New Year’s Wishes
Das stürmische und regnerische Wetter in London lädt an diesem Silvesterabend nicht gerade dazu ein, die letzten Stunden des alten Jahres außerhalb der eigenen vier Wände zu verbringen. Das hat auch sein Gutes, denn so bleibt viel Zeit, um in aller Ruhe die Sunday Times zu lesen. Dort gibt es heute auf Seite 7 einen spannenden Einblick in das Gefühlsleben der Nation. Der Titel: Britons happier, but not with Britain.
Der erste Teil der Story ist schnell erzählt: 40 Prozent der Briten sagten in einer repräsentativen Meinungsumfrage, dass 2006 für sie persönlich ein gutes Jahr gewesen sei. Für 24 Prozent der Befragten war das letzte Jahr hingegen schlecht, 35 Prozent konnten sich nicht entscheiden. Ein Prozent wußte auf diese Frage keine Antwort (wo waren diese Leute wohl 2006?). Für die Sunday Times Grund genug für die Feststellung: “Britons happier …”
Der langsame Abschied von Edmund Stoiber
Der langsame Abschied von der Macht hat für Stoiber mit seinem Rückzieher nach der Bundestagswahl begonnen. Eine ganze Legislaturperiode würde er wohl auch nicht mehr zur Verfügung stehen, sondern das Ministerpräsidenten-Amt dann wahrscheinlich an Fraktionschef Hermann abgeben. Wenn die Alternative für den CSU-Vorsitz nur nicht Horst Seehofer hieße…
Chor der zynischen Empörung
Saddam Hussein schmort also nun in der Hölle (falls es eine jenseitige Örtlichkeit dieser Art geben sollte). Genügend Untertanen des narzistischen und grössenwahnsinnigen Diktators haben jedenfalls im Namen der national-sozialistischen und panarabischen Ideologie seiner Baath-Partei ganz real – dieseitig – die Hölle erlebt, bevor seine Schergen sie ins Jenseits beförderten.
Insofern mag sich Mitleid oder gar Bestürzung über die Hinrichtung des Massenmörders bei mir nach wie vor nicht so recht einstellen – möge er verrotten!
Ich denke aber Yassin Musharbash hat nicht unrecht, wenn er in einem – insgesamt sehr nachdenklichen Artikel – auf SPON schreibt:
Aber einen friedlicheren Irak und einen hoffnungsfroheren Nahen Osten schafft seine Hinrichtung alleine auch noch nicht. Man kann deshalb nur hoffen, dass die Exekution sich als genau so irrelevant erweist, wie Saddams letzte Worte es waren.
Kaum Chancen für Erstkäufer
Der Daily Telegraph berichtet heute von einer Studie zu den Preisen für englische “first time buyer homes”. Wie der Name schon sagt, sind first time buyer homes jene Häuser bzw. Wohnungen, die typischerweise von jungen Leuten gekauft werden, die damit ihre ersten Schritte auf dem Immobilienmarkt machen. Es sind also vor allem kleine Wohnungen, bestenfalls kleine Reihenhäuser. Die folgende Grafik aus dem Telegraph ist sehr aufschlussreich:

Das Ende sozialdemokratischer Zumutungen
Wenn Kurt Beck mit der “Grenze der Zumutbarkeit” doch nur die Forderung eines Mindestlohns und das Ende des Festhaltens am starren Kündigungsschutz und Tarifverträgen meinen würde! Beck geht es aber leider nicht um das Ende sozialdemokratischer Zumutungen, welche die große Koalition fesseln und das Land auf einen wirtschaftspolitischen Minimalkonsens festgelegt. Es geht ihm auch nicht um das Ende des Drehens an der Steuer- und Beitragsschraube. Beck will zurück zu einer Politik der ruhigen Hand. Dies wird der Lage des Landes aber nicht gerecht. Das Lied vom Ende der Reformen erweckt vor allem einen falschen Eindruck bei den Bürgern, denn weitere Veränderungen sind dringend nötig. Wie will Beck denn ohne Zumutungen Reformen bei Gesundheit, Pflege, Arbeitsmarkt, Unternehmensteuern oder der zweiten Stufe der Föderalismusreform in Angriff nehmen? Beck redet dem politischen Stillstand das Wort. Das hilft weder dem Land, noch der großen Koalition. Oder ist dies etwa beabsichtigt?
