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Ideen statt Geschenke

Samstag, 25.11.06 11:35 by Oliver M.H. - 5 Kommentare

Ich muss mich bei den Lesern des A’teams entschuldigen, dass von mir in letzter Zeit so wenig zu lesen war. Das lag vor allem daran, dass ich gerade die Erfahrung machen musste, dass es eigentlich noch zeitintensiver ist, ein Buch herauszugeben als es selbst zu schreiben. Die Mühen haben sich allerdings gelohnt. Am 6. Dezember erscheint Science vs. Superstition – The case for a new scientific enlightenment, herausgegeben von James Panton (Uni Oxford) und mir, verlegt bei der University of Buckingham Press. Dazu bald mehr.

Ansonsten habe ich auch wieder für Printmedien gearbeitet. Für die nächsten Ausgabe von Capital (7. Dezember) habe ich einen Beitrag in der Rubrik Außenansicht geschrieben, und heute bereits ist ein Artikel von mir im Forum der Tageszeitung “Die Welt” erschienen (siehe unten).

Damit kehrt bei mir wieder etwas Ruhe ein, so dass ich demnächst auch wieder mehr zum Bloggen kommen dürfte – hoffentlich.

Und hier der Artikel:

DIE WELT.de

Ideen statt Geschenke

Think Tanks inspirierten Margaret Thatchers Politik. Auch deutsche Unternehmen könnten mehr in öffentliche Debatten investieren / Von Oliver Marc Hartwich

Haben Sie schon alle Weihnachtsgeschenke beisammen? Nein, nicht jene für Ihren Familien- und Freundeskreis, sondern die für Ihre Kunden, Zulieferer und Geschäftspartner? Wenn nicht, dann haben Sie offenbar einen Trend verpasst. Der Gesamtverband der Werbeartikel-Wirtschaft hat ermittelt, dass deutsche Unternehmen jedes Jahr Geschenke im Wert von 2,8 Milliarden Euro verteilen. Darunter befinden sich längst nicht mehr nur Plastikkugelschreiber mit Firmenlogo; gerade zur Weihnachtszeit darf es gerne auch etwas anspruchsvoller sein. Eine ganze Branche hat sich darauf spezialisiert, pünktlich zum Fest Bürotische in Gabentische zu verwandeln. Da reicht die Spanne von handgebackenem Panettone über edle Weine und Terminplaner im Kalbsledereinband bis hin zur hochkarätigen Armbanduhr von Tiffany, ganz nach Wunsch mit oder ohne Gravur.

Wenn es darum geht, sich unter Geschäftspartnern zum Jahresende seiner gegenseitigen Hochachtung zu versichern, dann ist deutschen Unternehmern und Managern kaum etwas zu teuer, und zumindest teilweise lässt sich solche Großzügigkeit sogar als Betriebsausgabe von der Steuer absetzen. Nun darf man getrost davon ausgehen, dass die Motivation hinter der Mehrzahl der Firmenpräsente recht klar umrissen ist. Kleine, aber auch größere Geschenke erhalten eben die Freundschaft. Solche Pflege von Geschäftskontakten ist nicht nur legitim, sondern für Unternehmen geradezu unerlässlich. Vorweihnachtliche Beschenkungen sind Teil des Beziehungsmanagements.

Leider zeigen deutsche Unternehmer weit weniger Engagement, wenn es um ihre Beziehungen zur Gesellschaft geht. Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass sich viele Firmen karitativ in bedeutendem Umfang betätigen, sei es bei der Unterstützung von Sportvereinen oder Krankenhäusern. Doch so begrüßenswert solche Initiativen sind, so haben deutsche Unternehmer und Unternehmen doch bislang einen entscheidenden Bereich gesellschaftlichen Engagements vernachlässigt. Die Rede ist von der Förderung politischer und wirtschaftlicher Aufklärungsarbeit. Gemeint ist damit freilich nicht die gezielte Beeinflussung bestimmter politischer Entscheidungen, also kein Lobbyismus: auf den verstehen sich deutsche Firmen nämlich sehr wohl. Vielmehr fehlt es in Deutschland an Institutionen, die ein gesellschaftliches Klima schaffen, in dem informierte Debatten über die großen politischen Fragen möglich sind. Ein Klima, das dann auch wiederum den Unternehmen zugute käme.

