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House of Lords oder Bundesrat?

Donnerstag, 26.01.06 00:57 by Oliver M.H. - 8 Kommentare

Das britische Regierungssystem ist durchzogen von lauter Merkwürdigkeiten, die sich nur verstehen lassen, wenn man mit inzwischen fast einem Jahrtausend britischer Geschichte vertraut ist. Seitdem Wilhelm der Eroberer im Jahre 1066 an den Stränden von Sussex landete und seinen Kontrahenten Harold in der Schlacht von Hastings besiegte, ist England nicht mehr von fremden Mächten bezwungen worden. Die Spanier haben es versucht und sind genauso gescheitert wie nach ihnen Napoleon und später Hitler. Und weil England eben eine so lange und im Wesentlichen ungebrochene staatliche Kontinuität hat, konnten sich hierzulande Institutionen herausbilden und erhalten, die es so nirgendwo mehr auf dem europäischen Kontinent gibt.

Eine dieser uralten Institutionen ist das britische Oberhaus, das House of Lords, das seit dem 14. Jahrhundert besteht und damit zu den ältesten parlamentarischen Einrichtungen der Welt gehört. Es hat auf der Insel heute einen etwas merkwürdigen Ruf. Es gilt als dringend reformbedürftig, weil seine Zusammensetzung so gar nicht demokratischen Idealen entspricht. Mitglied kann man nämlich nur durch Geburt oder Ernennung, nicht jedoch durch Wahl werden. Nach wie vor sitzen 92 Vertreter alter englischer Adelsfamilien als Lords und Baronesses im Oberhaus. Hinzu kommen die so genannten Life Peers, auf Lebenszeit ernannte Mitglieder, die vor allem aufgrund politischer, gesellschaftlicher oder wissenschaftlicher Lebensleistungen von den Parteien vorgeschlagen und vom Premierminister bestimmt werden. Großzügige Spenden an bestimmte Parteien sollen bei der Erlangung des Adelstitels ebenfalls hilfreich sein, kann man immer wieder lesen. Schließlich gibt es noch 26 Bischöfe der Church of England, die Sitz und Stimme im Oberhaus haben.

Ebenso gewöhnungsbedürftig wie die Zusammensetzung des Hauses ist die Art und Weise, in der das House of Lords arbeitet. Allein die Umgangsformen unter den Lords zu erklären, benötigte mindestens einen halben Tag. Auch die Prozeduren der Sitzungen haben immer noch etwas Mittelalterliches, etwa wenn der Lord Chancellor um kurz vor halb drei Uhr nachmittags nach einer kleinen Prozession den Sitzungssaal betritt, die Türen verschlossen werden, ein Bischof ein Gebet spricht und erst danach die Öffentlichkeit zugelassen wird.

Und doch, bei all diesen Merkwürdigkeiten ist das House of Lords eine Einrichtung, um die ich als Deutscher die Briten beneide. Nun muss ich mich befangen erklären: Ich habe selbst vor zwei Jahren für einige Zeit als Mitarbeiter bei einem Lord gearbeitet, was gleichzeitig meine Einführung in die britische Politik war. Es war eine spannende Zeit, in der ich lernte, während der Sitzungen nicht auf blauem Teppich im Palast von Westminster zu stehen (der ist nämlich für Peers reserviert). Ich hatte zu lernen, die richtigen Türen zu den Sitzungsräumen zu nehmen (eine für Lords, eine fürs Volk). Ich nahm verblüfft zur Kenntnis, dass es 81 verschiedene Sicherheitsausweise für den Palast von Westminster gibt und dass sich danach unter anderem entscheidet, in welcher Kantine man wann essen darf. Es gibt sogar eine Bar im House of Lords, die nur jenen Lords offen steht, die früher einmal Mitglieder des Unterhauses waren. Und schließlich fand ich es sehr angenehm, dass man als Mitarbeiter im Restaurant des Oberhauses nicht bezahlen darf. Dies dürfen nur Lords … die ihre Mitarbeiter folglich stets einzuladen haben.

