„… sollen sie doch Kuchen essen!“
Bei all der Aufregung um die Mohammed-Karikaturen drohen viele andere Themen in den Hintergrund gedrängt zu werden. Das ist bedauerlich, denn während die Frage der Abwägung religiöser Gefühle und rechtsstaatlicher Prinzipien ohne Zweifel von grundsätzlicher Bedeutung ist, gibt es andere Problemfelder, bei denen es für Tausende von Menschen im wahrsten Sinne um Leben und Tod geht. Doch diese Menschen sind weit weg und schlecht zu identifizieren. Zudem ist die Materie kompliziert und undurchsichtig, und so findet man Meldungen zu diesen Themenkreisen derzeit eher auf den hinteren Seiten der Tageszeitungen – wenn überhaupt.
Eines dieser Themen ist die aktuelle Entscheidung der Welthandelsorganisation WTO zum EU-Importverbot für genetisch veränderte Produkte. Zur Information: Gestern hat die WTO in einem vorläufigen Urteil entschieden, dass die EU ihre Märkte für diese Produkte öffnen muss. Geklagt hatten dagegen die USA, Argentinien und Kanada, die sich durch die EU-Einfuhrbeschränkungen benachteiligt sahen.
Nun ist zunächst festzuhalten, dass die Produkte, um die es hier geht, in den Herstellerländern bereits seit langer Zeit im Verkehr sind und dort bislang keinerlei Schaden angerichtet haben. Im Gegenteil: Gentechnisch veränderte Getreidesorten zeichnen sich dadurch aus, dass sie weniger Pestizide benötigen und ertragreicher sind.
Für die EU sind all dies keine Argumente, denn hier herrscht das Vorsorgeprinzip. Danach ist es unerheblich, dass keine negativen Effekte nachgewiesen werden konnten. Für ein vorsorgliches Verbot genügt es, wenn diese lediglich nicht ausgeschlossen werden können.
Das klingt zwar zunächst einmal sinnvoll, ist es aber bei näherer Betrachtung nicht. Ein Leben nach dem Vorsorgeprinzip ist nämlich nicht möglich. Wenn mir beim Verlassen des Büros nach Dienstschluss ein Ziegelstein auf den Kopf fallen könnte, dann bleibe ich besser im Büro. Wenn ich mich an der nächsten Scheibe Brot verschlucken und daran ersticken kann, dann esse ich sie besser nicht. Das Problem bleibt immer, dass es ein rein vorsorgendes Leben ebensowenig gibt, wie unsere Existenz jemals nachhaltig sein kann. Das Leben ist und bleibt lebensgefährlich.
Es gilt daher, mit den Risiken, die uns umgeben, umzugehen. Doch dabei hat sich die EU auf eine Null-Risiko-Position gestellt, was der Mentalität zumindest Kontinentaleuropas wohl auch gut entspricht. Für Europa mag solch eine Position auch durchzuhalten sein, schließlich gibt es in der EU dank massiver Agrarsubventionen sowieso eine landwirtschaftliche Überproduktion. Man ist also nicht zwingend auf verbesserte Pflanzenarten angewiesen, auch wenn dies die Produktion wirtschaftlich wesentlich effizienter machen könnte.
In anderen Ländern, denen es weniger gut geht als der EU, werden aber aus solchen Fragen schnell Existenzfragen. In einem Artikel im Hong Kong Standard argumentiert der südafrikanische Think Tank-Direktor Temba Nolutshungu daher, dass immer mehr afrikanische Länder – auch auf Druck der EU und der UN-Umweltorganisationen – dem schlechten Beispiel der EU folgen. Die Auswirkungen sind dort jedoch viel dramatischer als in der EU. Als Beispiel führt er Zambia an, das aufgrund hypothetischer Gefahren gentechnisch veränderten Mais verboten hat:
When the Zambian government turned away GM maize intended for its starving people because of a theoretical health risk, it created a real risk and turned a disaster into a tragedy. Denied the food, people died of starvation. But that same type of GM maize has been consumed by Americans and Canadians for more than a decade.
Somit wurde das theoretische Risiko der Gentechnik gegen die praktische Katastrophe des Hungers eingetauscht. Die Hoffnung der Afrikaner liege nun, so Nolutshungu, auf der WTO-Klage der USA, Kanadas und Argentiniens gegen die EU. Nur diese Staaten hätten den nötigen Einfluss, die ideologisch begründeten Handelshemmnisse zu beseitigen, die den afrikanischen Ländern so sehr schadeten:
In a continent that desperately needs growth, food, jobs and exports, innovation is exactly what we need.
The United States, Canada and Argentina have the muscle to bring cases to the World Trade Organization, but African countries are still vulnerable to EU trade barriers and to Western activists supported by the aid industry, all opposed to free trade and GM products – just the tools we need to boost exports and fight famine.
For Africans, this really is a question of life or death.
Es wird Zeit, dass sich die Europäer in dieser Frage ihrer Verantwortung bewusst werden. Es kann nicht sein, dass die EU die Afrikaner zum Verzicht auf gentechnisch veränderte Produkte nötigt, die zur Überwindung des Hungers beitragen könnten, frei nach dem Motto: Sollen sie doch konventionelle Lebensmittel essen wie wir. Eine solche Position ist nicht minder zynisch als der berühmte Ausspruch der Marie Antoinette: „Wenn die Armen kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“
10 Kommentare »
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URI
Einen Kommentar hinterlassen
You must be logged in to post a comment.
