zehn Jahre, entspricht dem, was ich unter jüngeren Datums verstehe. Ich überblicke 60 Jahre.

    Was sie bezüglich Verwahrlosung als Grund heutiger
    Elendsquartiere schreibe, trifft auch zu. Die alten Elendsquartiere waren Überbleibsel der Zeit unmittelbar nach dem Krieg, als sich Bürger aus den zerbombten Städten in Holzverschläge und Baracken flüchteten. Die meisten Bürger schafften es bereits in den 50ern oder frühen 60ern zu richtigen Wohnungen zu kommen. Einige jedoch nicht. Die Stadt stellte diesen dann in den späten 60ern richtige Häuser zur Verfügung mit dem Resultat, dass diese Bürger binnen weniger Mionate aus nagelneuen schönen Häusern verkommene Elendsquartiere machten. Geländer wurden abmontiert, Türen eingeschlagen. Löcher in die Wände gebohrt, Scheiben eingeschlagen, Verputz abgerissen usw. usw.. Klar, so etwas hört man nicht gerne in einem Land, welches sich die vulgäre linke Sichtweise von den Opfern und Kapital und Staat als Täter zu eigen macht.

    Kommentar von Rainer Lang — 09.02.07 11:00 #

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