Steuerverschwendung in der Praxis: Der CRC-Kalender
Das Schöne an der Zeit zwischen den Jahren ist, dass man einmal in Ruhe dazu kommt, seinen Poststapel abzuarbeiten. Aber nicht alles, was man darin findet, ist auch erfreulich. So habe ich mich doch sehr über die “saisonalen Grüße” der Commission for Rural Communities (CRC) geärgert – und diesmal ausnahmsweise nicht, weil mir wieder einmal kein “frohes Weihnachtsfest” gewünscht wurde. Auch darüber, dass die Grüße höchst unpersönlich daherkamen (keine Anrede, kein Anschreiben, keine Unterschrift), hätte ich gerne hinweggesehen.
… just like the one’s she used to know.
Eine neue Episode aus der unendlichen Geschichte des britischen Kampfes mit dem oft unverstandenen, häufig ungeliebten und stets unerbittlichen Apostroph:
Marks & Spencer verkauft doch tatsächlich Kinderschlafanzüge mit dem Aufdruck:
Mum’s dreaming of a quiet Christmas just like the one’s she used to know.
Nicht einmal an Weihnachten hat man seine Ruhe vor orthographischen Amokläufern.
Merry Chris’tmas’!
I’m dreaming of a white … Winterval
Wer wissen möchte, wo ich mir für dieses Jahr meine Portion Weihnachten abgeholt habe (in England wird es nämlich immer schwieriger), kann dies jetzt nachlesen, und zwar in der Welt-Kolumne von Dirk Maxeiner und Michael Miersch auf der Achse des Guten. Dort gibt es auch einen Gastbeitrag zum Thema von mir.
Merry Christmas!
Edi, es reicht
Ob dieses Bauernopfer Edmund Stoiber hilft? Der Büroleiter von Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hat wegen der Bespitzelungsaffäre um die Fürther CSU-Landrätin Gabriele Pauli seinen Chef gebeten, ihn von seinen Aufgaben zu entbinden. Stoiber hat dies getan und ihn versetzt. Frau Pauli zeigt jedenfalls Zivilcourage und knickt nicht wegen Karrieregeilheit vor der Führung der Partei ein. Zu welchen Mitteln hier gegriffen wird, um jemand mundtot zu machen, ist verwunderlich und trägt in hohem Masse zur Parteienverdrossenheit bei.
Freihandel für ganz Zypern
Die Türkei hat ein Kompromissangebot im Streit um den Zugang von zypriotischen Schiffen und Flugzeugen zu türkischen Häfen und Flughäfen gemacht, um die Beitrittsverhandlungen mit der EU nicht zu gefährden. Gleichzeitig fordert die Türkei aber, auch dem türkisch besetzten Süden den direkten Handel mit der EU zu ermöglichen. Das ist eine vernünftige Forderung, die die EU erfüllen sollte.
Genauso vernünftig wäre es natürlich von der Türkei, alle Häfen und Flughäfen für den Handel mit Zypern zu öffnen. Doch auf beiden Seiten ist von einer umfassenden Öffnung nicht die Rede. Beide Seiten zeigen, wie aus politischen Gründen, aus Machterwägungen, viele Menschen um Wohlstand gebracht werden. Das betrifft immer die Bürger beider Konfliktparteien. Auch wenn die Besetzung eines Teiles Zyperns durch die Türkei völkerrechtswidrig ist, darf das nicht als Grund für einen Handelsboykott herhalten.
Irans Pressekontrolle überrumpelt
Immer wieder diese Dänen... In der englischsprachigen Zeitung “Tehran Times” erschien am Mittwoch eine Anzeige mit dem Bild von Ahmadinedschad das mit einer beleidigenden, auf den ersten Blick aber versteckten Botschaft versehen war: Zunächst waren unter dem Gesicht Ahmadinedschads Sprüche zu lesen wie “Unterstützt seinen Kampf gegen Bush” oder “Iran hat das Recht, Atomenergie zu produzieren”. Von oben nach unten gelesen ergeben die Anfangsbuchstaben der Sätze allerdings das Wort “Schwein”. Die konservative Zeitung hatte die geheime Botschaft vor der Veröffentlichung offenbar nicht entdeckt. Die dänische Künstlergruppe «Surrend» erklärte, sie habe mit ihrer Darstellung die junge Generation in der Islamischen Republik erreichen wollen. Die Anzeige richte sich nicht gegen das Volk, sondern nur gegen Ahmadinedschad, der eine extreme Ideologie vertrete. Da kann man nur zustimmen! «Surrend» hat sich übrigens in der Vergangenheit auch schon über Simbabwes Präsident Robert Mugabe oder den weißrussischen Staatschef Alexander Lukaschenko lustig gemacht. Weiter so!
