Von Heathrow nach Kloten (und leider auch zurück)
Am Donnerstag durfte ich auf Einladung des Liberalen Instituts in Zürich bei der Schweizer Ideenmesse “Swisspolicy – eine liberale Agenda für die Schweiz” sprechen. Es war eine beeindruckende Veranstaltung: perfekt organisiert und mit vielen guten Beiträgen und Diskussionen (siehe auch hier). Dazu gab es die Gelegenheit, ein paar Bloggerkollegen (freilich, frausinn und DDH) einmal persönlich zu treffen.
Nun muss ich allerdings gestehen, dass mir das Schweizerische Parteiensystem ein Rätsel ist. Da gibt es eine angeblich liberale Partei, die für das Salzmonopol kämpft, dafür aber auch Rechtspopulisten, die wirtschafstpolitisch Milton Friedman überholen. Auch die genaue Funktionsweise der Konkordanz habe ich immer noch nicht verstanden, von den kantonalen Variationen einmal ganz zu schweigen.
Aber ich mag die Schweiz und die Schweizer und freue mich schon auf meinen nächsten Besuch. Es ist allein schon eine Offenbarung, wenn man vom chaotischen Flughafen London-Heathrow kommend ohne jede Warteschleife in Zürich landet, sein Gepäck nach zwei Minuten vom Band in einem modernen und sauberen Flughafens nehmen kann und fünf Minuten später bereits in einer auf die Sekunde pünktlichen S-Bahn in die Stadt sitzt.
Beim gestrigen Rückflug nach LHR war hingegen alles wie gehabt. Die üblichen zwei Warteschleifen über Biggin Hill, eine Viertelstunde Wartezeit nach der Landung bis endlich ein Gate am Terminal frei wurde. Das Gepäck kam nach einer weiteren halben Stunde, und die U-Bahn ließ lange auf sich warten, schüttelte einen auf der Fahrt aber dafür ordentlich durch.
Du glückliche Schweiz: Du hast es wirklich besser.
Spätestens bei der Zeitungslektüre am gestrigen Nachmittag (was gäbe man hier für eine Weltwoche oder eine NZZ!) wusste ich dann, dass ich wieder zu Hause, pardon: in England, bin. Wo sonst gibt es schon Geschichten wie diese: Da ist die Besatzung eines Krankenwagens insgesamt acht Stunden unterwegs gewesen, um einen Patienten in eine 7,8 Meilen entfernte psychiatrische Klinik zu transportieren. Statt dessen nahm man aus Essex kommend einen kleinen Umweg in Richtung Manchester, was die Fahrt um über 400 Meilen verlängerte. Und warum? Weil man sich auf ein Satellitennavigationssystem verlassen hatte, das aber offensichtlich nicht richtig funktionierte. Wie der Telegraph kommentiert: Brain not supplied – First turn on your satnav, then turn off your common sense. Der Patient überstand die Fahrt übrigens gut – und die beiden Fahrer haben sich wider Erwarten danach nicht selbst in die Klinik eingewiesen.
Ebenfalls sehr schön fand ich die Geschichte des von mir sehr geschätzten BBC2 Newsnight-Moderators Jeremy Paxman. Newsnight ist eine mit den Tagesthemen vergleichbare Sendung (nur viel besser) und Paxman ihr “Anchorman”, der für seinen bissigen Interviewstil bekannt ist (noch ein schönes Beispiel dafür). Die BBC-Redakteure hatten sich eine kleine Neuerung für Newsnight einfallen lassen. Zuschauer sollten ihre eigenen Beiträge produzieren, um diese dann in der Sendung zu zeigen. Sozusagen “YouTube goes BBC”.
Paxman war von dieser Idee alles andere als begeistert, passte sie doch nicht zu seinem journalistischen Anspruch. Das hätten seine Kollegen ahnen können, schließlich hatte sich Paxman schon einmal dagegen auf seine Art gewehrt, den Wetterbericht verlesen zu müssen. So zeigte er sich bereits mürrisch, als er in einem Einspielfilm um die Zusendung selbst produzierter Beiträge bitten sollte. Doch es kam noch besser: Als er am Mittwoch die Sendung abmoderierte, sagte er vor laufenden Kameras und live on air Folgendes:
That’s all from Newsnight tonight. Martha is being punished for some offence in a previous life by presenting tomorrow’s programme. In the meantime, it’s all available on the website, along with the editor’s pathetic pleas for you to send us some bits of your old memories and the like, so we can become the BBC’s version of ‘Animals Do the Funniest Things’. Goodnight.
Herrlich. So etwas gibt es auch nur in der BBC. England ist zwar um einiges chaotischer als die Schweiz, hat aber doch einen ganz eigenen Unterhaltungsfaktor.
14 Kommentare »
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antibuerokratieteam.de






Mist, wir haben uns offensichtlich verpasst. Hätte Sie gerne kennengelernt. Ihre Einschätzung teile ich. Das Podium war nichts als ein lautstarkes liberales Klopfen an die eigene Brust.
Konkordanz ist die Absenz von Streit um divergierende politische Positionen. Deshalb sind alle für das Staatsmonopol bei der Bahn und für den Heimatschutz für die Schweizer Post. Das mit dem Salz ist symbolischer Wirtschaftsliberalismus. Das Thema tut niemandem Weh und ist eigentlich allen egal. Siehe Konkordanz.
Kommentar von M.M. — 02.12.06 11:42 #
Es war mir eine grosse Freude Dich kennenzulernen. Sagt die Schweizerin, die nach dem Autoverkauf regelmässig zwei Stunden braucht, um 100m zurückzulegen, weil sie ohne funktionierendes Navisystem nicht aus dem Haus gehen kann.
