Ökologisch verbrämter Faschismus des globalen Gutmenschentums
Grundsätzliche Innovationen des Denkens fordert Peter Krieg, Autor von die paranoide Maschine, im linken Online-Magazin Telepolis. In seinem Text die Macht der Innovation beleuchtet er – als Beitrag im Rahmen der TP-Reihe zur Widerspiegelung gesellschaftlicher Utopien in der Science Fiction – die Anmassung von Wissen, wie sie in der sozialen Metapher der militärisch-hierarchisch organisierten Technokratie erscheint:
[...] Was wir heute in den modernen Demokratien zu fürchten haben, sind noch viel gigantomanischere “Innovations”- Projekte, diesmal nicht nur zur Rettung einer einzelnen Nation, sondern gleich des ganzen Planeten… Die Manhattan-Projekte der Gegenwart haben sich nicht weniger als die gezielte Änderung des Klimas (als Rettung vor einer prognostizierten “Klimakatastrophe”), die globale Überwindung der Armut (in Form eines durchregulierten Welthandels) oder die Bewahrung der Natur vor menschlicher Überbevölkerung (durch staatliche Zwangsprogramme a la China) aufs Panier geschrieben. Im Namen der Abwehr größerer Gefahren droht uns ein ökologisch verbrämter Faschismus des globalen Gutmenschentums, der angesichts der heute verfügbaren Technologien die kulturelle, soziale und ökonomische Evolution zum Stillstand bringen könnte [...]
Er entwickelt aus dieser Einsicht eine Utopie, die auf TP fast schon wie Perlen vor die Säue wirkt – aber auch weit entfernt ist von den reaktionären Dystopien Hoppes und anderer Paläolibertärer:
Die eigentliche, noch zu vollziehende Innovation der Macht liegt in der bewussten Verbindung von Freiheitsnormen mit selbstorganisatorischen ökonomischen und sozialen Prozessen, also von individueller Freiheit mit freiem Markt und freiwilliger Zivilgesellschaft.
Wirklich lesenswert!
10 Kommentare »
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Apropos Perlen vor die Säue:
Die Illuminaten sind schuld!
;)
http://www.heise.de/tp/foren/go.shtml?read=1&msg_id=11551351&forum_id=107821
Kommentar von C.Lapide — 06.11.06 14:27 #
Gar nicht mal so schlecht, wenn die “jüdisch-freimaurerische Weltverschwörung” alias Illuminaten, “Insider”, Bilderberger, DOXA etc. pp. so offen und geballt schwachsinnig wie bei unserem Kommentator daherkommt. In besser verpackter Form wird der Unsinn nämlich verdammt oft geglaubt. (Wie viele Deutsche glauben noch mal daran, dass hinter den Attentaten vom 9.11.2001 in Wirklichkeit die CIA, der Mossad, die NSA, egal, jedenfalls DIE GEHEIMDIENSTE, also SIE stehen?)
Ewige Blumenkraft!
MM
Kommentar von MartinM — 06.11.06 18:09 #
Ähnlicher Schnickschnack findet sich auch in den Büchern des von einigen Bloggern hochgelobten Islamwissenschaftlers Hans-Peter Raddatz (Von Allah zum Terror). Raddatz zieht sogar eine Verbindungslinie von den üblichen Verdächtigen (Council on Foreign Relations, Trilateral Commission, Bilderberger, Freimaurer, ja sogar Papst Johannes Paul II) zu einer seiner Meinung nach gezielt geförderten Einwanderung von Moslems zur Untergrabung der westlichen Kultur und zur Errichtung der “Herrschaft der wenigen über die vielen”, sprich der “Neuen Weltordnung”. Kommt mir vor wie eine der vielen Manifestationen von Paranioa.
Kommentar von Eloman — 06.11.06 20:45 #
Beim Raddatz sehe ich das differenzierter. Als warnende Stimme nehme ich ihn ernst, und in vielem kann ich ihm nur zustimmen: er fordert die Trennung von Religion und Staat, die Anerkennung des staatlichen Gewaltmonopols seitens der Muslime und die Gleichberechtigung der Frau. Und dass er fordert, dass jene schariatischen Teile des Islams, die dem Grundgesetz widersprechen nicht unter Artikel 4 GG fallen sollen, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Seine Kritik an “Toleranztrotteln”, die des “lieben Friedens willen” islamischen Fanatikern zu viele Zugeständnisse machen, teile ich; seine Warnung vor einer falsch verstandenen Toleranz gegenüber religiös geprägter Intoleranz müssen ernst genommen werden.Er hat auch recht mit seinen Anmerkungen zu verharmlosenden und naiven Betrachtungen von Wissenschaftlern und Politikern zur potenziellen Bedrohung durch den Islam.