STASI-Methoden in der CSU?
Gibt es in der Stoiber-CSU STASI-Methoden? Der Abstieg von Edmund Stoiber geht rasant weiter. Die CSU Landrätin und Stoiber-Kritikerin Gabriele Pauli hat sich nun im CSU-Vorstand beklagt, in ihrer Privatsphäre von Stoibers Staatskanzlei ausgeforscht worden zu sein. Ein enger Mitarbeiter Stoibers habe telefonisch bei einem CSU-Mitglied Erkundungen eingezogen, ob es Auffälligkeiten in Frau Paulis Privatleben gebe, etwa Alkoholprobleme. Gezielt sei gefragt worden, „ob man mir was anhängen könnte“. Ein Gesprächsangebot habe Stoiber ausgeschlagen, der auf die Vorwürfe angeblich nur antwortete “So wichtig sind Sie überhaupt nicht.” Erst der CSU-Zickzackkurs bei der Gesundheistreform und der PKW-Maut Unsinn, jetzt noch die Spitzel-Affäre. Trotz aller Dementis der Parteiführung: Bei der CSU geht es drunter und drüber.
ODPM, DCLG und DPMO
John Prescott, der Anfang des Jahres nach einer Serie von Affären sein Ministerium verloren hatte, den Titel als stellvertretender britischer Premierminister aber retten konnte (das A’Team berichtete), sorgt wieder für Schlagzeilen. Als er noch echte Regierungsverantwortung trug, da firmierte sein Ministerium unter dem Titel Office of the Deputy Prime Minister (ODPM). Das war zwar ein ziemlicher Gemischtwarenladen, in dem die Spanne von Raumplanung bis Feuerschutz und von Wohnungsbau bis Kommunalpolitik reichte. Aber immerhin gab es da für Mr Prescott noch etwas zu tun.
Seitdem aus dem ODPM aber das Department for Communities and Local Government (DCLG) geworden ist (für das er nicht mehr verantwortlich ist), blieb Prescott nur sein Gehalt von £130.000, Dienstwagen, Dienstwohnung und 18 Mitarbeiter bei einem Budget von insgesamt £2 Millionen.
Livingstone verschwendet wieder einmal Steuergelder
Falls ich es noch nicht erwähnt hatte: Ich bin von unserem Bürgermeister Ken Livingstone nur noch genervt. Andauernd macht er mit peinlichen Aktionen von sich reden (zum Beispiel das – inzwischen geplatzte – Öl-Geschäft mit Venezuela oder sein Vergleich zwischen den Demonstrationen gegen die Poll Tax mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens). Aber richtig ärgerlich wird es, wenn dabei auch noch Steuergelder verschwendet werden.
Auf Plakaten, die überall in der Londoner U-Bahn zu besichtigen sind, trägt Red Ken gerade seinen Streit mit der Blair-Regierung um die zukünftige Energiepolitik aus. Während sich die Regierung die Kernenergie-Option offenhalten will, haben sich Livingstone und Greenpeace verbündet, um eben dies zu verhindern. Auf ihren gemeinsam signierten Plakaten schreiben sie:
Halal und Weihnachtsbäume

Wo “bio” drauf steht …
… muss auch “bio” drin sein. Sonst kommt die Öko-Polizei, schreibt die Times. Zum Glück haben die Verbraucher den Verzehr der Nicht-Bioprodukte unversehrt überstanden.
Bequem, hinterfotzig, ahnungsfrei – Nachschlag zu einer Demo, die keine war
Aus der Rubrik: Was Medien wirklich abbilden So manche Zeitungs- und Fernseh-Journos und – natüüürlich-wer-sonst! – PolitikerInnen* zeigten sich gestern
- bequem, weil nicht die klassische Recherche oder etwa - neiiin! - auch noch Interesse am Thema, sondern das mehr oder weniger kontrollierte Durchschieben mehr oder weniger guten Materials der Medien-, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von den meist deutlich besser (*har har*) bezahlten PR-Leuten und -Agenturen Arbeit und Agenda in den meisten Massenblatt- und Volkssender-Redaktionen bestimmt (was an sich ok ist, denn niemand wird gezwungen, Springer & Co. zu konsumieren)
- hinterfotzig, weil manche von den immer kostenlos und von vorn bis hinten bedienten, ja ewig gebauchpinselten ”Journalisten” in ihrer ohnehin nur gespielten Alarmiertheit glauben, uns “mal wieder” sensationellen “Bumerang” einer “Lobby” glauben präsentieren zu können (gestern tv-medial passim: RTL, Sat1, Pro7. s.u.)
