Kein Zutritt für Neger
… der Linksliberale fordert die Anwendung staatlicher Antidiskriminierungsgesetze, sowie ein Verbot des Wortes “Neger” und demonstriert vor der Kneipe gegen das rassistische Arschloch (wenn auf der Demo Steine fliegen, distanziert er sich natürlich, zumindest öffentlich).
… der Paläolibertäre weist auf die Vertragsfreiheit des Gastwirtes hin und vergleicht die Antidiskriminierungsgesetze mit den Nürnberger Gesetzen von 1935. Er besucht die Kneipe, trinkt mit dem Wirt ein paar Bier und lädt ihn zu einigen Interviews und/oder Gastbeiträgen in der paläolibertären Zeitschrift über die schamlose Unterdrückung des Gaststättengewerbes ein.
… der Neo-Libertäre argumentiert gegen Antidiskriminierungsgesetze in der Privatwirtschaft und weist auf die Vertragsfreiheit, die für alle – auch für rassistische Arschlöcher – gleichermassen gelten müsse, hin. Ein Bier würde er von dem Typen nicht einmal geschenkt haben wollen.
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… womit die Nicht-Existenz des “Neo-Libertären” wohl bewiesen wäre, oder? Mir jedenfalls kommen immer nur “Linksliberale” unter (85%) und gelegentlich ein vereinzelter “Paläolibertärer” (3%).
Die restlichen 12% sind Linke ohne liberal, die das rassistische Arschloch mitsamt seiner Scheißfaschokneipe ohne Verzug abfackeln.
Kommentar von FAB. — 02.11.06 23:38 #
… womit ich dann endlich wüsste, dass ich ein Neo-Libertärer bin (oder vielleicht doch ein ganz normaler Klassisch-Liberaler?).
Kommentar von Oliver M.H. — 03.11.06 08:11 #
Ich weiss nicht, ob die Unterscheidung nach linksliberal, paläolibertär und neolibertär sehr glücklich gewählt ist und ob die Anwendung auf das Beispiel geglückt ist.
Die linksliberale Position, wie oben beschrieben, hat wenig mit dem Liberalismus zu tun, das ist richtig.
Das Spektrum innerhalb des Paläolibertarismus ist aber sehr gross. Vielleicht sind die zwei Wichtigsten Personen, die in diese Kategorie gehören, Hans-Hermann Hoppe und Lew Rockwell. Obwohl beide kulturell konservative Libertäre sind, also Paläolibertäre, ist HHH offen homophob und xenophob, während Rockwell eher einen Schwerpunkt auf die Rückbesinnung auf eine patriarchalische Gesellschaft legt. Ein antirassistischer Paläolibertärer ist m.E. vorstellbar.
Weshalb im Weiteren das Präfix “Neo” für den plumb-line Libertären, wie zum Beispiel Murray Rothbard einer war, gewählt wurde, wird mir nicht klar. Meist wird mit dem Begriff Neolibertarismus die Idee verstanden, dass der Libertarismus in einer kriegerischen Welteroberungstour überall eingepflanzt werden sollte. Während die meisten Libertäre Isolationisten sind, sind Neolibertäre wie Jonathan Henke Interventionisten.
Weiter weiss ich nicht, ob vielleich der Linkslibertarismus, wie er von Roderick Long, Charles Johnson, Kevin Carson usw. vertreten wird, erwähnt werden sollte. Dieser strebt eine Rückbesinnung der libertären Bewegung auf die Ideen der individualistischen Anarchisten des 19. Jahrhunderts an. Die individualistischen Anarchisten um Benjamin Tuckers Zeitschrift Liberty sahen im Etatismus nur einen Aspekt eines Systems von staatlichen und nichtstaatlichen Mechanismen zur Unterwerfung des Individuums. Zu solchen nichtstaatlichen Mechanismen gehört eben zum Beispiel der Rassismus, oder auch das klassische Patriarchat. Anders als die Linksliberalen, sehen die Linkslibertären den Staat aber nicht als Mittel zur Lösung dieser Probleme, da sie erkennen, da es sich dabei um gesellschaftliche Probleme handelt, die nur in der Gesellschaft selber, von unten, gelöst werden können. So würde der Linkslibertäre dem rassistischen Wirten natürlich auch das Recht zugestehen, beliebige Wirten aus seiner Kneipe auszuschliessen, gleichzeitig würde er aber auch Boykottaktionen o.Ä. zur gewaltlosen Behandlung des Problems empfehlen.
