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Notizen aus der britischen Parteienlandschaft

Freitag, 10.02.06 09:20 by Oliver M.H. - 1 Kommentar

Drei Meldungen aus der heutigen Presse können dem Nichtbriten vor Augen führen, wie unübersichtlich die britische Parteienlandschaft geworden ist. Da wäre zum ersten das Ergebnis der Nachwahl im schottischen Wahlkreis von Dunfermline and West Fife. Dies ist der Wahlkreis, in dem der zukünftige Premierminister Gordon Brown seinen Privatwohnsitz hat und in dem noch im letzten Mai die vor wenigen Wochen verstorbene Labour-Kandidatin stolze 47 Prozent der Stimmen holte. Doch genau dieser Wahlkreis ging letzte Nacht an die Liberal Democrats mit knapp 36 Prozent der Stimmen. Labour hingegen stürzte auf 30 Prozent ab, und die Konservativen landeten gar bei weniger als 8 Prozent – ein Debakel sowohl für Gordon Brown als auch für David Cameron, die beiden nächsten Premierminster.
Aber warum konnten die LibDems so haushoch gewinnen? In Dunfermline drehte sich alles immer noch um den Irakkrieg. Die letzten beiden britischen Soldaten, die im Irak ums Leben kamen, waren beide aus Schottland. Da sich die LibDems von Anfang an klar gegen den Krieg positioniert hatten, konnten sie bei dieser Nachwahl nun davon profitieren. Die Querelen um die Nachfolge ihres zurückgetretenen Parteichefs scheinen sie hingegen – zumindest in der Gunst der schottischen Wähler – unbeschadet überstanden zu haben.

Dabei ist es immer noch nicht klar, wer die Partei in Zukunft führen wird. Und dies ist die zweite Meldung an diesem Freitagmorgen: Eine Umfrage unter Parteimitgliedern deutet an, dass ausgerechnet Chris Huhne, der bislang am wenigsten profilierte der noch verbliebenen drei Bewerber für die Parteiführung, das Rennen machen könnte. Von ihm nehmen die Wähler an, er kenne das Leben außerhalb der Politik am besten (und das, obwohl er zuvor Europaabgeordneter war) und dass er am besten bei weiblichen Wählern ankäme. Nachdem es der Tory-Chef David Cameron in die 100 Sexiest Men Alive geschafft hat, ist auch dies anscheinend ein Kriterium.

Wenn es aber konkret darum geht, was die Parteimitglieder der LibDems für eine Politik sehen wollen, dann kommt laut der besagten Umfrage Folgendes heraus:

YouGov-Umfrage zu den Liberal Democrats
Man hätte es ahnen können: Die LibDems sind nach wie vor eine Partei, die zwischen linken und liberalen Anliegen schwankt. 63 Prozent für den Schutz von Bürgerrechten und immerhin 36 für mehr Dezentralisierung, ansonsten aber viel grüne Politik, Sozialpolitik und Steuererhöhungen. Und nun kommt auch noch David Cameron, der versucht, die LibDems ausgerechnet in der Umweltpolitik links zu überholen. Ob es sich für ihn auszahlen wird? Zweifel sind angebracht, schließlich hatte Cameron auch versucht, die Irakposition der LibDems für den Wahlkampf in Dunfermline zu kopieren – und ist damit kläglich gescheitert, wie die Times bemerkte:

The poor Tory showing is an embarrassment for David Cameron, the Conservative leader, who made a direct appeal to Liberal Democrats in the constituency to come over to the Conservatives, claiming that he was a “liberal Conservative” and that his party now agreed with the Lib Dems on Iraq. That apparent gaffe was exploited to the full by Tony Blair in the Commons but he may well have helped the Lib Dem cause.

Somit entschieden sich die Schotten bei der Wahl zwischen einer grünen Antiirakkriegspartei und einer anderen grünen Antiirakkriegspartei dann doch für das Original, und das sind nun einmal die LibDems.

Trotzdem gab es für David Cameron noch etwas zu feiern, und auch das sei den Lesern hier nicht vorenthalten, auch wenn es nicht auf den politischen Seiten der Tageszeitungen vermerkt war, sondern lediglich im Modeteil. Ja, ganz richtig: David Cameron steht inzwischen für aufgeklärt-konservatives Modebewusstsein. Und das wäre die dritte Zeitungsmeldung für heute: Den traditionellen konservativen Winter Ball hat David Cameron abgeschafft, weil es ihm dort zu steif zuging. Statt dessen erlebte das politische London Cameron auf dem neuen Tory Black & White Ball. Dabei machte er eine gute Figur, wie die Moderedakteurin des Daily Telegraph zu berichten weiß:

Mr Cameron, in a black velvet suit, open-necked white shirt and slicked-back hair, couldn’t have looked more different from his predecessors William Hague and Iain Duncan Smith, both of whom wore black tie. He was dressed more like a visiting movie star than the traditional Tory leader. …
Creating a stylish new image lies principally in the hands of a new generation of Tories, and if Wednesday’s turn-out was anything to go by, the party is well on its way to widening its appeal.

Selbst der Musikgeschmack der Konservativen scheint sich den neuen Zeiten anzupassen:

The cool young Tories danced into the night to house music played by DJ Ali Miraj, who fought Watford for the Conservatives at the last general election.

Ein zukünftiger Labour-Premierminister, in dessen Heimatwahlkreis Labour nicht gewinnt, die Liberaldemokraten, die Wahlen gewinnen und doch innerlich zerissen sind sowie ein Tory-Chef, der gut gestylt und gut gelaunt ein 8-Prozent-Ergebnis aus Schottland auf einer hippen Party vergißt. An diesem Freitagmorgen ist wieder einmal alles im Angebot, was die britische Parteienlandschaft zu bieten hat. Ganz großes Kino.


Das Antibuerokratieteam - seit 15.08.07 auf www.antibuerokratieteam.net

1 Kommentar »

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  1. [...] PS: Mir fällt gerade auf, dass mein “London Calling” immer negativer wird. Also relativiere ich das lieber einmal: Von einem verrückten Parteiensystem, unbezahlbaren Wohnungen, einem miserablen Gesundheitsdienst, einer nicht funktionierenden Post, einem schrecklicken Bürgermeister und ein paar  durchgedrehten Ökoaktivisten abgesehen, kann man hier wirklich prima leben. Ehrlich. Aber vielleicht nicht für immer. Beitrag versenden – Druckansicht – Kategorien: Alle • Bureaucrazy • London Calling • It’s the Economy, Stupid [...]

    Pingback von antibuerokratieteam.de » Faule Monopolisten und kleine Erfolgserlebnisse — 12.02.06 13:14 #

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