Parteibarone
Heute wurde bekannt, dass Premierminister Blair zum Skandal um angeblich verkaufte Zugehörigkeiten zum House of Lords von der Polizei vernommen wurde.
Interessanter noch als diese Meldung an sich schon ist, ist allerdings die Stellungnahme eines Sprechers von Blair. Der sagte nämlich Folgendes:
The Prime Minister offered explanations of why he nominated certain individuals for peerages, the spokesman added.
“He did so as party leader in respect of the peerages reserved for party supporters as other party leaders do,” he said.
“The honours were not, therefore, for public service but expressly party peerages given for party service. In these circumstances that fact that they had supported the party financially could not conceivably be a barrier to their nomination.”
Ich verstehe sie einfach nicht, diese Briten.
Letzte Woche noch hatte Tony Blair in einer Ansprache verkündet, es sei unabdingbar, dass sich Einwanderer in Großbritannien auf den “British way of life” einlassen. Das schloss die Bereitschaft ein, Englisch zu lernen.
Nun hat die BBC herausgefunden, dass der britische Staat jedes Jahr 100 Millionen Pfund für Übersetzungen ausgibt. Viele dieser Übersetzung werden allerdings nicht im Bereich der Justiz oder des Gesundheitsdienstes angefertigt, wo sie rechtlich oder medizinisch geboten bzw. notwendig sind. Nein, übersetzt werden beispielsweise auch Anweisungen zum Recycling (siehe unten), damit man auch in chinesischer, russischer und arabischer Sprache versteht, in welchen Container man sein Altpapier werfen darf. Leider wird Deutsch kaum angeboten, was mir persönlich die Teilnahme am British way of life nicht unerheblich erschwert. Schade.

Wird Mars künftig aus Möhren gemacht?
Kinderleicht heißt eine Kampagne des Verbraucherschutzministeriums. Getreu diesem Motto wechselt der dafür zuständige ex-Staatssekretär Matthias Berninger nun ausgerechnet zur Schokoindustrie, was doch sehr an den Fall Rezzo Schlauch erinnert. Rezzo Schlauch hatte mit seinem Wechsel zu Kernkraftbetreiber EnBW bereits für Wirbel gesorgt. Dass ausgerechnet ein Veteran der grünen Anti-Atomkraft-Bewegung zum Klassenfeind überläuft, nervte sogar Oberrealos wie Oswald Metzger, der meinte: „Diese Tätigkeit eines früheren Fraktionschefs einer Anti-Atompartei gefährdet die Glaubwürdigkeit“.
Beauty in politics
Kann man vom Aussehen eines Politikers bereits auf dessen politische Orientierung schließen? Das wollte ein Team von skandinavischen Wissenschaftlern wissen und ließ 226 Fotos von schwedischen Abgeordneten in einer Internetumfrage bewerten (bitte jetzt keine Scherze, dass es in Schweden sowieso nur Sozialdemokraten gibt).
Das Ergebnis war knapp:
We also study whether respondents can guess the political party from photos alone. Excluding “Don’t know / prefer not to answer” responses, we found that the ideological stance of politicians belonging to the political right (Conservatives and Liberals) and the political left (Social Democrats) can be guessed to some extent. Right-wing (left-wing) politicians are correctly classified as such 54 (53) percent of the time.
Und was sagt uns das?
Außenpolitische Isolierstation
Die positive Rolle der Bundeswehr im Kongo und im Libanon zeigt: die FDP ist außenpolitisch weiterhin in der Isolierstation. In der Zeit wird die FDP-Außenpolitik scharf kritisiert. Leider zu Recht, wie ich meine.
