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Ökonomische Techniker und konservative Wirtschaftsmedien

Sonntag, 26.11.06 17:19 by Oliver M.H. - 8 Kommentare

In seiner Hommage an Milton Friedman schreibt der Kolumnist der Financial Times Deutschland, Wolfgang Münchau, unter anderem Folgendes:

Friedman war wohl der letzte der großen Philosophen unter den Ökonomen. Die moderne Ökonomie wird von Technikern bestimmt. Dies wird oft von denen bedauert, insbesondere in den konservativen Wirtschaftsmedien, die längst den Anschluss an die moderne Ökonomie verloren haben.

Nur was will uns Münchau damit eigentlich sagen? Sind also jene Ökonomen, die die Mathematisierung ihrer Zunft beklagen, allesamt von gestern? Ist die mangelnde philosophische Fundierung der heute gelehrten Ökonomie etwas, das nur Konservative beklagen (dürfen)? Und überhaupt: Der Vorwurf an die konservativen Medien zielt wohl vor allem auf den (hervorragenden) Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort kann man nämlich oft so wunderbare Texte wie diesen von Karen Horn lesen:

Selbst da, wo nicht Mathematik draufsteht, ist im volkswirtschaftlichen Studium Mathematik drin. Die Universität Frankfurt bietet sogar vor Beginn des Studiums Brückenkurse in Mathematik an, “um einen gemeinsamen Kenntnisstand auf diesem für das Studium ungemein wichtigen Gebiet herzustellen”. Was in den volkswirtschaftlichen Curricula heute völlig fehlt, sind die Philosophie und die Wissenschaftstheorie. Auch Geschichte kommt kaum vor. Das zieht sich zumeist durch das ganze Studium.

Dieser Befund spiegelt nicht etwa nur eine an Modellbauern und Rechentechnokraten interessierte Nachfrage wider, die den ökonomischen Ausbildungsmarkt in eine solche Richtung getrieben hat. Das mag zwar zum Teil stimmen, ist aber nur eine Folgeerscheinung eines Wissenschaftsverständnisses, das sich in Jahrhunderten des methodischen Ringens herausgebildet hat und letztlich doch nur Zeichen eines unverarbeiteten Komplexes ist: Die Ökonomen wären gern so exakt und präzise wie die Naturwissenschaftler. Darum wird hier so viel gemessen und gerechnet, und das in einer eklektischen Mischung aus induktivem Vorgehen, bei dem man aus empirischen Beobachtungen Theorien ableitet, und deduktiver Arbeit, bei der man logisch schlüssige Theorien aufstellt und diese anschließend anhand von Zahlen überprüft.

Unpraktischerweise jedoch ist die Ökonomie eine Human- oder Sozialwissenschaft, das heißt, sie hat es mit dem Menschen zu tun. Menschen verhalten sich nie gleich. Alles, was da möglich ist, sind Regelvoraussagen – unter Anerkennung der Tatsache freilich, daß die Abweichung von der Regel die Regel ist. Damit schwindet die Möglichkeit, Theorien mit Hilfe der Empirie je abschließend zu bestätigen oder zu verwerfen. Und bis zu einem gewissen Grade erübrigt sich auch die Suche nach Gesetzmäßigkeiten. Wer nach Gesetzmäßigkeiten sucht, kann zudem gerade die spannenden Strukturbrüche nicht finden.

Nur so läßt es sich beispielsweise erklären, daß die Ökonomie zwar eine schematische Vorstellung hat, wie die Marktwirtschaft in anonymen Großgesellschaften funktioniert, daß sie aber bis heute nicht erklären kann, welche Rolle der Unternehmer darin wirklich spielt. Das Problem liegt auf der Hand. Schließlich zeigt sich die Kreativität des Unternehmers gerade darin, aus Gesetzmäßigkeiten auszubrechen. Und dieses Ausbrechen nun selbst wieder als eine Gesetzmäßigkeit abzubilden, das wäre ein Widerspruch in sich.