Kommentar von Matt Jenny — 03.11.06 17:43 #
Aehm, haben wir da etwas verwechselt, joachim?
Ein Neo-libertärer würde gegen die Antidiskriminierungsgesetze in der Privatwirtschaft verweisen und dann hoffen, dass der STaat seinen Gastwirt unterstützt!
Ein klassisch Libertärer dagegen würde seiner eigenen Meinung folgen und fordern, dass das auch alle anderen tun, was bedeutet keine Diskriminierungsgesetze (denn das sind diese Anti-Gesetze immer).
Kommentar von Max — 03.11.06 17:46 #
Matt, danke für Deine ausführliche und wirklich bereichernde Kritik. Jede Analogiebildung hat natürlich ihre Grenzen. Das Präfix Neo- ist übrigens durchaus auf “Libertäre Falken” bezogen, nicht auf Rothbard. Deshalb der Link zu The New Libertarian. Ich habe in diesem Blog an verschiedenen Stellen begründet, warum ich derartige Positionen teile.
Boykottaktionen: wofür denn? Der Wirt selbst ist doch schon so freundlich, mittels des Schildes darauf hinzuweisen, dass er ein Idiot ist. Die Verbraucherinformation wäre also insofern gewährleistet. Gewaltlose Behandlung des Problems klingt mir doch etwas zu sehr nach dem gänzlich unlibertären Anspruch, die Meinungsäusserungen und Vertragsbeziehungen anderer kontrollieren zu wollen.
Eure marktanarchistische(?) Seite Der Freie Markt empfinde ich als sehr gut gemacht und ungemein lesenswert.
Kommentar von jo@chim — 03.11.06 20:40 #
Und was bin ich dann? Als Rothbardianer? Sind nicht z.B. Block und HHH sehr unterschiedlich, werden jedoch beide unter “Paläo” rubriziert?
Naja, sucht Euch mal ‘nen schönen Oberbegriff für alle DDHs dieser Welt raus und mailt ihn mir!
Homophob bin ich ja schon mal nicht, das macht die Sache vielleicht übersichtlicher. *g*
Kommentar von DDH — 03.11.06 21:10 #
Alle DDHs dieser Welt
¡Oh Bullshit! Da gibts noch mehr? Du holst die jetzt aber nicht, oder? :P
Kommentar von jo@chim — 03.11.06 21:19 #
@jo@chim: Ich habe mich vorher wohl auch falsch ausgedrückt. Wenn du untersuchen willst, wie verschiedene liberale und libertäre Fraktionen mit dem Problem des Rassismus umgehen, musst du untersuchen, welche generelle sozialen Positionen sie vertreten. Hier lassen sich innerhalb der libertären Bewegung drei Richtungen ausmachen. Die rechten (z.B. Hoppe) und die linken (z.B. Long) Libertären, sowie die plumb-line (sorry, mir ist noch immer kein passender deutscher Begriff dafür eingefallen) Libertären (Rothbard). Ich behaupte mal, dass das, was das neo am Neolibertarismus ausmacht, nichts über das Soziale aussagt. Ein “libertärer Falke” könnte Rechts, Links, oder Mitte sein. Das ist eigentlich meine Einzige Kritik bezüglich Deiner Verwendung des Begriffs “Neolibertarismus” in Deinem obigen Beitrag.
Zu deinen weiteren Einwänden:
Du hast in der Tat recht, dass eine bewusste Boykottaktion gegen den Wirten in deinem Beispiel unnötig wäre. Wenn wir das Beispiel aber so abändern würde, dass der Wirt seinen Rassismus nicht so offen kundgeben würde, sondern gewisse Bevölkerungsgruppen “nur” feststellen würden, dass sie in der Kneipe schlecht bedient und behandelt werden, dann würde der plumb-line Rothbardianer die Kneipe zwar nicht mehr besuchen, jedoch nichts weiteres unternehmen. Der Linkslibertäre würde z.B. mit Flugblättern die Leute auf die Tendenzen des Wirts aufmerksam machen, um damit seinem Geschäft zu schaden.