Die FDP war nicht nur gegen den Einsatz im Libanon und im Kongo, sie wird auch beim Thema Afghanistan immer kritischer und ist nun schon mal präventiv gegen einen Einsatz in Sudan- das kommt zwar an in der Bevölkerung, gibt aber keine Antwort auf die Frage was man gegen den Genozid in Darfur tun muss. Besonders fragwürdig ist die ständige Kritik von Westerwelle wenn es zu Schüssen kommt wie im Libanon oder dem Kongo mit der Begründung “Die Bundesregierung sei einer folgenschweren Fehleinschätzung aufgesessen”. Schließlich ist die Bundeswehr dort, gerade weil die Lage so instabil und gefährlich ist- und trägt mit Erfolg zur Beruhigung der Lage bei. Wieviel Schüsse gäbe es denn ohne die Einsätze?
Die Möglichkeit von Politik bei allgemeiner Uninformiertheit
Wenn man mit Briten über den Wohnungsbau diskutiert und ihnen sagt, dass dringend mehr gebaut werden muss, um die Hauspreisinflation in den Griff zu bekommen, dann bekommt man häufig zu hören, dass gar nicht viel mehr gebaut werden könne, schließlich sei England größtenteils schon zubetoniert. Dass das so nicht stimmt, belegen allerdings zahlreiche Statistiken.
Nun hat die Barker-Kommission letzte Woche einen Bericht herausgegeben, in dem sich die folgenden zwei Abbildungen befinden. In der ersten kann man sehen, wieviel Fläche in den diversen englischen Landesteilen bebaut ist. Mit Ausnahme von London liegt dieser Wert jeweils deutlich unter 20 Prozent.

Fragt man nun allerdings die Bevölkerung, wieviel Land in England bebaut ist, dann kommt dieses Ergebnis dabei heraus:

Noch 19 Tage. Doch die Mehrwertsteuer…
… wird nächstens nicht “um drei Prozent”, lieber Herr Doktor Westerwelle, sondern um beinahe zwanzig Prozent erhöht.
(Herzlichen Dank nebenbei an Gernot Kieseritzky von der Libertären Plattform für diesen aufmerksamen Blick auf den Sprachgemissbrauch).
Zwischen Euphorie und Panik
Wenn es um große Zahlen, große Ängste und große Hoffnungen geht geht, setzt oft das Urteilsvermögen aus. Das geschieht auch bei Menschen, denen man sonst einigen Verstand zuschreiben möchte. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Umgang mit China – einem Land mit sehr vielen Menschen und aktuell einem sehr großen Wirtschaftswachstum.
Auf der einen Seite die Ängstlichen: Sie wollen die chinesische Gefahr abwehren – durch neuen Protektionismus oder durch eine transatlantische Freihandelszone. Sie fürchten um Arbeitsplätze und um den Zugriff auf Rohstoffreserven. Ihr geistiges Rüstzeug beziehen sie von einem Spiegel-Autor, der den Weltkrieg um Wohlstand ausruft und sogar der Bundeskanzlerin seine Thesen vortragen kann.
Bye bye, Britain!
Eine interessante Studie gibt es heute vom Institute for Public Policy Research (IPPR), dem führenden Blairite Think Tank (sozusagen das Gegenstück zu den Brownites vom Smith Institute). Die IPPR-Kollegen haben ermittelt, dass 5,5 Millionen Briten inzwischen im Ausland leben. Vor allem beschleunigt sich der Trend zur Auswanderung. Waren es 2001 noch 53.000 Briten, die das Land verließen, so gab es letztes Jahr 107.000 Auswanderer. Noch interessanter: Ein Viertel der jungen Briten hofft darauf, dauerhaft ins Ausland gehen zu können.
Nun erklären die IPPR-Leute die Auswanderung ausgerechnet damit, dass die wirtschaftliche Lage Großbritanniens so gut sei und die Briten daher mehr internationale Möglichkeiten für sich suchten. Mit Verlaub: Ich halte das für einen ziemlichen Unsinn. Sein Land verlässt man ja in der Regel nicht, weil alles so perfekt zu Hause ist. In der Regel sind es andere Gründe, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, z. B. dass die beruflichen Möglichkeiten im Ausland besser erscheinen. Hinzu kommen oft auch rein private Gründe – auch dies kann ich bestätigen.
Kommissarischer SpammerInnenbeauftragter
Bis Anfang Januar übernimmt hier Oliver Marc Hartwich kommissarisch die ehrenvollen, aber leider völlig brotlosen, Ämter des CvD, sowie des SpammerInnenbeauftragten von Antibuerokratieteam.de.
Ich selbst werde mich die nächsten Wochen gesundheitsbedingt wenig um dieses Blog kümmern können. Falls Kommentare, insbesondere in der Weihnachtszeit, einmal etwas länger in der Moderationswarteschlange hängen bleiben sollten, bitte ich deshalb um Ihr/Euer Verständnis, liebe A’Team-Leser.
