Protektionismus durch die Blume
Einer meiner Lieblingspolitiker in England ist der liberaldemokratische Abgeordnete Norman Baker, der umweltpolitische Sprecher seiner Partei im Unterhaus. Nicht, dass ich jemals mit Mr Baker einer Meinung gewesen wäre. Aber er ist zumindest äußerst berechenbar, oder mit anderen Worten: Wenn ich in einer Presseerklärung oder in einem Zeitungsartikel von ihm lese, richte ich mich schon vorsorglich auf schlimmsten Unsinn ein. In aller Regel werde ich nicht enttäuscht.
Nun sollte ich vielleicht vorwegschicken, dass Mr Baker an und für sich ein ganz umgänglicher Zeitgenosse ist, wovon ich mich bei einigen persönlichen Begegnungen mit ihm überzeugen konnte. Aber er steht nun einmal innerhalb der Liberaldemokraten für eben jenen Flügel, der die Fundis bei den deutschen Grünen der 80er Jahre in der Rückschau wie eine Versammlung aufgeklärten Denkens erscheinen lässt. Man kann sich davon bei einem Besuch von Norman Bakers Homepage leicht überzeugen. Unter “Norman’s views” legt er uns seine Sicht der Welt dar. Einige Beispiele:
- Supermärkte? Verpackungsmaterial verschwendende Großenergieverbraucher. Die Regierung sollte sie endlich stärker regulieren.
- Nahostproblem? Hat Präsident Bush nicht richtig verstanden, und deswegen gibt es noch so viel Terrorismus im Nahen Osten.
- Tierversuche? Ganz schreckliche, unnötige Praxis. Daher sollten endlich alle Tierversuche gesetzlich verboten werden.
- Studiengebühren? Bloß nicht. Wer sich durch ein Studium die Chance auf ein gutes Einkommen verschafft, sollte dafür von allen Steuerzahlern subventioniert werden.
Heute war wieder einer dieser Tage, an dem ich bei meinem Online-Streifzug durch die Weltpresse wieder über Norman Baker gestolpert bin. In der Times war vor einigen Tagen zu lesen, dass er passend zum Valentinstag eine Kampagne gegen den Import von Schnittblumen gestartet hat. Und warum? Weil der Transport der Blumen angeblich für stetig steigende Treibhausgasemissionen verantwortlich sei. Gleichzeitig forderte Norman Baker die heimische Blumenindustrie auf, mehr anzubauen, um die Nachfrage mit inländischer Produktion befriedigen zu können.
Doch ist dies leichter gefordert als getan. Der Sprecher einer Blumengroßhandlung wies darauf hin, dass es in Großbritannien aufgrund hoher Energiekosten schwierig sei, überhaupt profitabel Blumen anzubauen. Schließlich könne man Blumen hierzulande nur in Treibhäusern ziehen, die sowohl für Licht als auch für die Beheizung Energie benötigten. Hinzu käme, dass die Niederlande, einer der Hauptkonkurrenten der britischen Blumenbauern, ihre Industrie subventionierten, die Briten jedoch nicht.
Bereits aus diesen Gründen dürfte es somit schwierig sein, die englische Nachfrage nach Schnittblumen mit heimischen Pflanzen zu befriedigen. Und dies ist schließlich genau der Grund, warum immer mehr Blumen importiert werden müssen – eben jene Blumen, über die sich Norman Baker jetzt so sehr beklagte. Im Jahr 2004 wurden insgesamt knapp 217.000 Tonnen Blumen nach Großbritannien eingeführt (UN Comtrade Statistics), davon allein fast 171.000 Tonnen aus den Niederlanden. Aus Kenia kamen etwa 17.000 Tonnen, aus Indien gerade einmal 150 Tonnen.
Dass ich Indien trotz seines bescheidenen Marktanteils erwähne, hat einen Grund. In Indien haben die Blumenbauern nämlich aufmerksam registriert, was Mr Baker im fernen London vorgeschlagen hat, berichtet die Times of India. Blumen sind ein Wachstumsmarkt in Indien, und allein zu diesem Valentinstag erwarten die Blumenbauern in Bangalore, nach Großbritannien etwa 300 Tonnen zu exportieren.
Sie verstehen aber nicht, weshalb Norman Baker glaubt, durch eine Reduzierung des Blumenexports Energie und Treibhausgase einsparen zu können. Ein indischer Blumenbauer erklärte der Times of India, warum Norman Bakers Rechnung nicht aufgeht:
“The amount of fuel that is burnt to heat greenhouses in Europe during winter is much more than what is required to transport flowers from other countries. They need one barrel of oil to heat a greenhouse of one hectare every day in winter. And with one barrel of oil, they can import 10,000 stems of roses. To grow 10,000 roses, they need four hectares. Secondly, the next generation of farmers in Europe don’t want to get into farming. Whereas for every rose that a European buys, a poor farmer’s family in India or Kenya is benefited.”