Den Schmalspurökonomen von heute bereitet das wenig Kopfzerbrechen. Sie schätzen und prognostizieren das Wirtschaftswachstum, ohne sich zu fragen, wie die gesellschaftlichen Prozesse ablaufen, die ihm zugrunde liegen. Sie vergleichen praktische Regulierungsstrategien für diverse Branchen, ohne zu überlegen, mit welcher Berechtigung ein Regulierer überhaupt die Eigentumsrechte privater Anbieter beschneiden darf. Wenn Bundespräsident Horst Köhler auf dem Nobelpreisträger-Treffen in Lindau den Nachwuchsökonomen zurief, sie dürften nicht im Elfenbeinturm verharren, sondern müßten anwendungsorientiert forschen, dann lag diesem Ruf eine grobe Verkennung der Tatsachen zugrunde: Die Ökonomie ist heute hochgradig anwendungsorientiert. Es gibt kein Modell mehr, das nicht mit irgendwelchen Politikempfehlungen endet. An welchen Stellschrauben die Politik wie drehen soll ist perspektivischer Anfangs- und Endpunkt jedes Ansatzes, selbst dann noch, wenn die Nützlichkeit einer Intervention verneint wird. Wenn sich Ökonometriker der Entwicklung immer feiner ziselierter Analysemethoden widmen, dann mag das auf Außenstehende esoterisch wirken, doch letztlich dient auch dies der Anwendung. Nur die erfolgt meistens im Blindflug.

Was der an den Universitäten gelehrten Ökonomie heute fehlt, ist umgekehrt gerade der Abstand zu den praktischen Methoden und den prosaischen Nöten der Politik. Es sind die großen, die sozialphilosophischen Fragen, die wieder gestellt werden müssen, wenn es um den wahren Realitätsbezug geht: Wie lernen Gesellschaften? Wie funktioniert der schöpferische Prozeß, in dem dezentral vorhandenes Wissen gesammelt und vermittels der Interaktion verschiedener Menschen miteinander verwoben und gemehrt wird, ohne daß es diesen bewußt ist? Wie entwickeln sich kollektive Glaubenssysteme, Normen, Mentalitäten? Wie entstehen formelle und informelle Institutionen? Welche sind der Wirtschaftsentwicklung zuträglich?

Was würde dem wohl Wolfgang Münchau entgegenhalten? Sind diese von Karen Horn angesprochenen Themen, mit denen sich innerhalb der Ökonomie unter anderem die Schulen der Evolutionary Economics, New Institutional Economics, Austrian Economics und Public Choice beschäftigen, allesamt überholt? Glaubt Münchau wirklich, dass die Fragen, die diese Schulen analysieren, bereits ein für allemal gelöst seien und man sich damit nun einzig der ökonomischen Technik, welche die Wirtschaftswissenschaft ohnehin schon dominiert (s.o.), widmen könne?

Münchaus Kritik an die Adresse konservativer Medien ist verwunderlich – und wirkt darüber hinaus in einer Hommage an Milton Friedman (der wie kaum ein zweiter für die Verbindung von Philosophie und Technik stand) merkwürdig deplaziert.


Das Antibuerokratieteam - seit 15.08.07 auf www.antibuerokratieteam.net

8 Kommentare »

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  1. Pro Sozialphilosophie…

    Ach, wenn’s ausnahmsweise mal über das Antibürokratieteam vermittelt was Gutes zu lesen gibt, dann sollte man es zum Lohne ja auch verlinken. Habe zwar gar keine Ahnung, ob die von Karen Horn vorgenommene Diagnostik universitärer Wirtschaftslehren …

    Trackback von Metalust & Subdiskurse — 27.11.06 09:23 #

  2. die heutige Volkswirtschaftslehre ist auch das Produkt diverser Methodenstreits. So auch der Methodenstreit zwischen der Österreichischen Schule und der Historischen Schule. Auch der Positivismusstreit in der Soziologie hinterliess seine Spuren.

    Die Erklärens- / Verstehensdebatte ebenso. Jedenfalls spielten methodologische Betrachtungen damals bereits ein grosse Rolle. Man ging in der Nachkriegsbrd methodologisch sehr bewusst an die Sache heran, wobei das Pendel eindeutig in Richtung Empirie schlug.

    Verklausuliert findet sich dies auch in dem zitierten Artikel wieder. Mit dem Gerede “Unpraktischerweise jedoch ist die Ökonomie eine Human- oder Sozialwissenschaft, das heißt, sie hat es mit dem Menschen zu tun.” bezieht man sich anscheinend auf die Erklärens- / Verstehensdebatte, ohne diese beim Namen zu nennen. Vermutlich kennt man diese Zusammenhänge auch gar nicht. Tatsächlich ist nicht die mangelnde philosophische Fundierung des Kapitalismus zu beklagen, sondern eine solche des Autors der Financial Times der BRD.

    Als neuen Methodenstreit würde ich die zitierten Beiträge nicht werten, eher schon als dem Zeitgeist entsprechend. Hierbei geht es allein um die Tatsache, dass die Resultate der etablierten Nationalökonomie nicht den Wünschen des politischen Systems entsprechen. Dabei geht es um Diffamierung der etablierten Nationalökonomie im Namen des Irrationalismus, der den ökonomisch unreflektierten “Diskurs” (=Propagandastrategie) der politischen Kaste der BRD ausmacht. Auch die Financial Times der BRD bleibt davon nicht ausgeschlossen. Ein Trend ist auch dort zu beobachten, der sich nicht mit den Ansichten der etablierten Nationalökonomie decken will.

