Der “neoliberale” Tony Blair
Ronald Reagan hatte den Zugang vieler Regierungen zur Wirtschaft einmal so zusammengefasst: â??Wenn es sich bewegt, besteuere es. Wenn es sich weiter bewegt, reguliere es. Wenn es sich nicht mehr bewegt, subventioniere es.â?? Leider hat er damit nur allzu sehr Recht, zumindest wenn es um Tony Blairs New Labour-Regierung geht. Beispiele für Steuern und Regulierungen finden sich in Großbritannien zu Hauf â?? und es werden immer mehr.
Gestern Abend stellten Matthew Elliott und Lee Rotherham vom Bund der Steuerzahler ein kleines Büchlein mit dem netten Titel â??The Bumper Book of Government Wasteâ?? vor. Es ist ein Gruselkabinett der Verschwendung von Steuergeldern, feinsäuberlich notiert nach Ministerium. Ein paar Beispiele:
- In der Ministerialbürokratie des Gesundheitsministeriums arbeiteten 1990 noch 5.422 Personen. 15 Jahres später waren es 6.750. Noch größer war die Steigerung im Bildungsministerium: Von 2.560 auf 5.450 â?? mehr als doppelt so viele Ministerialbedienstete als noch 1990.
- Eine halbe Million Pfund wurde an ein Catering-Unternehmen überwiesen, weil es Zucker und Milch in Einzelportionen an Bord von Flugzeugen ins Ausland â??exportierteâ??. Dafür standen ihm Subventionen nach der EU-Agrarpolitik zu, die es vom Landwirtschaftsministerium denn auch prompt erhielt.
- Großbritannien wird heute von 10 Prozent mehr Diplomaten weltweit vertreten als noch vor fünf Jahren, und damit sich die Botschaftsbediensteten auch wohlfühlen, wurden für die britischen Auslandsvertretungen Kunstwerke im Wert von knapp 300.000 Pfund angeschafft.
Ingesamt kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass in Großbritannien nicht weniger als 82 Mrd. Pfund verschwendet werden (damit liegen sie sogar noch um eine Milliarde unter der Schätzung der Europäischen Zentralbank). Die Lektüre ist übrigens äußerst kurzweilig, auch wenn einem das Ausmaß der Verschwendung gelegentlich die Sprache verschlägt.
Besteuerung und Verschwendung sind aber nur eine Seite der Medaille der Regierungstätigkeit. Die andere Seite heißt Regulierung. Auch dazu gibt es eine aktuelle Publikation, und die stammt von den Britischen Handelskammern. Sie hatten Francis Chittenden und Kapil Ahuja von der Manchester Business School sowie Tim Ambler von der London Business School damit beauftragt, die Effekte der Regulierung zu untersuchen. Die Wissenschaftler schätzen, dass diverse Regulierungen etwa im Bereich des Umwelt- und Verbraucherschutzes die britische Wirtschaft jährlich mit 10 Mrd. Pfund belasten. Allein die seit 1998 â?? also unter der Blair-Regierung â?? eingeführten Regulierungen hätten bis heute 50 Mrd. Pfund gekostet.
Jahrelang wurde Großbritannien als letzte Bastion liberaler Wirtschaftspolitik in der EU gesehen. Tony Blair wird in Deutschland immer noch als legitimer Erbe von Margaret Thatcher betrachtet, man erinnere sich nur an den Aufschrei der SPD-Linken, als er gemeinsam mit Gerhard Schröder das Schröder-Blair-Papier vorstellte. Dabei ist Blairs konkrete Wirtschaftspolitik kaum von jener der SPD-Linken entfernt: Das Land verschuldet sich, der öffentliche Dienst wird enorm ausgedehnt (784.000 neue Stellen seit 1997), die Steuerbelastung steigt und die Wirtschaft wird mit Regulierungen und neuen Behörden (Quangos) überzogen.
Es ist daher kein Wunder, dass die britische Wirtschaft immer langsamer wächst und sich auch die Arbeitsmarktsituation zusehends verschlechtert, von der öffentlichen Verschuldung ganz zu schweigen. Es ist aber unerklärlich, dass sich in den deutschen Medien der Mythos vom neoliberalen Großbritannien bis heute erhalten hat.
Was machen die Londoner Korrespondenten deutscher Tageszeitungen eigentlich den lieben langen Tag?
5 Kommentare »
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Den Reagan-Spruch kannte ich noch gar nicht ;-)
Gut, dass große Organisationen ohne Wettbewerbsdruck zur Verschwendung neigen, kann man nicht nur an Staaten beobachten und muss es sozusagen unter “ein bisschen Abfall ist immer” abbuchen. Notfalls behilft man sich mit der Aussage “ihr Geld ist nicht weg, es hat nur ein Anderer”, denn hast du schon mal jemanden gesehen, der sich von mangelnder Allokationseffizienz tief getroffen fühlte?
Aber die Staatstätigkeit durch Regulierung und Bürokratie ist in der Tat ein in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz kommendes Thema. Wohl, weil man das nicht so (vergleichsweise) bequem messen kann wie Einnahmen und Ausgaben. Mir scheint zumindest in Teilen auch das Eine durch das Andere ersetzbar zu sein – schon deswegen müsste es immer zusammen betrachtet werden.
Kommentar von Rayson — 01.03.06 12:50 #
Hallo Rayson, das sehe ich aehnlich. Als ‘Austrian’ habe ich sowieso keine Probleme damit, dass Allokationseffizienz nirgendwo besteht. Aber es sollte Prozesse geben, die ein Streben danach ermoeglichen – und das funktioniert beim Staat eben wesentlich schlechter als auf Maerkten.
Zum Reagan-Zitat. Das Original lautet: “The government’s view of the economy can be summed up in a few short phrases: If it moves, tax it. If it keeps moving, regulate it. And if it stops moving, subsidize it.” (1986)
Viele Gruesse, Oliver
Kommentar von Oliver M.H. — 01.03.06 13:19 #
Das hat sich der Ronald bestimmt nicht selbst ausgedacht. Möchte mal wissen, welcher schlaue Redenschreiber ihm dieses Juwel geschenkt hat…
Kommentar von Rayson — 01.03.06 18:02 #
Rayson, es ist eine alte Übung der deutschen Lefties, alle erfolgreichen nicht-linken Politiker als Dödel hinzustellen, die nicht fähig sind eigene Worte zu fassen – insbesondere wenn es “unkultivierte Amis” sind. Mit Reagan war das so und mit G.W. Bush wird das selbe Spielchen getrieben. Du solltest Dich an derlei nicht beteiligen, imho.
Ronald Reagan hat übrigens Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und Theaterwissenschaften studiert, was schon für seine Ausdrucksfähigkeit spricht (vgl. Wikipedia-Eintrag)
Kommentar von jo@chim — 01.03.06 19:29 #
, ich glaube, dass jedem Präsidenten der USA ein ungeheuer professionelles Umfeld zur Verfügung steht. Der Amtsinhaber zeigt gerade dann Klasse, wenn er es entsprechend nutzt. So wie er auch seine Zeit vergeuden würde, seine Reden selbst zu schreiben.
Wollen
wir doch mal nicht zu naiv sein und etwa das plumpe Medien-Spielchen mitspielen, das solche Apparate hinter der Gallionsfigur verschwinden lässt.
Kommentar von Rayson — 02.03.06 01:04 #