Von solchen Eigentümlichkeiten einmal abgesehen, muss man aber feststellen, dass die Lords gute Arbeit leisten. Viel zu sagen haben sie eigentlich nicht mehr. Sie dienen vor allem als Kontrollinstanz, die den Wust an Gesetzgebung, der von der Regierung oder dem House of Commons kommt, daraufhin überprüft, ob er wenigsten handwerklich sauber konstruiert ist. Das tun sie mit erstaunlicher Präzision, die sich wohl dadurch erklärt, dass es immer in diesem lebenserfahrenen Haus einen oder zwei Lords gibt, die jedes nur erdenkliche Rechtsproblem schon im Frühstadium erkennen können. Hinzu kommt, dass auf Lebenszeit ernannte Lords von parteipolitischen Überlegungen vergleichsweise frei sind. Im Ergebnis enthält die britische Gesetzgebung daher deutlich weniger technische Fehler als dies in anderen Rechtsordnungen offenbar üblich ist. Die Überparteilichkeit der Lords führt übrigens auch in den Umgangsformen im Parlament zu einer Höflichkeit und Sachlichkeit, von der deutsche Besucher nur träumen können.

Nur ganz selten nehmen die Lords tatsächlich auch inhaltliche Änderungen an Gesetzesvorhaben vor. Wenn sie es aber tun, dann mit einem Paukenschlag: So sind die Lords die eifrigsten Kritiker von Gesetzen, mit denen die Bürgerrechte eingeschränkt werden sollen. Ein ums andere Mal haben sie die Regierung schon bei überharten Anti-Terror-Gesetzen oder jüngst bei der Einführung von Personalausweisen auflaufen lassen. Die Lords sind das Bürgerrechtsgewissen der Nation.

All dies wird von den Lords übrigens quasi ehrenamtlich geleistet: Für die mickrigen Aufwandsentschädigungen, die den Lords an Sitzungstagen (und auch nur bei Anwesenheit) gezahlt werden, bekommt man in London jedenfalls kaum ein Zimmer in einem heruntergekommenen Hotel. Die Ausstattung des House of Lords mit Material und Personal ist äußerst bescheiden.

Je länger ich bei den Lords gearbeitet habe, umso mehr habe ich die Einrichtung des House of Lords bewundert. Ja, sie ist himmelschreiend undemokratisch, das Durchschnittsalter liegt bei um die 70 Jahren, Frauen sind ebenso wie gesellschaftliche Minderheiten unterrepräsentiert, Kirche und alter Adel haben dafür ihre garantierten Sitze und die Umgangsformen haben sich seit Hunderten von Jahren nicht geändert. Aber: Es funktioniert. Und es funktioniert viel besser als etwa der Bundesrat, der nun wirklich keine effektive zweite Kammer zur Vertretung der Länderinteressen mehr ist (wenn er es denn je war), sondern ein reines Machtinstrument jener Parteien, die gerade in ihm die Mehrheit halten.

In Deutschland wird oft und viel über eine Reform des Föderalismus gesprochen. Nach meinen Erfahrungen in England hätte ich einen eigenen Vorschlag zu machen: Erhaltet den deutschen Föderalismus! Baut ihn aus und gebt den Ländern mehr Kompetenzen. Aber schafft den Bundesrat ab! Ersetzt ihn durch einen echte zweite Kammer in Form einer Gesetzgebungskontrollinstanz nach der Art des House of Lords. Eine Kammer, in der Vertreter auf Lebenszeit sitzen, die ihre Arbeit unabhängig von Parteien und weitgehend ehrenamtlich leisten, die Erfahrungen mit der Art von Gesetzen haben, die sie kontrollieren sollen.

Natürlich braucht das deutsche föderale Regierungssystem eine grundlegende Reform, die über die Reform der zweiten Kammer hinausgeht. Aber von einer effektiven zweiten Kammer wie dem House of Lords könnte Deutschland nur profitieren.

Dem Vereinigten Königreich sei gewünscht: God save the Queen – and the House of Lords.


Das Antibuerokratieteam - seit 15.08.07 auf www.antibuerokratieteam.net

8 Kommentare »

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  1. Hm… die Idee ist bedenkenswert. Aber: Auf welchem Weg sollte solch ein Gremium gebildet werden? Durch Wahlen? Dann säßen dort Günther Jauch, Peter Hahne und Franz Beckenbauer. Oder durch Parlamentsproporz? Dann wären es Hans-Olaf Henkel, Heide Simonis, Günther Grass und sämtliche Minister und Staatssekretäre der Vorgängerregierung.