    Momentan hagelt es an Kritiken an der etablierten Nationalökonomie. Selbst die Soziologie bleibt davon nicht verschont. Semantisch gilt der Schichtenbegriff im “Diskurs” der politischen Kaste der BRD bereits als eliminiert. “Wahrheit” hat offensichtlich der momentanen Propagandastrategie der politischen Kaste zu folgen. “Wahrheit” in der BRD ist nichts anderes als eine freie Komposition politisch motivierter Kräfte.

    Die Zielscheibe konservative Medien ist zwar nicht ganz deplaziert, wie man der Auflistung konservativer Autoren unter den “Neoliberalismus” Kritikern von Willke entnehmen kann, allerdings sind linke Medien qualitativ und quantitativ am Verbreiten des neuen Irrationalismus weitaus stärker beteiligt.

    Das die Universität Frankfurt sogar vor Beginn des Studiums Brückenkurse in Mathematik anbietet, erstaunt nicht. Es ist das Resultat eines sich selbst entwertenden Bildungsystems. Die tatsächlich zum Verständnis ökonomischer Zusammenhänge notwendige Mathematik ist als trivial einzustufen. Nichts davon war dem Abiturienten früherer Zeiten unbekannt. Damals brauchte es solcher Brückenkurse nicht. Heute dagegen schon. Ansatzweise konnte ich es bereits erkennen, als ich nach Abschluss meines Studiums als Lehrkraft an der Universität arbeitete. Die Absolventen des zweiten und dritten Bildungsweges beherrschten noch nicht einmal die einfachste Form des Calculus. Frage mich, welche Brückenkurse ein Student der Physik oder Elektrotechnik benötigt.Ist ein solches Studium in der BRD überhaupt noch möglich, wenn selbst der angehende Volkswirt Brückenkurse in Sachen Trivialmathematik benötigt?

    Natürlich würde die Verwandlung der Volkswirtschaftslehre in eine reine Geisteswissenschaft Abhilfe schaffen. Die Beherrschung des Wortes reicht dann aus. Allein, vom Geschwätz nährt sich moderne Wissenschaft nicht. Der trübe Zustand Human- oder Sozialwissenschaftlicher de facto Seniorenstudiengänge sollte abschrecke.

    Ich schlage dagegen vor, dass Schulsystem wieder zurückzusetzen, auf den Stand vor von Friedeburg, denn wer selbst in Sachen Trivialmathematik eine Niete ist, der hat auf der Universität ganz einfach nichts zu suchen. Zwar würden damit weniger Abiturienten generiert werden, doch damit auch weniger dauerarbeitslose Human- oder Sozialwissenschaftler. Die Sozialsystem würden spürbar entlastet werden, und die Möglichkeit, dass die BRD wieder Anschluss an das internationale Niveau bekommen würde, wäre endlich wieder gegeben. Trivialerweise müsste dann die Financial Times eine Kurswechsel durchmachen, denn der Pseudokeynesianismus wäre dann mangels Masse nicht mehr vertretbar.

    Kommentar von Rainer Lang — 27.11.06 12:34 #

  3. Also, bei allem Respekt für Karen Horn — die im Wirtschaftsteil der FAZ wirkich fast alles richtig macht — aber hier liegt sie glaube ich nicht ganz richtig. Die FAZ, und sie auch, hängen immer noch der alten, behäbigen, deutschen Ordnungstheorie an und die ist, ähm, provinziell. Was nicht bedeutet, daß es nicht vereinzelt bemerkenswerte, sehr moderne und anregende Ausnahmen gibt, in Freiburg beispielsweise. Aber das, was wir an sozialphilosophisch-ordnungstheoretischer Ökonomik sonst so angeboten bekommen, ist oft wenig analytisch und beschränkt sich auf die Exegese der alten Meister.

    Die Fragen, die Karen Horn da aufwirft, und die sich in großen Teilen mit meinem Forschungsprogramm decken, kann man alle auch analytisch angehen, mit formalen Modellen oder moderner Ökonometrie. Und das sollte man auch, finde ich. Ich meine, wenn man alleine nur die drei Namen Acemoglu, Shleifer und Alesina googelt, dann findet man doch soviele unter Verwendung moderner Methoden geschriebene Papiere, die Karen Horns Fragen zu beantworten versuchen, daß man ein halbes Jahr mit der Lektüre beschäftigt sein könnte.