Andere Länder sind deutlich besser mit solchen Einrichtungen versorgt, die von Privatpersonen und Unternehmen finanziert und für gewöhnlich unter dem Etikett “Think Tanks” (ins Deutsche nur unzureichend mit dem Wort “Denkfabriken” zu übersetzen) zusammengefasst werden. Allein in London existieren mindestens zwanzig solcher Institute, die Ideen zu den unterschiedlichsten Politikfeldern entwickeln, ihre Ergebnisse weit kommunizieren und noch dazu quer über das politische Spektrum verteilt sind. Da gibt es die sozialistische Fabian Society, die ökologisch ausgerichtete New Economics Foundation, das liberale Adam Smith Institute oder auch die EU-skeptische Initiative Open Europe, um nur einige wenige zu nennen. Sie alle bereichern auf ihre Art und Weise die politische Debatte, denn sie verfügen über einen entscheidenden Vorteil: Sie sind unabhängig und weder an den Staat, einzelne Unternehmen oder Branchen und auch nicht an bestimmte Parteien gebunden. Rücksichten sind somit kaum zu nehmen; was zählt, ist einzig die Kraft der Argumente.

Sozusagen der Urtyp der heutigen Think Tanks ist das Institute of Economic Affairs (IEA). Dessen Geschichte verdeutlicht zum einen, was die Gründer und Sponsoren von Think Tanks dazu bewegt, sich in dieser Form politisch zu engagieren. Zum anderen ist das IEA aber auch der Beweis dafür, welchen Einfluss die von Think Tanks entwickelten Ideen auf die Politik eines Landes nehmen können.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs dominierten in Großbritannien sozialistische Ideen die Politik. Der 1945 gewählte Labour-Premierminister Clement Attlee begann mit der Verstaatlichung weiter Teile der britischen Wirtschaft, der Wohlfahrtsstaat wurde durch die Schaffung des Nationalen Gesundheitsdienstes massiv ausgeweitet. Wirtschaftsliberale Ideen wie jene des Ökonomen Friedrich A. Hayek fanden in der damaligen politischen Diskussion kaum noch Gehör. Doch zufällig fiel Hayeks Streitschrift “Der Weg zur Knechtschaft” dem aus dem Krieg zurückgekehrten Air Force-Piloten Antony Fisher in die Hände. Fisher war davon so begeistert, dass er um eine Unterredung mit dem an der London School of Economics lehrenden Hayek bat. Eigentlich hatte er vor, ihn um Rat für seine politische Karriere zu bitten, doch Hayek hatte eine bessere Idee für ihn. Er möge ein Institut gründen, das sich um die Erarbeitung und Verbreitung liberalen Gedankenguts bemühen sollte. Langfristig, davon war Hayek überzeugt, sei für die politische Diskussion nämlich nichts so entscheidend wie die Kraft der Ideen. Die Intellektuellen müsse man erreichen, so Hayek; sie seien die “professionellen Gebrauchtwarenhändler für Ideen”, schrieb er wenig später in seinem Essay “The Intellectuals and Socialism”.

Aus Antony Fisher wurde in den Nachkriegsjahren ein erfolgreicher und wohlhabender Geflügelfarmer, so dass er Mitte der 1950er mit einer Spende von 5.000 Pfund – damals eine stattliche Summe – die jungen Ökonomen Ralph Harris und Arthur Seldon einstellen und damit das IEA aus der Taufe heben konnte. Harris und Seldon stellten sich als kreatives und produktives Duo heraus, die gemeinsam eine Vielzahl von Schriften veröffentlichten, in denen sie gegen Regulierungen und für die Privatisierung von Staatsbetrieben eintraten. Für die damalige Zeit dachten sie das Undenkbare; ihre Vorschläge waren im sozialstaatlichen Nachkriegskonsens unerhört – und so blieben sie auch lange ungehört.

Aber eine Gruppe von jungen Konservativen um die Unterhausabgeordneten Keith Joseph und Margaret Thatcher ließen sich von den IEA-Publikationen inspirieren und sorgten für die Verbreitung liberaler Ideen in Partei und Parlament. Als Mrs. Thatcher schließlich 1979 Premierministerin wurde, da lagen die Kernpunkte ihres Regierungsprogramms in Dutzenden von Publikationen des IEA zur Umsetzung bereit. Sie selbst sagte noch während ihrer Amtszeit, dass sie nichts ohne die Vorbereitung des IEA hätte erreichen können. Damit war Hayeks Plan von der Kraft der Ideen aufgegangen.