In Europa wird also ein Barrel Öl zum Beheizen eines Treibhauses von der Größe eines Hektars benötigt, und dieses Treibhaus produziert am Ende 2.500 Rosen. Folglich braucht es vier Barrel Öl für 10.000 englische Rosen. 10.000 unter freiem Himmel gewachsene indische Rosen hingegen lassen sich aber bereits mit einem Barrel Öl nach England importieren, so dass sich durch den Import tatsächlich sogar etwa drei Viertel der Energie einsparen ließen.
Von dieser positiven Ökobilanz abgesehen, ermöglicht das Blumengeschäft vielen Indern (aber auch vielen Afrikanern) eine wirtschaftliche und soziale Aufstiegsmöglichkeit, die in dem Augenblick entfiele, in dem die Engländer ihre Blumen wieder selbst anbauten. Grüner Protektionismus ist eben auch Protektionismus und er hat dieselben negativen sozialen und ökonomischen Effekte.
Ob all diese Argumente einen überzeugten Umweltaktivisten wie Norman Baker davon überzeugen können, dass er mit seiner Kampagne auf dem Holzweg ist, darf bezweifelt werden. Aber ich kann jetzt jedenfalls meiner Frau mit gutem Gewissen indische Rosen zum Valentinstag schenken. Und Norman Baker kann es bei seiner Frau ja statt dessen einmal mit einem Kaktus versuchen.
6 Kommentare »
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Ich find es immer wieder belustigen, wie Politiker, die offensichtlich niemals das Leben außerhalb der politischen Blase richtig angeschaut haben, sich dazu äußern
Das kann man ganz einfach an der Idee erkennen, dass Herr Baker Tierversuche verbieten will, womit er ja offensichtlich für die Alternative steht: Menschenversuche.
Nun denke ich natürlich, dass Herr Baker dies auch nicht gut heißen würde, was wiederum zu keinen Versuchen führt, d.h. die Medikamente werden einfach so auf den Markt geschmissen. Hmm, ob sich da nicht der Verbraucherschützer Baker melden würde?
Soviel zu realistischen Politikern…
Kommentar von Max — 11.02.06 19:09 #
Der guckt ja, wie aus einem Monty Python Film entsprungen. :P
Aber, btw, würde es nicht einmal Zeit für einen “Libertarian Club” in der LDP? Das darf doch nicht wahr sein – da ist doch Blair noch ein Wirtschaftsliberaler dagegen. Und aussenpolitisch kann ihm eh keiner das Wasser reichen …
Kommentar von jo@chim — 11.02.06 22:11 #
Ehrlich gesagt: Den gleichen Gedanken (Monty Python) hatte ich auch. Ich hatte mir aber auch ganz bewusst das beste Bild von N.B.s Homepage ausgesucht ;-)
Ich kenne übrigens einen LibDem Lord, der mir einmal gesagt hat, dass er – sollte N.B. in seinem Wahlkreis antreten – eine andere Partei wählen würde. Das sagt alles.
Kommentar von Oliver M.H. — 11.02.06 23:16 #
[...] Meldungen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Zugeschlagen hat wieder einmal Norman Baker, der umweltpolitische Sprecher der Liberaldemokraten im Unterhaus, der vor kurzem noch mit seinem Kampf gegen den Rosenimport von sich Reden machte. Nachdem das Parlament diese Woche ein Rauchverbot in Gaststätten eingeführt hatte, erklärt Mr Baker nun der Öffentlichkeit, dass dieses Verbot dem Klima schaden wird. [...]
Pingback von antibuerokratieteam.de » Rauchverbot schlecht fürs Klima — 17.02.06 16:26 #
[...] Norman Baker, der liberaldemokratische Sprecher für Umweltfragen aller Art, ist wieder unterwegs im Auftrag der Natur. Nachdem er in Großbritannien den Import von Rosen zum Valentinstag nicht verhindern konnte, er mit seinem Vorschlag des Verbots von Heizstrahlern gescheitert ist, hat er sich nun ein neues Betätigungsfeld gesucht: Den Schutz des Waldes von Tasmanien. [...]
Pingback von antibuerokratieteam.de » Norman Baker rettet Tasmanien — 18.02.06 17:57 #
ich find diese Seite coooooooooooooooooooooooool!
Kommentar von coolman — 20.04.06 13:41 #