Den Begriff “gewaltlose Behandlung des Problems” habe ich nur verwendet, da mir zu diesem Beispiel keine weitere Strategie des Vorgehens gegen den Rassismus vorstellen konnte, als der Boykott. Gemeint sind damit natürlich nur Methoden, die die Meinungsäusserungen und Vertragsbeziehungen anderer nicht gewaltsam kontrollieren. Also wie gesagt zum Beispiel ein Boykott, Flugblattaktionen usw. Mit dieser Methode wird ja vom eigenen Recht auf Meinungsfreiheit und auf Auflösung des Vertrags Gebrauch gemacht.
Um die linkslibertäre Position nochmals zusammenzufassen: Der Staat ist gewaltsam und unmoralisch, gewisse friedliche Handlungen von Einzelpersonen sind es aber auch. Da die Gewalt des Staats unmoralisch ist, darf zur “Bekämfpung ” von anderen unmoralischen Handlung keine Gewalt angewendet werden.
P.S. Danke für das Lob bezüglich Der freie Markt. Aus dem “(?)” hinter “marktanarchistisch” kannst Du übrigens gerne ein “(!)” machen. ;)
Kommentar von Matt Jenny — 03.11.06 21:26 #
@DDH: Das Präfix “Paläo” kann manchmal sehr verwirrend sein. Ich finde die Einteilung der Libertären (und somit der Rothbardianer) in rechts, links, und plumb-line (mitte) am klarsten. Walter Block und Rothbard selber wären damit plumb-line. Block hat die Sache selber in folgendem Essay m.E. nicht schlecht untersucht:
Libertarianism is unique; it belongs neither to the right nor the left: a critique of the views of Long, Holcombe, and Baden on the left, Hoppe, Feser and Paul on the right.
Eine weitere Möglichkeit ist es, den Libertarismus nach “dick” und “dünn” zu unterscheiden. Die Rechten und die Linken sind hiernach “dicke” Libertäre, wenn auch ganz unterschiedliche, während die in der Mitte “dünne” Libertäre sind. Charles Johnson hat dazu einen m.E. sehr guten Text geschrieben:
Remarks on Jan Narveson’s “Libertarianism: the Thick and the Thin”
Kommentar von Matt Jenny — 03.11.06 21:36 #
… ah, dann wäre ich also ein dicker dünner Libertärer. Oder ein dünner libertärer Dicker. Das dem jeweiligen Anlass angemessene Präfix nicht zu vergessen natürlich. DDH kannst Du mir mal das Semi reichen?
:D
Kommentar von jo@chim — 03.11.06 22:05 #
Tut’s heut abend auch ein quasi? ;-)
Kommentar von DDH — 03.11.06 22:39 #
Im Ernst:
Das würde die Marktteilnehmer um die Information bereichern, dass Ihr die Handlungsweise des Wirtes moralisch ablehnt. Euer gutes Recht. Es ist legitim, auf sich aufmerksam zu machen.
OK.
Ihr verteilt also Flublätter, auf denen steht, dass er xenophob ist.
Wird er dadurch weniger rassistisch? Wahrscheinlich macht Ihr noch Werbung für das Etablissement. Was passiert mit denen, die die Kneipe trotzdem besuchen? Was geht Euch überhaupt die private geistige Umnachtung eines Gastwirts an?
Und die autonomen Antifa-Kader warten schon auf eine passende Deckung für die nächste “militante Aktion” …
Kommentar von jo@chim — 03.11.06 22:40 #
Vielleicht; wahrscheinlich aber nicht. Den Umgang mit gewissen Bevölkerungsgruppen in seiner Kneipe wird er vielleicht aber überdenken, wenn er plötzlich viel weniger Kunden hat. Grundsätzlich geht es aber nur darum, dass eine libertäre Gesellschaft nicht tatenlos zusehen sollte, wenn rassistisches Gedankengut plötzlich wieder salonfähig wird. Ideologien, die Menschen nach willkürlichen Kriterien in verschiedene Gruppen einteilen, stellen m.E. eine grosse Gefahr für den sozialen Frieden in einer freien Gesellschaft dar. Du wirst mir wahrscheinlich zustimmen, dass in einer freien Gesellschaft eine plötzliche Renaissance der etatistischen Ideen nicht tatenlos hingenommen werden sollte, sondern ein “öffentlicher” Diskurs zur Eindämmung der Ideologie gestartet werden sollte. Ich behaupte, dass dasselbe für den Rassismus und einiges mehr gilt.