    Ich glaube wirklich, daß bei Horns Kritik da eher ein Ressentiment gegen formale Methoden mitschwingt. Denn die Forschungsgegenstände, die sie da anspricht, sind längst beliebte Steinbrüche für Theoretiker und Empiriker gleichermaßen — nur sie würde es wohl bevorzugen, wenn man auf die alte, ordungstheoretische Art an die Sache heranginge.

    Kommentar von statler — 27.11.06 13:50 #

  4. @Statler:

    Na, analytisch (im Sinne von Analyse, nicht des analytischen Urteils) einerseits und die Forderungen von Frau Horn hinsichtlich der Einbeziehung von Fragestellungen, die auch soziologische und sozialphilosophische Modelle oder von mir aus auch die Cultural Studies ernst nehmen andererseits, das schließt sich ja nicht aus – und das mal wieder pauschal als “Geschwätz” abzutun, wie der Herr Lang das tut in seinem etwas unstrukturierten, wissenschaftshistorischen Exkurs, das ist ja auch eher anachronistisch. Da war ja schon der Wittgenstein der “Philosophischen Untersuchungen” schlauer.

    Wenn’s das hingegen schon alles gibt und z.B. die Namen Acemoglu, Shleifer und Alesina da bedeutend sind, wieso bekommt man denn da als so einer wie ich nix von mit? Auch in Deinem Blog nicht?

    In den Diskussionen u.a. bei mir ging’s auch oft tiefer, das stimmt schon. Aber ansonsten hat man ja schon manchmal das Gefühl, daß sowieso nur das erforscht wird, was Liberale politisch eh immer schon wollten. Und selbst wenn man unterstellen würde, daß das super ist, was Liberale immer schon wollten, finde ich das schon seltsam, weil eine politische Forderung schon in Tatsachen gründen sollte, selbst aber keine Tatsache im selben Sinne ist.

    Für Laien wie mich wirkt das insofern oft so, als gäbe es um die 3 wirtschaftswissenschaftlichen Thesen, die auf alles sozusagen gegenstandsunabhängig Anwendung finden.

    Daß das so nicht ist, weiß ich auch, aber ist doch schade für eine Wissenschaft, wenn sie nix dagegen tut, so verrufen zu sein, und sei’s auch nur in meinen Kreisen … so habe ich Frau Horn auch verstanden, daß sie auf letzteres hinauswollte.

    Kommentar von MomoRules — 27.11.06 15:01 #

  5. “Wenn’s das hingegen schon alles gibt und z.B. die Namen Acemoglu, Shleifer und Alesina da bedeutend sind, wieso bekommt man denn da als so einer wie ich nix von mit? Auch in Deinem Blog nicht?”

    In meinem Blog kommen die schon gelegentlich vor. Aber im großen und ganzen ist der im Gegensatz zu z.B. Marginal Revolution eben kein ausdrücklicher Ökonomie-Blog, sondern als Freizeitvergnügen auch ein Ausgleich zu den Sachen, mit denen ich mich den restlichen Tag beschäftige.

    Warum es solche Beiträge hier nicht in breitere Diskussionen schaffen, verstehe ich auch nicht ganz. Dankenswerterweis gibt es bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeiten die Rubrik “Sonntagsökonom”, in der aktuelle Forschung allgemeinverständlich vermittelt wird. Das Handelsblatt hat eine ähnliche Rubrik. Aber sonst? Sonst werden Ökonomen selektiv zitiert um, je nach Redaktionsleithammel, linke oder rechte wirtschaftspolitische Vorurteile zu untermauern.

    Kommentar von statler — 27.11.06 22:06 #

  6. Übrigens, Entschuldigung für die Tippfehler… ich bin nicht betrunken, sondern gewöhne mich nur gerade mühsam an das Tastaturlayout meines neuen MacBooks.

    Kommentar von statler — 27.11.06 22:08 #

  7. Liberale wirtschaftspolitische Vorurteile gibt’s natürlich gar nicht ;-) …

    Das mit dem Ausgleich zu dem, was man sonst tut, kenne und verstehe ich gut …

    Kommentar von MomoRules — 28.11.06 09:04 #

  8. Die FAZ, und sie auch, hängen immer noch der alten, behäbigen, deutschen Ordnungstheorie an und die ist, ähm, provinziell.
    Wobei Konklusionen und Prämissen in stylischeren ökonomischen Ansätzen dieselben sind, more often than not.

    Kommentar von Parker8 — 28.11.06 14:23 #

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