--- Alle Beiträge anzeigen ---
Powered by WordPress 2.2.1 DE


antibuerokratieteam.de






Die EU sieht sich in ihrer Haltung übrigens von einer sehr großen Mehrheit der EU-Bürger unterstützt. Insofern kommt zum Vorsorgeargument auch ein demokratisches Hinzu.
Die ganze Aufregung ist im Übrigen ein Theater ohne Gleichen. Das Einfuhrverbot für gentechnisch veränderte Lebensmittel wurde bereits 2004 aufgehoben und gegen eine Kennzeichnungspflicht eingewechselt. Die Klage wurde aus politischen Gründen dennoch beibehalten.
Die Entwicklungsländer werden nicht gezwungen, kein Gen-Food anzubauen. Sie können diesen nur nicht in Europa verkaufen. Weshalb? Weil es keinen Markt dafür gibt.
Kommentar von TC Stahl — 09.02.06 17:01 #
Warum soll eine Mehrheit der Buerger demokratisch darueber zu befinden haben, welche Lebenmittel ich essen darf und welche nicht? Vielleicht will ich ja sogar gentechnisch veraenderte Lebensmittel essen, weil sie genauso gesund oder sogar gesuender sind? Und wenn auch nur, weil sie preiswerter sind?
Den Afrikanern unsere Umweltstandards aufzuoktroyieren ist nichts anderes als Oekoimperialismus. Und wer sagt denn, dass es fuer afrikanische, gentechnisch veraenderte Lebensmittel in Europa keinen Markt gibt? Lassen wir doch den Handel ohne Wenn und Aber zu und sehen dann, was passiert.
Kommentar von Oliver M.H. — 09.02.06 17:07 #
Ganz so ein “Theater ohne Gleichen” scheint die WTO-Entscheidung doch nicht zu sein. Zumindest schrieb die Financial Times (London):
Womit dann die urspruengliche These ueber die Auswirkungenn auf Afrika bestaetigt zu sein scheint.
Kommentar von Oliver M.H. — 09.02.06 17:56 #
Und dann vielleicht noch ein letzter Hinweis: Auch Jennifer A. Thomson hat einen guten Artikel ueber Afrika und Gentechnik im Zusammenhang mit der WTO-Entscheidung geschrieben. Auch hier noch ein Zitat:
Kommentar von Oliver M.H. — 09.02.06 18:00 #
Und ein allerletzter Hinweis. Einer der Erfinder des sogenannten “Goldenen Reis”, Ingo Potrykus, schrieb in der indischen Economic Times:
Kommentar von Oliver M.H. — 09.02.06 19:19 #
Deshalb ja auch die Forderung nach Kennzeichnung. Über den Markt läßt sich streiten.
Im Übrigen wollte ich nur darstellen, daß hier die Kommission nicht allein steht.
Kommentar von TC Stahl — 09.02.06 19:44 #
Ich habe einiges auf meiner Site über
diese Gemengelage, in der frau nicht mehr weiß wer wo in wessen Sinne oder gar Auftrag handelt. Wenn das nichts mit der französischen Agrarpolitik und -subvention zu tun hat, fresse ikke den berüchtigten Besen.
Die Rolle des José Bové bei der Maisausreißerei ist jedenfalls undurchsichtig. Eines weiß ich jedoch: der Sohn einer Freundin in Toulouse hat durch das Zerstören seines Forschungsfeldes zwei Jahre verloren, beantragte eine Green Card und arbeitet jetzt in den USA.
Kommentar von Gudrun — 10.02.06 17:43 #
Nebenbei:
wenn hier von der französischen Agrarpolitik und den-subventionen die Rede ist sollte man nicht vergessen, dass über 80% der EU-Subventionen an nur maximal 20% der Agrarunternehmen gehen.
Und zu diesen Agrarunternehmen gehören ebenfalls auch die Globalplayer im Agrobusiness.
Kommentar von Frank — 10.02.06 19:56 #
Man schaue sich den Erfolg genmanipulierter Baumwolle in Indien an und ueberlege sich nochmal sehr gut, ob an den Einwuerfen bzgl. Oekoimperialismus auch nur ein Haar stimmt.
Man blicke weiter nach Afrika und ueberlege, warum ehemals Überschuss erwirtschaftende und exportierende Nationen nunmehr am Hungertuch nagen.
Dann stelle man fest, dass es mit Gentechnik rein gar nix zu tun hat und gehe tief in sich.
Kommentar von hiddensee — 11.02.06 13:55 #
Soviel ich weiß, dürfen genmanipulierte Ernten nicht als Saatgut verwendet
werden. Das wird für die armen Bauern in unterentwickelten Ländern aber eine teure Angelegenheit. Zudem sind sie oftmals auf die Pestizide der Saathersteller angewiesen. Nix Wahlfreiheit – nix Konkurrenz. Zudem sind die genmanipulierten ebenso wie die hochgezüchteten Pflanzen oft auf speziellen Dünger angewiesen. Nochmal teuer für die armen Bauern. Wenn man nicht sicher wüsste, dass die Saathersteller die ehrenwertesten Absichten haben, könnte man andere vermuten…
.
Die neueste Saatgut-Genforschung geht in die Richtung, dass die genmanipulierten Hybriden nach der Ernte unfruchtbar sind. Wenn diese Frigid-Gene erst auskreuzen, dann gute Nacht.
.
Aber vielleicht hat Monsanto für diesen Fall auch schon was in der Schublade 8-)
Kommentar von Thilo — 11.02.06 14:12 #