Diese Gefahr besteht in der Tat. Die medialen Aufschreie wegen Passion of the Christ und der anschliessende Boxoffice-Erfolg des Films haben dies zum Beispiel gut gezeigt. Eine solche Situation ist immer heikel und sollte von Fall zu Fall behandelt werden. Ein einheitliches Rezept gibt es natürlich nicht.
Die trinken dann ihr Bier. Solange irgendwer seinen Rassismus nicht gewaltsam umsetzt, kann dagegen (aus moralischer und aus pragmatischer Sicht) nicht gewaltsam vorgegangen werden.
Wie oben beschrieben: Der Erhalt einer libertären Gesellschaft bedingt ein gewisses Mass an “ideologischer Reinheit.” Ein Etatist ist nicht so schlimm, solange er seine Ideen nicht in die Tat umsetzt. Viele Etatisten, sind auch nicht schlimm, solange sie ihre Ideen nicht in die Tat umsetzen. Wenn es aber viele Etatisten gibt, besteht stets die Gefahr, dass sie plötzlich ihre Ideen in die Tat umsetzen. Deshalb gilt, dass die etatistische Ideologie zu jedem Zeitpunkt im friedlichen, rationalen Diskurs bekämpft werden muss. Wie gesagt, dasselbe gilt noch für ein paar andere Ideologien und Einstellungen.
Kommentar von Matt Jenny — 03.11.06 22:59 #
Arrrghhh!! Der Begriff ideologische Reinheit macht mir Gänsehaut. Hunderttausende, wenn nicht Millionen, sind in die sozialistischen GULAGs gewandert, weil ihnen diesbezüglich das gewisse Mass fehlte. Sag, dass Du “liberale Werte” gemeint hast, und wir sind d’accord. Diese müssen aber positiv gelebt werden und sich auf dem “Markt der Meinungen” durchsetzen. Werte entwickeln sich in einem evolutionären Prozess, sie können nicht durch “Kampf” oder staatliche Herrschaft oktroyiert werden (was auch heisst, dass der Begriff liberale Revolution in sich selbst widersprüchlich ist). Imho.
Kommentar von jo@chim — 04.11.06 17:37 #
Sorry, diese habe ich natürlich gemeint. War zu Faul, einen besseren Begriff zu suchen, deshalb habe ich die “ideologische Reinheit” auch in in Anführungszeichen geschrieben. Ich stimme dir natürlich bezüglich den liberalen Werten und deren Natur vollkommen zu.
Kommentar von Matt Jenny — 04.11.06 19:25 #
> Der Wirt selbst ist doch schon so freundlich, mittels des Schildes darauf hinzuweisen, dass er ein Idiot ist.
Für einen Menschen, der diese Bezeichnung verdient, ist der Schluss richtig, aber nicht für den Neo-Libertären, denn da ist ein (Wert)Urteil gefällt: “Idiot”
Natürlich kann der Wirt Schilder an seinem Haus anbringen, wie er lustig ist.
Die Frage ist aber auch überhaupt nicht, ob, wann und wie er Schilder nageln “darf”. Die liberale Frage lautet IMMER: Ob, wann und wie ein Verbot des Anbringens von Schildern legitimierbar ist. Auf Privatgrund und -eigentum ist er es nicht, auf sozialsiertem Eigentum allerdings (leider) schon. Die weitere Frage muss also lauten: Ob, wann und wie kann/soll Eigentum sozialisiert (= ver-öffentlicht) werden. Hier gibt es durchaus unter Liberalen strittige Grundsatzfragen. Fest steht: Wenn es sozialisierten Raum gibt, dann sind auch Situationen denkbar, in denen das Anbringen von Schildern justiziabel werden kann.
