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Homöopathie auf Krankenschein

Samstag, 15.07.06 10:14 by Oliver M.H. - 4 Kommentare

In der Times finden wir heute einen hervorragenden Kommentar zur Finanzierung der Homöopathie durch den britischen Nationalen Gesundheitsdienst (NHS), die dort sogar zur angeblichen Malariaprävention eingesetzt wird. Zitat:

There will always be charlatans who exploit ignorance and superstition. The Government need not outlaw them. Human folly should be permitted when it is only the fools themselves who suffer from it. But where folly is likely to harm others, higher intellectual standards should be required. This principle explains why we cheerfully tolerate voodoo as a religion but frown upon voodoo economics and absolutely ban voodoo engineering.

Yet, no matter how much private nonsense should be tolerated, state-sponsored nonsense is never acceptable. For the Stateâ??s actions always involve compulsion, if not in what we receive, at least in what we pay for. And no one should be compelled to pay for nonsense. Taxing us to fund homoeopathy is outrageous. It is no better than forcing us to pay for a space programme based on Aristotelian physics or a meteorological service based on numerology.

Recht hat die Kommentatorin. Der NHS sollte nicht jeden Unsinn finanzieren – und erst recht nicht, wenn er selbst auf seiner Webseite einräumt, dass Homöopathie bestenfalls einen Placeboeffekt hat:

Around 200 randomised controlled trials evaluating homeopathy have been conducted, and there are also several reviews of these trials. Despite the available research, it has proven difficult to produce clear clinical evidence that homeopathy works. Many studies suggest that any effectiveness that homeopathy may have is due to the placebo effect, where the act of receiving treatment is more effective than the treatment itself.

Medical doctors and scientists do not generally accept homeopathy because its claims have not been verified to the standards of modern medicine and scientific method. Scientists argue that homeopathy cannot work because the remedies used are so highly diluted that in many there can be none of the active substance remaining.

Also: Kein Beweis für den Nutzen von Homöopathie, schreibt der NHS. Aber dann folgt dies:

Supporters of homeopathy counter the scientific arguments with claims for a high success rates in babies, infants, and animals. Others argue that much of the research conducted into the effectiveness of homeopathy is not representative of routine homeopathic practice and that homeopathic treatment cannot be properly tested through standard clinical means.

Aha, die Verteidiger der Homöopathie behaupten einfach, dass sich ihre Erfolge gar nicht messen lassen. Na wunderbar, das hatten wir in dieser Form schon einmal: vor der Aufklärung. Schöner könnten die Homöopathen eigentlich gar nicht zugeben, dass das, was sie da betreiben, im wahrsten Sinne des Wortes unwissenschaftlicher Unsinn ist – denn Wissenschaft lebt nun einmal von ßberprüfbarkeit ihrer Ergebnisse.

Aber jetzt wird es erst richtig spannend in dem NHS-Statement. Lesen wir also weiter:

Despite the lack of clinical evidence, homeopathy remains one of the most popular complementary therapies in the UK. There are five NHS homeopathic hospitals in the UK and some GP practices provide access to homeopathic treatment. This may be through members of their own healthcare team or through referral to an NHS homeopathic hospital, a homeopathic clinic, or a homeopathic doctor practicing privately.

Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen: “Despite lack of clinical evidence …” Der NHS finanziert also eine offensichtlich nutzlose Therapieform ausschließlich auf der Grundlage ihrer Popularität!?! Und wenn ich morgen medizinisches Sackhüpfen zur Behandlung von Krebs anbiete und dafür (gegen alle Erwartung) Patienten finde, wird der NHS das dann auch bezahlen?

Wir haben nun einige Jahrhunderte der Aufklärung hinter uns mit spektakulären medizinischen Fortschritten, die uns heute länger, besser und gesünder leben lassen. Doch was der NHS hier veranstaltet, führt uns direkt zurück ins Mittelalter. Wird es nicht Zeit für eine neue, wissenschaftliche Aufklärung?