Ich erlaube mir an dieser Stelle, Ihnen allen die nötige Ruhe, um die Feiertagsvorbereitungen entspannt zu überstehen zu wünschen, sowie unseren gläubigen Leserinnen ein schönes Chanukka, Julfest, Weihnachtsfest …
Und: heute ist nicht alle Tage. Ich komm wieder, keine Frage :-)
Stay tuned!
Kein Frühstück mehr in No. 11
Der Daily Telegraph berichtet, dass das Smith Institute, ein linker Think Tank, seine Meetings nicht mehr in 11 Downing Street abhalten darf. Der Hintergrund: Der Staatssekretär im Finanzministerium Ed Balls wurde vom Smith Institute bezahlt, während er für Labour Wahlkampf betrieb. Außerdem gibt es Anzeichen, dass es zwischen dem Ministerium und dem Smith Institute einen intensiven Austausch gibt – so intensiv zumindest, dass die Charity Commission sich dafür zu interessieren beginnt.
Also wird nun die Reißleine gezogen: Keine Policy Meetings mehr beim Schatzkanzler, um bloß nicht den Eindruck zu großer Nähe entstehen zu lassen. Dabei war das Frühstück in 11 Downing Street eigentlich immer das Beste an den Veranstaltungen des Smith Institute. Ich selbst hatte schon zweimal das Vergnügen, bei Gordon Brown zu frühstücken. Leckeres Gebäck, frischer Orangensaft, Kekse, Kaffee und Tee in einem wirklich gediegenen Ambiente – das hatte schon was. Dass die anschließenden Policy Meetings todlangweilig waren, konnte daher in Kauf genommen werden. Und das soll nun alles vorbei sein?
Vereinte Kräfte gegen den Flughafenausbau
Wieder ein Tag, an dem die Times meinen Leserbrief nicht druckt. Ich glaube, ich gebe es auf, darauf zu hoffen.
Aber wie soll die Times auch mein Statement zum Thema “ökonomischer Rationalität” drucken, wenn sie einer Allparteienkoalition von Labour, Liberal Democrats und Conservatives Gelegenheit gibt, ihre Abneigung gegen den Ausbau der britischen Flughäfen in aller Breite zum Ausdruck zu bringen:
Vorsicht, Staatsmedizin! Was Ulla Schmidt von Englands Misere lernen kann.
Mein neuer Capital-Artikel ist nun auch online zu lesen, und zwar hier.
Miles & More – Auch Feindschaften wollen gepflegt werden
Es gibt doch nichts frustrierenderes, als täglich vergeblich darauf zu warten, dass die Times endlich meinen letzten Leserbrief abdruckt. Er war nämlich kurz, knapp, pointiert – und gemein. Darüber hinaus diente er der Pflege einer wunderbaren Feindschaft zwischen der Times-Kolumnistin Alice Miles und mir.
Ms Miles schreibt jeden Mittwoch in der Times. In aller Regel ergeben ihre Beiträge wenig Sinn, sind aber – das muss man ihr lassen – zumindest gut geschrieben. Ich glaube auch, dass sie eigentlich eine vergleichsweise umgängliche Zeitgenossin ist. Jedenfalls wirkte sie so, als ich sie vor einiger Zeit einmal in einer BBC-Talkshow gesehen habe. Aber wie dem auch sei: Von wirtschaftlichen Zusammenhängen hat Ms Miles leider keinen blassen Schimmer.
Die grüne Pippi Langstrumpf
Die grüne Pippi Langstrumpf Julia Seeliger hat nicht nur mit ihrer Wahl in den Parteirat, sondern auch mit ihren Vorstellungen zu Ehe und Sexualität für Furore gesorgt. Bei genauem Anschauen wird mir genau klar, warum ich nicht bei den Grünen bzw. deren Jugend (GJ) bin.
Ein Netz andrologischer Facharztpraxen, die Koppelung von Subventionen an Genderkompetenz-Trainingsangebote und Gender-Budgeting für den IWF zur Zähmung des Raubtierkapitalismus sind Etappenziele der grünen Jugend auf dem Weg zur “geschlechtergerechten, emanzipativen und pluralistischen BürgerInnengesellschaft.”
