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EU verwandelt Steuergelder zu Wein zu Industriealkohol

Sonntag, 12.02.06 12:21 by Oliver M.H. - Kommentieren

Manchmal kann man sich nur wundern, dass es einige Nachrichten über die EU in führenden englischen Zeitungen zu lesen gibt, nicht aber in Deutschland. Von einer mehr oder weniger einheitlichen öffentlichen Meinung ist Europa jedenfalls noch weit entfernt. So berichtet der Sunday Telegraph heute von einer Krisensitzung der EU-Kommission mit 150 Vertretern der europäischen Weinindustrie, von der in keiner einzigen deutschen Online-Quelle etwas zu lesen ist.

Dabei ist das Thema höchst spannend.
Es geht um Wein und um Geld – um sehr viel Geld. Europäische Steuerzahler bringen dieses Jahr voraussichtlich zwischen 1,2 und 1,6 Milliarden Euro auf, um mit dem europäischen Weinüberschuss fertig zu werden. Dieses Geld wird von der EU dazu genutzt, um billige europäische Weine vom Markt zu nehmen und zu Industriealkohol weiterzuverarbeiten – eine teure Praxis, mit der im letzten Jahr 3,3 Milliarden Liter Wein vom Markt entfernt wurden.

Indes geholfen hat es den Winzern nicht sonderlich. Nach wie vor sind die Preise für einfache Weine sehr niedrig, was vor allem an der Konkurrenz billiger Weine aus Nicht-EU-Ländern liegt. Diese werden bei insgesamt sinkender Nachfrage immer beliebter. Dabei sind diese Weine oft im wahrsten Sinne des Wortes preiswert, denn das Preis-Leistungsverhältnis scheint zu stimmen: Wie sonst ließe sich erklären, dass europäische Verbraucher eine immer größere Nachfrage nach chilenischen, südafrikanischen oder australischen Weinen entwickelt haben?

Nach Angaben des Telegraph sind europäische Winzer zum Teil bei ihren Anbaumethoden gegenüber der Übersee-Konkurrenz rückständig. Hinzu käme, dass sie sich mit Weinen für den Massenmarkt auf das falsche Marktsegment konzentriert hätten, wo sie mit den Chilenen oder Südafrikanern kaum konkurrieren können. Doch diese Trägheit hat System, schließlich durfte man sich bisher immer darauf verlassen, von der EU unterstützt zu werden. Und so wurden dann eben am Ende große Mengen billige, aber trinkbare Weine zu Industriealkohol.

Bei dem Brüsseler Treffen der EU-Kommission und der Weinindustrie soll es nun um die Zukunft des europäischen Weinanbaus gehen. Zur Debatte steht dabei eine Kürzung der Subventionen, aber auch die gegenteilige Position ist vertreten: Gerade wegen der immer noch niedrigen Weinpreise solle die EU nun erst recht den Weinanbau subventionieren. Wie heißt es doch bei Shakespeare: “Ist das schon Wahnsinn, so hat er doch Methode.”

Eine Stimme der Vernunft hingegen ist der agrarpolitische Sprecher der britischen Konservativen im Europaparlament, Neil Parish. Er sagte dem Telegraph:

“They have lost out to the ‘new world’ wines. They have sat on their laurels and now they are asking taxpayers to bail them out. We should not be buying up wine to prop up an industry that needs to market itself better. If they cannot sell, they should reduce their scale.”

Ob sich diese britische Position gegen französisch-italienisch-deutsche Weinkulturfolklore und kaum verkappte landwirtschaftliche Sozialpolitik durchsetzen wird?


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