Es wäre also denkbar, dass ein bestimmtes Schild öffentlichen “Raum”, wie immer er sich darstellt (räumlich, zeitlich, virtuell, im übertragenen Sinne) verletzt.*
Ich will damit nur sagen, dass es dies dabei mit zu bedenken gibt (auch bei der sog. “Auschwitz-Lüge” oder etwa der Indizierung von “Mein Kampf”). Dass ich für die “Freiheit der Feder” bin (Kant), brauche ich sicher hier nicht zu betonen ;-)
* für alle ‘linken’ MitleserInnen: Macht es euch doch nicht so schwer: Schon mal was von “Luftsteuer” gehört? “Negerschilder” könntet ihr, selbstverständlich ganz demokratisch, mit einer prohibitiv wirksamen Luftsteuer belegen. Dann müsst ihr euch – wie so oft – die Finger nicht mit (reaktionären, autoritären) “Verboten” die Finger “schmutzig” machen. Na los, das Spiel beherrscht ihr doch sonst auch so prima… :-P
Kommentar von Bodo Wünsch — 04.11.06 20:18 #
@ Matt Jenny
> Um die linkslibertäre Position nochmals zusammenzufassen: Der Staat ist gewaltsam und unmoralisch, gewisse friedliche Handlungen von Einzelpersonen sind es aber auch. Da die Gewalt des Staats unmoralisch ist, …
Vorab: Ich gehe davon aus, dass die ‘linkslibertäre’ Pos. nicht die Ihre ist.
Hier ist mir die Verwendung des Begriffs ‘Moral’ nicht klar. ‘Staat’ und ‘Moral’ sind kategorial zweierlei. Ein Staat, der moralische Anwandlungen hat, ist notwendig ein totalitärer und damit unmoralischer Staat. Die heute existierenden Staaten unterscheiden sich lediglich graduell in ihrer Unmoralität, wohl wahr. Ein Staat jedoch, dem Moral egal, Recht aber absolut wichtig ist, ist der wahre moralische Staat. Ob es den geben kann? Ich wage es zu bezweifeln…
Kommentar von Bodo Wünsch — 04.11.06 20:31 #
@Matt Jenny
“There is no such thing as a society.”
Die “libertäre Gesellschaft” halte ich für ein Unding. Es gibt nur Einzelne.
Wie gesagt, die Frage ist, was unter den vielen vielen Einzelnen nicht mehr “privat” sein kann oder soll.
Soweit ich sehe: Libertäre können und dürfen “Rasssismus” als Libertäre nicht verhindern oder unterbinden. Gewalt aber schon.
Als Menschen sehr wohl aber auch Rassismus: Wer dem Gastwirt eine schallert, dass die Nase blutet und bereit ist, hinterher die Kosten für die Ohrfeige zu übernehmen… why not?
Zufrieden?
Kommentar von Bodo Wünsch — 04.11.06 20:39 #
Das war ein persönliches Werturteil von Achim Hecht, ja. Ich nehme mir das jederzeit heraus :-)
Kommentar von jo@chim — 04.11.06 21:04 #
@Bodo Wünsch:
Diese Annahme ist falsch. Ich bezeichne mich oft gerne als Linkslibertärer, oder auch als Links-Rothbardianer, oder halt einfach klassisch als Marktanarchist.
Dem möchte ich gerne widersprechen. Die libertäre Definition von “Staat” sagt, dass der Staat eine aggressive Institution ist. Somit ist der Staat per Definition unmoralisch, wenn man die libertäre Auffassung von Moral akzeptiert. Ich glaube aber, dass der Moralbegriff nicht nur Aussagen über Aggression macht, sondern auch weitere Aspekte des Zusammenlebens beurteilen kann.
Somit hat jeder Staat moralische Anwandlungen, da er behauptet, dass seine aggressiven Handlungen legitim sind.
Recht ist m.E. eine Unterkategorie der Moral. Somit kann dem Staat nicht gleichzeitig die Moral egal, Recht aber absolut wichtig sein.