Allerdings mag ich Raddatzens Litaneien gegen “neoliberale Ansätze” – oder das, was er dafür hält – nur selten folgen. Schon gar nicht stimme ich seine Warnungen vor “Sozialabbau durch Globalisierung und Zuwanderung” zu. Seine Anmerkungen zur EU und zur politischen Elite Deutschlands sind mir polemisch: überall (aber wirklich überall) sieht er Seilschaften, Korruption und Ignoranz gegenüber der Bevölkerung. Damit hat er sicherlich sehr oft recht, aber er verallgemeinert das derart, dass der geistige Schritt zum Verschwörungsdenken so weit nicht ist. “Von Allah zum Terror” kenn ich noch nicht, ich kann mir gut vorstellen, dass er den “logischen” Schritt zum Verschwörungstheoretiker getan hat.
Kommentar von MartinM — 06.11.06 21:35 #
@MartinM
Hat er (nachzulesen ab S. 234 ff.)
Macht ihn in seinen Sonstigen Ausführungen nicht gerade glaubwürdiger.
Kommentar von Eloman — 06.11.06 22:43 #
Ja, die Raddatz-Forderungen klingen vernünftig. Aber wenn man die Bücher liest, fängt man schon an, sich über den Typ zu wundern. Der Vatikan als fünfte Kolonne des Islam… Übrigen ist in einem seiner Bücher ein Abriss der Wirtschaftsgeschichte, in dem er fast ausschließlich Robert Kurz’ “Schwarzbuch des Kapitalismus” zitiert, als sei dies das Standardwerk dazu. Auf die Idee würde noch nicht einmal ein durchschnittlicher Sozialist kommen…
Kommentar von Rayson — 06.11.06 23:07 #
Wo leben sie denn? Es mag sein, dass der durchschnittliche Sozialist nicht auf die Idee kommen könnte, das “Schwarzbuch des Kapitalismus” ein Standardwerk zu nennen, die Wochenzeitung Die Zeit jedoch sehr wohl. Muss ich sie darauf aufmerksam machen, dass sich wikipedia.de auf die Wochenzeitung Die Zeit berufen kann:
“Robert Kurz’ bekannteste Publikation ist das Schwarzbuch Kapitalismus. Die Wochenzeitung Die Zeit bezeichnete es als „die wichtigste Veröffentlichung der letzten 10 Jahre“.” http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Kurz
Die Berufung des wikipedia.de auf die die Wochenzeitung Die Zeit ist korrekt:
“Das Schwarzbuch Kapitalismus ist die wichtigste Veröffentlichung der letzten zehn Jahre in Deutschland. Es
schlägt keine Symptomkur vor, sondern den radikalen Schnitt. Auf diese Radikalität haben wir lange gewartet. Avanti popolo” http://hermes.zeit.de/pdf/archiv/archiv/1999/51/199951.p-kurz_.xml.pdf
Rayson, machen sie sich nichts vor: das verworrene Geschwurbel eines notorischen Sektierers, der ursprünglich aus dem vom Verfassungsschutz beobachteten extremistischen Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands (KABD) gekrochen kam und dem heute selbst die Krisis Gruppe noch nicht sektiererisch genug ist, gilt als eine wichtigsten Veröffentlichung der letzten 10 Jahre!
Das ist die BRD heute!
BTW Es übrigens sehr interessant, wie detailliert wikipedia.de Sektierer und sektiererische Gruppen beschreibt.
Kommentar von Rainer Lang — 07.11.06 11:28 #
Der Rezensent des Buches in der Zeit (Lohmann) ist nunmal Marxist. Er darf in der Zeit gelegentlich “kapitalimuskritische” Bücher rezensieren. z.B. auch das:
http://www.zeit.de/2005/27/P-Bartels
Kommentar von C.Lapide — 08.11.06 12:10 #
wichtige Hintergrundinformation – C.Lapide, ihnen sei gedankt.
Bisher verhält es sich doch so, dass sich diese Leute auf ihre Rolle als Kritiker beschränken können. Deren Zielsetzung und Instrumentarium, in diesem Fall Marxismus, verblasst dagegen im Hintergrund, bzw. wird verschämt hinter angeblichem Keynesianismus versteckt. Sozialismus und insbesondere Marxismus halten jedoch keiner Kritik stand. Es wird Zeit das man die Kritiker an den Ohren aus ihren Schlupflöchern zieht, und deren Zielsetzung und Instrumentarium kritisch hinterfragt. Will sagen, es wird Zeit das man gegen diese Kräfte, deren Konto durch den hundertmillionenfachen sozialistischen Massenmord belastet wird, in die Offensive geht.
Kommentar von Rainer Lang — 08.11.06 13:40 #
Geiler Artikel.
Und eine verdammt gute Erklärung, warum Religion und Wissenschaft (Evolution) keine Gegensätze sind. Sie werden es erst dann, wenn sich eine der beiden anmaßt vollständige Kenntnis zu besitzen. Also dann, wenn eine der beiden als Vorwand zur Legitimation von Macht dient. Passt auch sehr schön zu den letzten beiden South Park Folgen.
Kommentar von Dirk — 10.11.06 22:29 #