Das Antibuerokratieteam - seit 15.08.07 auf www.antibuerokratieteam.net

4 Kommentare »

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  1. Ich glaube schon seit einiger Zeit, daß wir am Beginn eines dunklen Zeitalters leben. Dabei ist weniger die Durchdringung der Bevölkerung mit Aberglauben erstaunlich, schlimmer ist, daß die Eliten kaum mehr an sich halten können, sich ähnlich zu outen! Ich wuchs noch mit der Gewißheit auf, daß Ammenmärchen für Babies seien, und jeder, der an Geister glaubte, in diese Altersklasse einzuordnen wäre – heute dagegen gilt man als Exot wenn man PSI bezweifelt, nein, leugnet. Mit diesem Term bekommt man noch den Stempel des notorisch Uneinsichtigen aufgedrückt.
    Mir ist ex-Bundeskanzler Schmidt ans Herz gewachsen, der so etwas gesagt haben soll wie: “Wer Visionen hat, der möge einen Arzt konsultieren!”

    Kommentar von Spruance — 15.07.06 13:49 #

  2. Daß Homöopathie, Osteopathie, Akupunktur und ähnliche Methoden Konjunktur haben, liegt daran, daß die Schulmedizin nicht mehr “magisch” genug ist. In früheren Tagen war der Anblick des Arztes im weißen Kittel schon ein Gutteil der Therapie. Die Menschen hatten Repsekt vor den Ärzten und vertrauten ihnen. Das hat sich stark geändert. Viele mißtrauen den Ärzten (oft nicht zu Unrecht) und erwarten geradezu Opfer eines Behandlungsfehlers zu werden. Doch woran liegt das? Seit die Medizin den “Gesundheitsmarkt” entdeckt hat, hat sie begonnen Werbung zu machen und den Patienten Kunden den Eindruck vermittelt, daß sie praktisch jeden und alles im Handumdrehen heilen reparieren können. Das wird jetzt von vielen Patienten eingefordert! Natürlich kann die Medizin die Versprechen nicht halten (neuester Slogan: schmerzfreies Krankenhaus) und enttäuscht und verärgert die “Kundschaft”. Diese sucht dann nach Alternativen und findet sie bei aufmerksamen Homöopathen, Osteopathen usw. Daß deren Theorien und Therapien von der Schulmedizin abgelehnt werden, bestärkt die Patienten in Ihrem Glauben an die Wirksamkeit der alternativ Medizin…

    Kommentar von Holger Ehrlich — 15.07.06 19:08 #

  3. @ Holger Ehrlich: Ich gebe Ihnen im Großen und Ganzen Recht, aber … Homöopathie, Osteopathie, Akupunktur in einem Atemzug zu nennen, ist ziemlich kühn, denn im Gegensatz zur Homöophathie und Osteopathie ist der Effekt der Akupunktur zur Schmerztherapie in reproduzierbaren Studien nachgewiesen. Der Effekt, wohlgemerkt, denn zur allgemeinen Verwirrung gibt es offenbar keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Wirksamkeit von Akupunktur und “Scheinakupunktur” (die Nadeln werden nicht genau auf die von der traditionell chinesischen Medizin vorgegebenen Stellen gesetzt) – beides ist jedoch wirksamer als die konventionelle Standardtherapie zur Behandlung von chronischen Schmerzen. Die leider noch zu seltenen Placebonadel-Studien (Nadeln, die nur oberflächlich eingestochen werden, aber so, dass der Schmerz, den der Patient fühlt, sich nicht von einer “echten” Akupunktur unterscheidet) deuten darauf hin, dass tatsächlich gesetzte Nadeln deutlich wirksamer sind, als oberflächliche “Pickser”.

    Kommentar von MartinM — 16.07.06 11:13 #

  4. Zum Thema Homoöpathie ein Beitrag aus eigenem Erleben: meine Tochter hatte bis zum Alter von 7 Jahren Asthmaanfälle. Meine Frau schwor auf die “Kügelchen” als Medikation – und in der Tat gingen die Anfälle nach Verabreichung meist sehr schnell zurück, was mich doch verwunderte. Ich habe dann ein identisch aussehendes Traubenzuckerpräparat beschafft und die “Kügelchen” ausgetauscht … und siehe da: derselbe Effekt!
    Seit ich keinen Tabak mehr rauche, sind die Anfälle übrigens ganz verschwunden.

    Kommentar von jo@chim — 16.07.06 11:54 #

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