    Wir sollten vielleicht den Adel wieder in Stand setzen. Und das bringt mich auf einen weiteren, durchaus ernstgemeinten Vorschlag:

    Wir brauchen einen europäischen Kaiser! Mit Hofstaat, Intrigen und Verwandten. Dann hätte die Klatschpresse was zu berichten. Für die Akzeptanz der europäischen Idee wäre das ein enormer Fortschritt!

    Kommentar von Bernie — 26.01.06 09:37 #

  2. Meine ich aus Deinem Beitrag eine kleine, leise, britisch zurückhaltende, Kritik an meinem Aufreger über das Identitätsgeschwätz herauszulesen zu dürfen, lieber Oliver? Nein nein, als heimlicher Hayekianer bin ich natürlich kein Verächter gewachsener Institutionen! Insbesondere dann nicht, wenn sie so wenig reale Macht besitzen wie das House of Lords ;)
    Wir hatten hier in Bayern übrigens einen – ziemlich traurigen – ständischen Abklatsch davon: den bayrischen Senat. Dort schickten die Verbände (Gewerkschaften, Kirchen, Bauernverband etc.) ihre abgehalfterten Funktionäre aus Gründen der Pensionssicherung hin. Im Jahr 1998 wurde das absurde Gremium mittels Volksabstimmung abgewickelt. Nie vorher und nachher hat mir mein Kreuzla soviel Freude gemacht …

    Kommentar von jo@chim — 26.01.06 11:09 #

  3. @Bernie: Also wir wollen es nicht gleich übertreiben. Auf einen europäischen Kaiser kann ich gerade noch verzichten. Aber Deine Frage ist natürlich berechtigt, wie man eine veränderte zweite Kammer besetzen könnte, ohne dabei die Probleme heraufzubeschwören, die Du angesprochen hast. Ich habe da noch keinen konkreten Vorschlag.

    @jo@chim: Nein, der Beitrag sollte ganz für sich allein stehen; er war nicht als Kritik gedacht. Aber warum bist Du nur “heimlicher” Hayekianer?

    Kommentar von Oliver M.H. — 26.01.06 20:05 #

  4. @oliver: weil ich immer nur heimlich -ia(ner) mache ;)

    Kommentar von jo@chim — 26.01.06 20:12 #

  5. [...] Zu den föderalen Strukturen stellen die Ökonomen fest, dass diese dort am besten funktionieren, wo Kompetenzen klar verteilt sind (wie in der Schweiz, aber nicht in Deutschland) und wo der Föderalismus nicht über das Vetorecht einer Länderkammer missbraucht werden kann (wie in Österreich, aber nicht in Deutschland). Halten wir fest: [...]

    Pingback von antibuerokratieteam.de » Österreich vor Deutschland vor Schweiz — 08.02.06 12:41 #

  6. [...] Da hatte ich vor einigen Wochen in einem Beitrag doch behauptet, dass Grossbritannien seit der Landung von William the Conqueror im Jahre 1066 nicht mehr von fremden Mächten eingenommen wurde, und nun dieses: Die Insel wird schleichend von der Chinesischen Wollhandkrabbe erobert, berichtet der Daily Telegraph. [...]

    Pingback von antibuerokratieteam.de » Eroberung im Krebsgang — 08.02.06 19:27 #

  7. [...] Gestern jedenfalls konnte New Labour trotz allem wieder eine Abstimmung gewinnen. Es ging um die Einführung von Personalausweisen, die nicht nur bei den Lords, den Liberaldemokraten und den Konservativen auf Widerstand gestoßen ist, sondern eben auch in Teilen von Blairs eigener Partei. Aber nach dem Chaos der letzten Wochen war der Druck auf die Labour-Abgeordneten diesmal einfach zu groß, so dass sie eine Gesetzesänderung der Lords mehrheitlich zurückwiesen. [...]

    Pingback von antibuerokratieteam.de » Blair vor Ping Pong mit den Lords — 14.02.06 12:07 #

  8. [...] Dass ich ein großer Fan des House of Lords bin, habe ich bereits an dieser Stelle geschrieben. Dass das Ernennungssystem für neue Lords verbesserungsfähig ist, soll aber auch nicht verschwiegen werden. Gleich zwei Beispiel aus den letzten Tagen machen deutlich, wie anfällig das jetzige Verfahren für politische Manipulationen aller Art ist. [...]

    Pingback von antibuerokratieteam.de » Adel verpflichtet? — 09.03.06 13:30 #

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