Kommentar von Julika — 02.12.06 12:04 #
@M.M.: Ich hätte Sie auch gern kennengelernt – schade, dass wir uns verpasst haben. Vielleicht kommen Sie ja einmal nach London?
@Julika: Ganz meinerseits. Schick mir mal Deine Email-Adresse, damit ich Dir – wie besprochen – die Datei senden kann.
Viele Grüsse, Oliver M.H.
Kommentar von Oliver M.H. — 02.12.06 12:43 #
Es war toll, Dich dabeizuhaben. Die Perspektive von jenseits des Gartenzauns ist wichtig und erfrischend – so auch Deine Präsentation: There is such a thing as Society – it’s just not the same thing as the state.
Das mit der liberalen Partei für das Salzmonopol ist vermutlich ein Missverständnis – der FDP-Mann hat sich für das kantonale Lotteriemonopol eingesetzt. Und die Konkordanz diskutieren wir nächstes Mal bei einer schönen Pint – einverstanden?
Kommentar von Christian — 02.12.06 13:57 #
[...] Das Antibürokratieteam vermisst schon jetzt den Zürcher Flughafen und meint: “Du glückliche Schweiz: Du hast es wirklich besser.” [...]
Pingback von swisspolicy.net » Feedback ideenmesse — 02.12.06 15:50 #
Du glückliche Schweiz: Du hast es wirklich besser.
Diese Aussage könnte von mir sein! :-)
Mich hat es auch gefreut, lieber Oliver, Dich mal wieder zu treffen. Vermutlich sehe ich die englischen Zustände wirklich etwas zu rosig.
Und ja: wir brauchen eine Weltwoche – in jedem Land Europas mindestens eine!!! :-)
Die konservativ-antietatistische SVP ist wirklich ein Unikum, ein überwiegend positives Phänomen. Das hast Du ja auch an den knackig freiheitlichen Statements von Ueli Maurer gemerkt, der klipp und klar sagte, was alles privatisiert gehört. Weniger überraschend hingegen war, daß auf allen Panels, die ich besucht habe, der jeweilige Christdemokrat auf dem Podium der marktfeindlichste Dummschwätzer vom Dienst war. CDU/CSU/ÖVP/CVP – der Christdemokratismus ist eben in ganz Mitteleuropa ein geistig-moralisches, kulturelles und intellektuelles Vakuum.
Kommentar von DDH — 02.12.06 16:01 #
Hallo Christian,
okay, dann habe ich das falsch verstanden. Eure FDP tritt also für den Beibehalt aller Monopole mit Ausnahme des Salzmonopols ein. War das jetzt richtig? ;-)
Das mit der Konkordanz machen wir dann gerne bei einem Pint, wenn Du wieder in London bist.
Viele Grüße,
Oliver M.H.
Kommentar von Oliver M.H. — 02.12.06 19:20 #
@DDH: Ja, es war ein prima treffen. Was ich von der jetzigen Verfassung der Christdemokratie halte, habe ich vor kurzem ja schon einmal in Capital geschrieben. Das sind mich “echte Konservative” (zu denen ich auch die Tories zähle) tausendmal lieber.
Kommentar von Oliver M.H. — 02.12.06 19:34 #
@MM: Siehst Du das mit der Absenz von Streit wirklich so? Ich hatte in meinen schweizer Jahren eher das Gefühl, daß über Themen, die es einmal in die direkt-demokratische Arena geschafft haben, viel gründlicher und kontroverser diskutiert wird, als wir das in Deutschland kennen. Das direkt-demokratische Verfahren kann die Konkordanz schon ziemlich aufmischen, und gerade dieses Zusammenspiel einer konsensorientierten Parteiendemokratie auf der einen Seite mit Initiativen, die für Unruhe und Bewegung sorgen können, auf der anderen Seite, fand ich ziemlich beeindruckend.
Kommentar von statler — 03.12.06 13:07 #
Oliver, die Sache mit der FDP ist jetzt korrekt – daher bin ich auch ab sofort nicht mehr Mitglied des Vereins.
Kommentar von Christian — 03.12.06 18:49 #
Christian, oh Gott, was habe ich mit meiner Bemerkung da angerichtet? Gruss, Oliver
Kommentar von Oliver M.H. — 03.12.06 20:52 #
Keine Sorge, Oliver, das “daher” bezieht sich nicht auf Deine Bemerkung, sondern – wie Du dem Beitrag auf freilich schon entnehmen kannst, auf die Positionierung der FDP durch ihre Führungsriege.
Kommentar von Christian — 03.12.06 20:58 #
Du glückliche Schweiz: Du hast es wirklich besser.
Das kann man nur dreimal unterstreichen! Ein Land, in dem die Sozis bundesweit nie über ca. 25% der Stimmen hinausgelangt sind, kann nur glücklich sein — davon kann man als Österreicher nur träumen!
Andererseits (ohne den SChweizern nahetreten zu wollen): der Wiener “Schmäh” (für Piefkes: so ne Art von sympatisch wirkemdem, hintergründigem Humor ;-) würde mir in “Käseland” vermutlich doch abgehen …
Kommentar von LePenseur — 04.12.06 14:53 #
Die Liberalen sitzen in allen Parteien – in der Minderheit…
Mit etwas Distanz und der Lektüre verschiedenster Berichte zur 3. Ideenmesse gerade auch in der Blogosphäre ([1], [2], [3], [4], [5], [6]) möchte ich noch einen Eindruck hervorheben, der latent schon an jenem Donnerstag entstand, sich aber danach de…
Trackback von Ordnungspolitischer Blog — 21.12.06 09:07 #