Auch wenn ich einzelne Punkte spaßig und gut finde: die neo-pseudoalternative 68er Rhetorik und die daraus resultierenden weltfremden Forderungen der GJ bleiben mir einfach verschlossen.
Vollverschleierte Weihnachtsansprache zum Jahresendfest
Eine Umfrage unter 2.300 Arbeitgebern hat ergeben, dass es in 74 Prozent der britischen Unternehmen keine Weihnachtsdekoration mehr geben wird, weil nicht-christliche Arbeitnehmer sich dadurch diskriminiert fühlen könnten.
Dazu passt auch die gestrige Meldung, dass der Fernsehsender Channel 4 seine diesjährige “alternative Weihnachtsansprache” von einer vollverschleierten Muslimin sprechen lassen wird.
Mein Vorschlag: Lassen wir doch Weihnachten in Zukunft ganz ausfallen und nennen es einfach Jahresendfest. Das hatte es übrigens schon einmal gegeben.
science vs superstition – the case for a new scientific enlightenment
Heute veröffentlichen wir bei Policy Exchange eine neue Sammlung von Essays unter dem Titel science vs superstition – the case for a new scientific enlightenment. Darin geht es um unser Verhältnis zur Wissenschaft und um die Frage, warum wir offenbar nicht mehr in der Lage sind, uns eine Zukunft vorzustellen, die durch wissenschaftliche Leistungen besser gemacht ist. Statt dessen nehmen wir vieles, was mit Wissenschaft zu tun hat, als Bedrohung wahr, z. B. Kernenergie, Stammzellenforschung oder auch genetisch veränderte Lebensmittel.
In science vs superstition plädieren die Autoren dagegen für einen aufgeklärten, nüchternen Umgang mit der Wissenschaft – nicht unkritisch, aber frei von Panik und Abgerglaube.
Da an anderer Stelle bereits danach gefragt wurde: Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht geplant. Wer es unbedingt übersetzen und auf Deutsch herausgeben möchte, wende sich vertrauensvoll an mich …
… aber wäre es wirklich schade um den Guardian?
Um noch einmal auf den Guardian zurückzukommen: Dort kann man auch Kolumnisten-Statements wie dieses finden:
There was one proposal in Sir Rod Eddington’s report to the Treasury with which, when I first read it, I wholeheartedly agreed. He insists that “the transport sector, including aviation, should meet its full environmental costs”. Quite right too: every time someone dies as a result of floods in Bangladesh, an airline executive should be dragged out of his office and drowned.
Womit ich zweierlei sagen möchte:
1. Eine konservative Regierung sollte wirklich das Geld für Stellenanzeigen von dieser Zeitung abziehen.
2. Der Eifer der Umweltbewegung in GB nimmt immer merkwürdigere Züge an.
PS: Der schleppende Ausbau der britischen Flughäfen aufgrund von Umweltbedenken hat die britische Wirtschaft einer neuen Studie zufolge im letzten Jahr 1,7 Mrd Pfund gekostet.
Konservative bedrohen den Guardian
Wer schon einmal die Mittwochsausgabe des Guardian gelesen hat, der kennt sie, die prall gefüllten Seiten mit Stellenangeboten wie diesen:
- Abteilungsleiter für Diversität beim Katasteramt von Nottinghamshire, Gehalt bis zu £52.000 p.a.
- Früherziehungsorganisationsmanager in Islington, Gehalt bis zu £50,000 p.a.
- Manager für den Bereich der Unterstützung individueller Bedürfnisse in Cornwall, Gehalt bis zu £61.500 p.a.
Bei solchen und ähnlichen Stellenausschreibungen habe ich mich immer schon über die Kreativität bei der Beschreibung von Stellen im britischen öffentlichen Dienst gewundert (und auch über die Höhe der dort gezahlten Gehälter).
Was ich allerdings bislang nicht wusste: Britische Zeitungen, insbesondere der Guardian, erlösen mit diesen Stellenanzeigen für Jobs jährlich ca. 790 Millionen Pfund (ca. 1,1 Mrd Euro).
Lohnpopulismus
Unter dem Motto “Gerechte Entlohnung” überbieten sich SPD, Gewerkschaften und deren Ökonomen mit Forderungen nach steigenden Löhnen für alle. Nochmal will die SPD nicht von der Union links überholt werden.
Wenn die allgemeine Lohnerhöhung hoch ausfällt, dann fallen wieder einige, deren Produktivität nicht gut genug ist, durch das Raster und werden wegrationalisiert. Die Verbraucher kennen keinen Patriotismus und auch keine Solidarität, meint Deutsche Bank Chefvolkswirt Walter.