Ob es den geben kann? Ich wage es zu bezweifeln…
Genau.
Auch ich halte den methodologischen Individualismus bzw. den anthropologischen Atomismus als einzig wissenschaftliche Methode. Das bedeutet aber m.E. noch lange nicht, dass wir nicht Begriffe wie “Gesellschaft” verwenden dürfen. Der Begriff impliziert ja nur die Definition, dass die Gesamtheit aller Individuen gemeint sind. Damit ist aber nicht gemeint, dass die “Gesellschaft” ein homogenes Interesse haben oder äussern kann, welches gänzlich von den Einzelinteressen der Individuen losgelöst ist. Trotzdem halte ich es jedoch nicht für falsch, von “gesellschaftlichen Problemen” zu sprechen. Solche Probleme betreffen einfach eine Grossteil der Individuen innerhalb des Sammelbegriffs der Gesellschaft, bzw. gehen von einem Grossteil dieser aus. Natürlich bin ich mir aber bewusst, dass ein solcher Begriff nicht exakt sein kann.
Ganz abgesehen davon, fällt der Begriff “Gesellschaft” in die selbe Kategorie, wie der Begriff “Markt.” Beide erleichtern unsere Ausdrucksweise.
Da müssten wir zuerst über die Definition von “verhindern” und “unterbinden” diskutieren. Gewiss ist aber, dass Libertäre Rassismus als Libertäre nicht gewaltsam verhindern oder unterbinden können und dürfen.
Das ist gewiss nicht das, was ich vorschlage.
Kommentar von Matt Jenny — 05.11.06 13:29 #
@Matt Jenny
Linkslibertärer…interessant. Es bleibt die Frage, was an einem Libertären “links” sein kann, sofern das Prädikat eingrenzende Funktion hat.
Der “Staat” ist nicht “definiert” als “aggressive Institution”. Sie unterscheiden nicht zwischen (empirischer) Herrschaftsordnungen, wie sie zufällig existieren (wohl aggressiv) und dem Staat als Idee einer möglichen (also legitimer) Freiheitsgesetzlichkeit.
“Markt” und “Staat” wären für mich weniger weit auseinander als man bei Libertären immer wieder lesen kann. Für mich sind das jedenfalls keine Opponenten. Wenn ich mit einem anderen ein freiwilliges Tauschverhältnis eingehe, ist auch “Staat” entstanden, ein Zustand eines gegenseitigen (gedachten) Vertragsverhältnis, und zwar um seiner schieren Möglichkeit willen.
Recht ist auch keine “Unterkategorie” von Moral. Das wäre fatal. Die Idee von “Recht” entspringt zwar dem gleichen formal-moralischen Ansatz wie Ethik (Moral heißt zunächst nichts anderes als “mögliche menschliche Praxis”), wenn Sie zwischen beiden aber nicht schärfstens trennen, erhalten Sie notwendig ihren aggressiven Staat. D’accord?
Wie Sie also “unterbinden” und “verhindern” wollen (z.B. Rassismus), ohne gewaltsam sein zu wollen, müssen Sie/wir noch erklären…
Kommentar von Bodo Wünsch — 06.11.06 06:47 #
@Bodo Wünsch:
Nach dem heutigen Politikverständnis des Mainstreams ist am Libertarismus tatsächlich wenig “links”. Die Gründe sind vielfältig, weshalb ich mich gerne mit dem Präfix “links” schmücke; und soviel ich weiss, sind diese bei den meisten Linkslibertären ähnlich:
1. Historisch gesehen ist der Libertarismus (den ich übrigens synonym zum Marktanarchismus verwende) eindeutig eine linke Philosophie. Dasselbe gilt schliesslich auch für den Liberalismus, dessen Vertreter ursprünlich auf der linken Seite der Parlamente sassen, während die Konservativen rechts sassen. Die eindimensionale Einteilung der Politik nach links und rechts entspringt ja von dieser Tatsache. Dies wird auch deutlich davon unterstützt, dass zum Beispiel der liberale Ökonom Frédéric Bastiat in der französischen Nationalversammlung direkt neben dem Anarchosozialisten Pierre Joseph Proudhon sass.
