Noch einmal Financial Times Deutschland
Gestern hatte ich mich über den Leitartikel in der Financial Times Deutschland zum Vergleich der deutschen und der britischen Staatsquote gewundert. Heute steht ein neuer Leitartikel in der FTD, und wiederum bin ich irritiert.
Thomas Fricke, der Chefökonom der Zeitung, schreibt dort seltsame Dinge. Etwa:
Die Reichen haben es nicht einfach. Mal müssen sie mehr abgeben, dann wieder weniger. Jetzt wieder mehr. Denn: Die große Koalition plant die Reichensteuer. Dabei ist das eigentliche Problem gar nicht, ob die Höherverdienenden im Land mehr Steuern zahlen oder weniger.
Wirklich nicht? Dann können wir den Reichen ja auch locker 95 Prozent Steuern abnehmen, wenn das alles gar kein Problem ist. Dass aber von einer hohen Grenzbesteuerung des Einkommens leistungshemmende Anreize ausgehen, lernen VWL-Studenten im ersten Semester.
Aber der Artikel geht noch weiter:
Das tiefere Dilemma liegt darin, dass sie [die Reichen] viel zu wenig Geld ausgeben. Das ist schlecht für die Konjunktur und könnte näher betrachtet sogar einen ziemlich hohen Anteil daran haben, dass in Deutschland insgesamt so wenig konsumiert und so viel gespart wird – was wiederum ein Hauptgrund dafür ist, dass es mit dem Aufschwung so lange gedauert hat. Schluss also mit Aldi. Das Land braucht Shoppen für den Aufschwung.
Jetzt wissen wir es also, warum es mit Deutschland nicht voran geht: Der Staat spart sich kaputt (siehe Leitartikel von gestern), und die Bürger konsumieren einfach nicht genug. Also ist doch alles ganz einfach: Mehr Staatsausgaben, eine höhere Konsumquote, eine niedrigere Sparquote und dann läuft die Wirtschaft wieder.
Wenn es doch so einfach wäre. Tatsächlich liegt die Sparquote im internationalen Vergleich eher hoch. Doch war sie dies traditionell schon immer und Anfang der 1990er Jahre lag sie – bei boomender Wirtschaft – sogar noch höher.
Wenn heute etwas mehr gespart wird als noch vor wenigen Jahren, dann hat das vor allem zwei Gründe: Die Deutschen haben angefangen, privat für ihr Alter vorzusorgen – und das ist gut und richtig so, denn auf die gesetzliche Rentenversicherung werden sie sich nicht verlassen können. Zweitens sind viele Bürger angesichts der verwirrenden Signale aus der Politik verunsichert. Sie machen sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz und legen deshalb etwas auf die hohe Kante – für schlechtere Zeiten. Auch dies ist vernünftig.
Was die Politik nun tun könnte, damit wieder mehr konsumiert wird (wenn das denn ein Ziel der Politik sein sollte), wäre Vertrauen in eine bessere Wirtschaftsentwicklung zu schaffen. Das ginge aber am besten über eine Politik, die sich nicht in Steuererhöhungen und Konjunkturprogrammen erschöpfte.
Im übrigen aber braucht jede Volkswirtschaft Ersparnisse, denn wo nicht gespart wird, kann auch nicht investiert werden (es sei denn, man führt im großen Stil Kapital aus dem Ausland zu oder erhöht die Geldmenge – beides ist langfristig nicht unproblematisch).
Zum Abschluss des FTD-Artikels gibt Thomas Fricke seinen Lesern dann noch Folgendes mit auf den Weg:
Sinkende Sparquoten allein reichen dann wohl doch nicht aus. Zum großen Glück müssten am Ende auch die Einkommen derer wieder steigen, die einen konjunkturfreundlich hohen Anteil bei Auto-, Schmuck- und Einzelhändlern lassen. Oder bei Aldi.
Es wird immer besser: Nach mehr Staatsausgaben, weniger Ersparnissen, mehr Konsum fordert die FTD nun auch noch steigende Löhne. Aber sicher: Gönnen wir uns in den nächsten Jahren doch mal “einen kräftigen Schluck aus der Pulle” bei den Tarifverhandlungen. Als ob Deutschland nicht ohnehin schon ein im internationalen Vergleich hohes Lohnniveau hätte!
Mit solchen Vorschlägen aus der vulgärkeynesianischen Mottenkiste wird Deutschland jedenfalls kaum zu modernisieren sein. Wenn solche Leitartikel in einer führenden Wirtschaftszeitung erscheinen, braucht man sich nicht darüber zu wundern, dass es in Deutschland nicht gelingt, im Wortsinne radikale – nämlich an die Wurzel der Probleme gehende – Reformen durchzuführen.
5 Kommentare »
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[...] Die Kategorie FTDBlog gibt es (im Unterschied zum SPONBlog) hier bei uns (noch) nicht. Wenn es sie gäbe, stünden die letzten beiden Einträge beim antibürokratieteam. von: Boche [...]
Pingback von B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade :: FTDBlog: vulgärkeynesianische Leitartikler :: January :: 2006 — 13.01.06 10:55 #
Unfassbar! Ist das die FTD oder das neue Deutschland?!
Kommentar von Oliver Luksic — 13.01.06 13:52 #
@Oliver Luksic: Das hatte ich mich heute Morgen auch gefragt (mir aber dann diese Spitze verkniffen). Jetzt wissen wir jedenfalls, woher Oskar Lafontaine sein ‘Wirtschaftswissen’ hat.
Kommentar von Oliver M.H. — 13.01.06 13:56 #
Ich frag mal ganz bescheiden
Könnte es nicht sein, daß eine hohe Sparquote der Bürger vor allem dann (im Grunde NUR dann) ökonomisch schädlich ist, wenn sie auf eine hohe Kreditnachfrage des Staates trifft?
Und somit eben nicht zu produktiven Investitionen, welche später steigende Realeinkommen begünstigen, führt, sondern unproduktiv im Haushalt versickert und später via höhere Steuern die Realeinkommen der Bürger senkt.
Aber vielleicht ist diese Logik FTD-Redakteuren ja zu vulgär…
Kommentar von Andreas — 13.01.06 14:27 #
Wo allerdings die hohe Grenzbesteuerung anfängt oder aufhört lernen die VWL-Studenten nicht im 1. Semester……
Grau ist alle Theorie
Kommentar von Gernoth — 19.01.06 13:39 #