Die Erfolgsgeschichte des IEA hat in Großbritannien und darüber hinaus in der englischsprachigen Welt viele Nachahmer gefunden. Nur Deutschland ist, was das Angebot an unabhängigen Denkfabriken betrifft, ein Entwicklungsland geblieben. In Berlin bemüht sich Wolfgang Müller, Geschäftsführer des gerade eingerichteten Instituts für Unternehmerische Freiheit, um Spenden für seinen, dem IEA nachempfundenen Think Tank einzuwerben – und muss doch immer wieder feststellen, wie schwer deutsche Unternehmer für solch ein Engagement zu gewinnen sind.

Wahrscheinlich ist es wirklich viel einfacher, seinen Kunden zu Weihnachten prätentiöse Geschenke zu machen. Doch Unternehmer, die über ihren Betrieb hinaus etwas in der Gesellschaft bewirken wollten, könnten sich ein Beispiel an Antony Fisher nehmen. Und eine Wirtschaft, die jedes Jahr 2,8 Mrd. Euro verschenken kann, sollte vielleicht noch ein halbes Promille dieser Summe für einen Think Tank übrig haben.


Das Antibuerokratieteam - seit 15.08.07 auf www.antibuerokratieteam.net

5 Kommentare »

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  1. Der Titel des Buches gefällt mir. Deutsche Übersetzung geplant?

    Kommentar von Wolfgang Scheide — 25.11.06 12:36 #

  2. @Oliver

    Sie schrieben: Die Rede ist von der Förderung politischer und wirtschaftlicher Aufklärungsarbeit. Gemeint ist damit freilich nicht die gezielte Beeinflussung bestimmter politischer Entscheidungen, also kein Lobbyismus: auf den verstehen sich deutsche Firmen nämlich sehr wohl. Vielmehr fehlt es in Deutschland an Institutionen, die ein gesellschaftliches Klima schaffen, in dem informierte Debatten über die großen politischen Fragen möglich sind. Ein Klima, das dann auch wiederum den Unternehmen zugute käme.

    Ich stimme Ihnen insoweit zu, dass es ebenso in meinen Augen tatsächlich misslich ist, dass hier in Deutschland staatlich fiananzierte Parteien mit ihren Stiftungen auch das gesellschaftliche Vorfeld des Politischen publizistisch zu bestimmen versuchen. Wenn privatfinanzierte Think Tanks dieses Monopol erschüttern, -nur zu!

    Solange für Transparenz in der Finanzierung gesorgt ist, wäre ich einer unter den ersten, die das Entstehen eines liberal-konservativen Think Tanks, wie es das amerikanische AEI darstellt, begrüßen würden. Die Zeit, in der PDS, SPD und Grüne in Gestalt ihrer Stalin-, Ebert- und Böll-Stiftungen arbeitsteilig mit intellektuell belanglos-bräsigen Öko-Sekten wie Greenpeace oder Castoralarm den Lauten machen dürfen, sollte jetzt wirklich langsam mal vorbei sein.

    Eine ein wenig bissige Bemerkung kann ich Ihnen allerdings doch nicht ganz ersparen: Ihre Rede, Oliver, von “Aufklärung”, “informierten Debatten” liest sich, bei allem Respekt, wie die stattsam bekannte Mischung aus beiläufiger, politisch korrekter Beflissenheitsrhetorik und oberflächlichem PR-Deutsch, die den Stil bei Christiansen oder Illner prägt.

    Natürlich geht es nicht um Aufklärung oder um die hehre Wahrheit oder um interesselose Erkenntnis. Es geht darum, eine bestimmte, vielleicht bislang unterrepräsentierte politische Haltung, von der die Initiatoren glauben, dass sie für die Gesellschaft oder für sie selbst die beste wäre, argumentativ so zu unterfüttern, dass möglichst viele diese Meinung als führend betrachten und als die für sie selbst oder für die Gesamtgesellschaft beste adoptieren. Es geht um Zeitgeist, Einfluss, Macht, also darum, das pragmatisch Tauglichste (Nützlichste, Bewährteste, vielleicht Ethischte, vielleicht auch bloß Interessenkonformste) gegen den Widerstand des politischen Gegners subtil durchzusetzen.Nicht Wahrheit und Ekenntnis, sondern MEINung, Herrschaft und Pragmatik.

    Transparenz, damit fängt es an. Wer finanziert? Was will man erreichen? Warum will man es? Zu den Antworten auf diese drei Fragen sollte man dann auch stehen, will man sich nicht ständig dem Vorwurf aussetzen, man würde unter dem Deckmantel politisch neutraler Bildungsarbeit in Wahrheit ungezieltes, aber sehr motiviertes Lobbying (politische Landschaftspflege) betreiben.