Die amerikansiche individualanarchistische Philosophie des 19. Jahrhunderts (die ihrerseits wiederrum u.a. auf Proudhons Ideen zurückzuführen ist), wurde zum Beispiel von Benjamin Tucker als sozialistische Philosophie und als freiheitliche Alternative zum Marxismus bezeichnet. So schrieb Tucker zum Beispiel 1895 in seinem Essay “Staatssozialismus und Anarchismus: Inwieweit sie übereinstimmen und worin sie sich unterscheiden” folgendes:
In ihrer Negation des Staats, sowie in ihrer Betonung des freien Markts und des Privateigentums unterscheiden sich Benjamin Tucker und Murray Rothbard nur sehr geringfügig in kleinen Punkten. Der Hauptunterschied ist, dass Rothbard sagte, dass Eigentumsrechte über unbenutzes Land legitim sind. Diese Meinung teilte übrigens auch Tuckers Mentor Lysander Spooner mit hoher Wahrscheinlichkeit, womit die Grenzen zwischen dem Individualanarchismus und dem “Anarchokapitalismus” gänzlich verwischt sind. Darüber hinaus bezog sich Rothbard in vielen Schriften explizit auf Spooner und Tucker.
Weiteren Aufschluss über die Beziehung des Sozialismus im 19. Jahrhunderts und liberale, markt-orientierte Ideen gibt Francis D. Tandys “Voluntary Socialism“, wo explizit für einen markt-orientierten Sozialismus argumentiert wird.
Für alle, die mit dem Begriff “Sozialismus” bis anhin nur den autoritären Marxismus und andere Formen des Etatismus mit jeweils implizierter Negation des freien Markts verbinden, mag dies alles verwirrend klingen.
Viele Marktanarchisten des 19. Jahrhunderts sahen sich jedoch als Sozialisten, weil sie sich einerseits – zu Recht – als Teil der Arbeiterbewegung betrachteten, und weil sie mit der Abschaffung des Staats und der Etablierung eines vollkommen freien Markts voraussagten, dass Arbeiter in vielen Industrien das volle Produkt ihrer Arbeit erhalten würden. Mit dieser Vorstellung beriefen sie sich zumeist auf den britischen Ökonomen David Ricardo und seine Arbeitswerttheorie, die innerhalb von Grossbritannien unter dem Label “Linksricardianer” auch viele Anhänger fand. Obwohl die Arbeitswerttheorie von Eugen von Böhm-Bawerk (m.E. endgültig) widerlegt wurde, so zeigt auch Böhm-Bawerks subjektive Werttheorie auf die Tendenz hin, dass im freien Markt bei den Preisen vieler Produkte der Profit verschwinden würde. Aber dies nur nebenbei.
Für eine detailliertere Untersuchung der Beziehung zwischen der Linken und dem Libertarismus ist Roderick Longs (der Herausgeber des Journal of Libertarian Studies) “Rothbard’s ‘Left and Right’: Forty Years Later” sehr zu empfehlen.
2. Mit dem Begriff “Linkslibertarismus” möchte man sich desweiteren insofern vom traditionellen Libertarismus abgrenzen, weil Linkslibertäre glauben, dass eine libertäre Gesellschaft nicht nur die “Emanzipation” des Markts bedingt, sondern eine gewünschte Stabilität einer libertären Gesellschaft auch das Pflegen von solch emanzipatorischen Ideen wie Antirassismus, gewisse Formen des Feminismus usw. bedarf. Somit sind viele mögliche Berührungspunkte mit der traditionellen Linken geschaffen.
3. Neben anderen hat der Herausgeber von The Freeman, Sheldon Richman gesagt, dass der Libertarismus eine grosse Chance für die “schwächsten Elemente der Gesellschaft” darstellt, und somit durchwegs mit den Zielen vieler Linken vereinbar ist. Hier wäre auch der “antikapitalistische Freimarktler” Kevin Carson zu nennen, der alle negativen ökonomischen Auswirkungen des real existierenden Kapitalismus der Einmischung des Staats in den freien Markt zuschreibt.