Stimmt, denn höhere Löhne haben nicht per se einen positiven Effekt für die Binnenkonjunktur. Wenn ein ausländisches Produkt billiger ist, greifen deutsche Konsumenten darauf auch zurück. Die Kaufkraft steigt vor allem dann, wenn es weniger Arbeitslose gibt, wofür höhere Löhne auf breiter Ebene allerdings Gift sind. Sinnvoll wäre eine stärkere Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer, wie es der Wirtschaftsweise Franz fordert. Prämien, die nur gezahlt würden, wenn wirklich Gewinne anfallen, würden die Firmen in Jahren mit schwächerer Auftragslage nicht unnötig belasten.
Orientierungs- und führungslose Grüne
Mit 4 Vorsitzenden und Jürgen Tritti(h)n im Wartestand haben die Grünen ihre Führungsfrage immer noch nicht gelöst- genau so wie ihre Richtungsfrage. Denn das Thema Koalitionsoptionen wurde beim Parteitag der Grünen nicht diskutiert- diese Zerreissprobe steht den Grünen noch bevor. Bei der Basis ist schwarz-grün oder Jamaica scheinbar unbeliebter als bei der Parteiführung. Hätten die Metzgers, Berningers und Palmers mehr Gewicht bei den Grünen wäre Jamaica DIE Alternative zur großen Koalition. So wird aber unter dem doch schwer vereinbaren Motto einer “radikalen und realistischen” Umweltpolitik ein alter Ladenhüter wie Tempo 130 auf Autobahnen ausgepackt und als Rückkehr zu den grünen Wurzeln verkauft. Die Richtung der Grünen bleibt weiter unklar.
Was ich Augusto Pinochet zugute halte
Anscheinend überlebt nun doch der eine lateinamerikanische Diktator den anderen lateinamerikanischen Ex-Diktator. Letzterem würde ich zugute halten, dass er wenigstens einer Volksabstimmung gewichen ist: Fidel Castro hat diese Gelegenheit ganz offensichtlich verpasst.
England auf dem Weg in die Öko-Knechtschaft
Dass England weit davon entfernt ist, eine Insel des gelebten Liberalismus in der EU zu sein, habe ich schon mehrfach in diesem Blog und in diversen Zeitungsartikeln beschrieben. Gegen die These vom liberalen, gar neoliberalen Großbritannien sprechen unter anderem das fast vollständig verstaatlichte Gesundheitswesen, eine stetig steigende Staatsquote von zuletzt um die 46 Prozent, ein Steuerrecht, das inzwischen selbst das deutsche an Komplexität hinter sich lässt, und eine Regulierungswut, die sich in jährlich 13.000 Seiten neuer Gesetze niederschlägt. So weit, so wenig liberal.
Doch das Ende der Regulierung ist damit in Großbritannien noch lange nicht erreicht. Vielmehr steht das Land vor einer “grünen Welle” für die Ausdehnung des Staatseinflusses unter dem Vorwand, den Planeten vor dem Öko-Kollaps zu retten. Kein Tag vergeht, ohne dass angeblich ökologische Initiativen aufgelegt, Umweltsteuern gefordert oder Öko-Vorschriften erlassen werden. Dabei nimmt die Diskussion von Umweltthemen mitunter recht skurrile Formen an.
Von Heathrow nach Kloten (und leider auch zurück)
Am Donnerstag durfte ich auf Einladung des Liberalen Instituts in Zürich bei der Schweizer Ideenmesse “Swisspolicy – eine liberale Agenda für die Schweiz” sprechen. Es war eine beeindruckende Veranstaltung: perfekt organisiert und mit vielen guten Beiträgen und Diskussionen (siehe auch hier). Dazu gab es die Gelegenheit, ein paar Bloggerkollegen (freilich, frausinn und DDH) einmal persönlich zu treffen.
Nun muss ich allerdings gestehen, dass mir das Schweizerische Parteiensystem ein Rätsel ist. Da gibt es eine angeblich liberale Partei, die für das Salzmonopol kämpft, dafür aber auch Rechtspopulisten, die wirtschafstpolitisch Milton Friedman überholen. Auch die genaue Funktionsweise der Konkordanz habe ich immer noch nicht verstanden, von den kantonalen Variationen einmal ganz zu schweigen.
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