    Begriffe wie “Aufklärung” kann man dann als “wording” für den politischen Gegner reservieren (um ihn öffentlichkeitswirksam zu erledigen) oder natürlich auch für potenzielle Geldgeber, denen es so vielleicht pr-technisch leichter gemacht wird, ein bisschen was zu spenden.

    Kommentar von ralph — 25.11.06 14:22 #

  3. Mich beschäftigt bei dem Thema immer stark die Frage inwiefern man sicherstellen kann, dass eine Partikularbeeinflussung z.B. von einflußreichen Institutionen und Unternhemen nicht stattfindet – und wie man das auch nach außen kommuniziert.

    Da ich auch ab und zu auch in der amerikanischen Blogsphäre unterwegs bin ist mir eines aufgefallen:

    Häufig wird dort ein Argument ganz schnell mit dem Verweis darauf, dass jemand der das Argument geäußert hat vor 5 Jahren mal bei XYZ (meistens Exxon) gearbeitet habe, als wertlos abgestempelt. Es wird keine Differenzierung zwischen plattem, deutlichen Lobbyismus einerseits und einer fundierten Aussage zu einem Thema (trotz Spendenfinanzierung) andererseits gemacht. Auf eigene Institutionen wird das Argument rückwärts natürlich nicht angewandt.

    Vitamin B und $ haben Einfluss: da braucht man meiner Meinung nach gar nicht groß drüber diskutieren. Nur wie vermindert man diesen Einfluss? Es geht nicht darum die Message zu ändern – ein liberaler Think Tank sollte liberale Argumente und vernünftige, solide Fakten zu deren Untermauerung erzeugen – aber es sollte tunlichst vermieden werden Lobbyismus unter dem Deckmantel von Objektivität zu produzieren.

    Die Äußerungen des Lobbyisten zum Schluss sind überraschend deutlich: http://www.youtube.com/watch?v=I5wHeQd0_1I

    Kommentar von googlehupf — 26.11.06 00:15 #

  4. die Förderung politischer und wirtschaftlicher Aufklärungsarbeit in der BRD ist in der Tat notwendig, wenn man bedenkt, dass es gewissen Kräften gelingen konnte, im öffentlichen Bewusstsein den Eindruck der Gleichwertigkeit der Ansichten einer Hand voll Aussenseiter zur etablierten Volkswirtschaftslehre zu erzeugen, wobei letztere in diesem Prozess sogar noch eine Diskriminierung erfährt.

    Einer der prominentesten der sich in den Ansichten auffällig ähnelnden Aussenseiter ist Hickel, der als Helfershelfer des, wie man der Internet Recherche unschwer entnehmen kann, ebenfalls von der DKP beklatschten, SVR Mitglieds Bofinger bekannt wurde. Hickel entstammt auch dem Stamokap Millieu. Er wurde zusammen mit dem DKP Präsidiumsmitglied Huffschmidt als treibende Kräfte der DKP orientierten Memorandumgruppe und deren “Alternative Gutachten” einer Minderheit bekannt. Das Ziel der Memorandumgruppe war eine wirtschaftspolitische Umsetzung der Strategie der DKP zur Schaffung breiter antimonopolitischer Bündnisse. Um dem Popanz “68er” entgegenzuwirken, sei erwähnt, dass die Annahme, wonach Hickel und die Memorandumgruppe während der studentenbewegten Jahre der BRD irgendeine nennenswerte Bedeutung gehabt hätten, ist schlichtweg falsch. Die Memorandumgruppe war aus Sicht der neuen Linken der BRD ein Fremdkörper. Unterstützung fand sie auch weitgehend im Millieu der DKP und deren sattsam bekannten Bündnispartner, die üblicherweise immer zur Stelle waren, wenn die DKP eine Kampagne unternahm oder sich an eine solche anhängte.

    Vergegenwärtigen wir uns diesen Aspekt, so stellt sich die Frage, was mit der BRD geschehen ist, dass ein bereits während der studentenbewegten Jahre der BRD den lautstark verlachter Hickel, plötzlich, mehr als 30 Jahre danach, in der Lage ist mit dem Präsidenten des Weltverbandes der Finanzwissenschaftler Professor Sinn auf gleicher Augenhöhe in der Öffentlichkeit diskutieren zu können?

    Kommentar von CertifiedKiteFlyer — 26.11.06 10:27 #

  5. [...] Da an anderer Stelle bereits danach gefragt wurde: Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht geplant. Wer es unbedingt übersetzen und auf Deutsch herausgeben möchte, wende sich vertrauensvoll an mich … [...]

    Pingback von antibuerokratieteam.de » science vs superstition - the case for a new scientific enlightenment — 06.12.06 08:40 #

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