4. Linkslibertäre haben eher einen Hang zu antipolitischen Strategien für das Erreichen einer libertären Gesellschaft. Samuel Edward Konkin III bezeichnete seinen Agorismus zum Beispiel auch als “links”, weil dieser revolutionär (bitte diesen Begriff mit Vorsicht geniessen) ist und sich somit gegen das Establishment stellt, was ja ursprünglich auch auf die Liberalen zutraf.
5. Schlussendlich sagen auch viele, dass der Libertarismus eine gute Chance hat, die neue Linke zu werden bzw. diese anzuführen, weil er im Gegensatz zur etablierten Linken noch immer eine ungeheurere emanzipatorische Engergie hat.
Ich hoffe, dass ich hier mit ein bisschen besser darlegen konnte, weshalb einige Libertäre sich und ihre Philosophie als “links” betrachten.
Zu den weiteren Punkten:
Das ist zu 100% eine Frage des persönlichen Geschmacks, ich ziehe es jedoch vor, den Staat als Negation von freiwilligen Vertragsverhältnissen zu definieren. Franz Oppenheimers Unterscheidung zwischen dem politischen Mittel (”die unentgoltene Aneignung fremder Arbeit”) und dem ökonomischen Mittel (”die eigene Arbeit und der äquivalenten Tausch eigener gegen fremde Arbeit”) halte ich darüber hinaus für sehr treffend. Aber ich glaube, hier widerspreche ich Ihnen grundsätzlich nicht, wenn man unsere unterschiedlichen Definitionen berücksichtigt. Gerne würde ich aber vermeiden, dass sich diese Diskussion hier zu einer Minarchismus/Anarchismus-Debatte entwickelt. Ich denke, dass sich das Antibuerokratenteam darüber wenig freuen würde, wenn ihr Blog dafür missbraucht würde.
Die politische Philosophie wird oftmals als Unterkategorie der Ethik bezeichnet. Dies macht auch absolut Sinn, wenn man von der Naturrechtslehre spricht. Eher weniger Sinn macht es beim Rechtspositivismus, aber dieser hat mit seiner langweiligen Verteidigung des status quo sowieso kaum libertäres Potential.
Ich war in meinem vorherigen Kommentar wohl zu faul. Tatsächlich möchte ich die Begriffe “unterbinden” und “verhindern” nicht umdefinieren, da wir wohl dieseleb Auffassung davon haben. Somit ist es nicht mein Ziel, den Rassismus zu unterbinden oder zu verhindern, sondern mit friedlichen Mitteln zu bekämpfen. Was diese friedlichen Mittel sein könnten, habe ich in einem früheren Kommentar bereits angetönt. Vorstellbar sind Boykott- oder Flugblattaktionen, aber der Kreativität sind natürlich keine Grenzen gesetzt.
Meine Kommentare sprengen unterdessen wahrscheinlich jeglichen Rahmen, den sich das Antibuerokratenteam für angemessene Kommentare vorstellt. Dafür entschuldige ich mich.
Kommentar von Matt Jenny — 07.11.06 15:43 #
[...] Beispiel Diskriminierung: Sowohl der Linke als auch der Liberale empfinden keine Sympathie zu Menschen, die andere Menschen wegen Hautfarbe, Religion oder Geschlecht diskriminieren. Der Linke wird deswegen fordern, diskriminierendes Verhalten durch Zwang zu sanktionieren. Der Liberale wird dies wegen des damit verbundenen Eingriffs in die Freiheit des Einzelnen ablehnen. Selbst dann, wenn er, sobald er in seinem Umfeld Diskriminierung wahrnimmt, von allgemeinen Bürgerrechten Gebrauch macht, um dem Diskriminierer zu zeigen, dass er sein Verhalten für falsch hält. Man vergleiche hierzu die Diskussion beim A’Team. Noch einen Schritt weiter: Der Liberale wird darauf setzen, dass Diskriminierer im Wettbewerb um knappe Ressourcen benachteiligt sind, weil sie auf Optionen verzichten, die dem vernünftigen Menschen offenstehen. Er vertraut also auch darauf, dass eine freie Gesellschaft die richtigen Anreize setzt. [...]
Pingback von B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Projektionsirrtümer — 21.11.06 20:41 #