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Hoppe-Debatte zum Zweiten und Dritten

Freitag, 25.11.05 18:04 by jo@chim - 14 Kommentare

Auf den Seiten von Liberale Stimme Online veröffentlicht Karsten Dürotin unter dem Titel Eigentümlich unfrei? eine Präzisierung seiner Kritik am libertären Erzreaktionär Hans-Hermann Hoppe – meines Erachtens nach wie vor die Thesen Hoppes auf alle anarchokapitalistischen Positionen pauschalisierend und von einem völlig unhinterfragten “Demokratie”-Begriff ausgehend. Ich befürchte allerdings, dass er eine “offene Flanke” der Libertären durchaus korrekt erkannt hat, wenn er schreibt:

Ohne staatliche Strukturen würde die Familie zum absolut bestimmenden Faktor des Lebens und zum Kumulationspunkt für Vermögenswerte. Der Anarchokapitalismus würde schon nach wenigen Generationen aufhören, eine individualistische Philosophie zu sein – die biologische Herkunft eines Menschen, und nicht seine Befähigungen und Tugenden, würde primär über das Eigentum bei der Geburt und damit über die rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen entscheiden.

Hoppes kollektivistische Absolutsetzung eines überkommenen christlich-abendländischen Wertekanons (um dies hier einmal zurückhaltend auszudrücken) und seine Gedankenspiele über Zuchtprogramme für natürliche Eliten weisen genau in diese Richtung. Bei aller Sympathie für den Anarchismus – ich kann mich des Verdachtes nicht erwehren, dass er mit der anarchistischen Dystopie, die er entwickelt, tatsächlich einer der konsequentesten Vertreter des Libertarianismus ist. Auch wenn ich – im Gegensatz zu Karsten – nicht allen, nicht einmal einer Mehrheit, der Libertären unterstellen möchte, dass sie kollektivistischen, reaktionären, Mist wie diesen hier unterstützen:

Sie – die Befürworter alternativer, nichtfamilien- und nichtverwandtschaftszentrierter Lebensstile, wie z.B. individueller Hedonismus, Parasitentum, Natur- und Umweltanbetung, Homosexualität und Kommunismus müssen ebenfalls von der Gesellschaft (sic!) physisch getrennt werden, wenn man eine libertäre Ordnung aufrechterhalten will.
(Demokratie. Der Gott der keiner ist, S. 408, deutsche Ausgabe, Hervorhebungen von mir)

Auf Libertaria, dem Portal des Libertären Instituts von David Schah, ist noch eine weitere Kritik am Text von Bijan Nowrousian und Oliver Marc Hartwich, die “Pro-Hoppe” Stellung bezieht zu lesen. Naja, “Kritik” ist vielleicht etwas beschönigend: selbsternannte LiberalePseudo-Liberale nach dem Vorbild der Herren NouwrousianFeinde jeder FreiheitFaschismuskeulepolitischer Agitatorlächerliches KonstruktHerren Musterjuristen … ich erspare Ihnen hier weitere Details des reichlich niveaulosen Elaborats von Thorsten Boiger.

Der junge Mann ist übrigens erst kürzlich von der CSU zur libertären “Lehre” (sic!) konvertiert – das mag den Furor erklären, mit dem er versucht seinen “grossen Lehrmeister” (sic!) Murray Rothbard zu verteidigen. Er tut aber damit weder der liberal-libertären Debatte, noch der libertären Plattform in der FDP, in der er Mitglied ist, einen Gefallen, meine ich.

Einen Vorwurf von Herrn Boiger möchte ich hier aber doch noch zustimmend zitieren: Ich frage mich ja schon, wie man ernsthaft behaupten kann, für die Freiheit zu sein, und gleichzeitig advocatus diaboli, also Anwalt des Staates, sein kann.
Ja, das frage ich mich auch – vor allem angesichts der Tatsache, dass Hans-Hermann Hoppe an der staatlich finanzierten Universität von Las Vegas angestellt ist …


Das Antibuerokratieteam - seit 15.08.07 auf www.antibuerokratieteam.net

14 Kommentare »

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  1. Hallo ,

    allen Libertären unterstelle ich das ja auch ausdrücklich nicht. Auch gilt nach wie vor meine Bitte, mich auf anarchokapitalistische Autoren hinzuweisen, die ähnlich konsequent zuende gedacht sind wie Hoppe, aber zu anderen Schlüssen kommen. Bei ein, zwei persönlichen Kontakten mit dem Anarchokapitalismus und zahlreichen Texten aus dieser Richtung konnte ich jedenfalls ansonsten nur Hochspekulatives und Metaphysisches finden – oder praktisches Engagement z. B. im Bereich Genuß oder Waffenrecht, das mir teilweise durchaus sympathisch ist. Und was Hoppes Position an der staatlichen Uni angeht – das derzeitige System bietet ihm dort nun einmal die besten Profitmöglichkeiten, also ist es nur konsequent, sich dafür zu entscheiden. Das ewige Problem derer, die etwas ändern wollen…

    Kommentar von Karsten — 25.11.05 18:57 #

  2. Deiner Bitte schliesse ich mich an, lieber Karsten. Mein Beitrag geht ja auch in dese Richtung. Das mit der staatlichen Uni war nur eine Stichelei zum Aufsatz von Herrn Boiger :P

    Kommentar von jo@chim — 25.11.05 19:11 #

  3. Hmm, ich bin auch libertär, habe aber gegen einen Minimalstaat nicht allzuviel einzuwenden, wenn auch aus nicht ganz den selben Gründen.

    Allerdings würde ich nicht sagen, dass bei einer Staatsform die Familie (vor allem bei einem Minimalstaat) in irgendeiner Weise weniger als Zentrum gelten würde, als bei einer anarchistischen Gesellschaft. Wenn sich der Staat aus fast allen Belangen des sozialen Lebens zurückzieht, so wird notwendigerweise eine andere private Instanz diese Stellen einnehmen, ob es nun die Kirche oder noch kleiner die Familie ist.
    Ich halte das auch nicht notwendigerweise für ein Problem, solange gewährleistet wird, dass die Kinder jene Rechte erhalten, die jedes Lebewesen bekommt und hier habe ich dann meine Zweifel. Ich kann mich immer noch nicht mit der privatrechtlichen Idee anfreunden, dass Gerichte komplett privatisiert werden sollen.

    Wer sich jedoch den Text, der auf achgut.de veröffentlicht wurde durchliest, der fragt sich auch warum ausgerechnet ein Staatsanwalt antworten musste und von Liberalem redet.
    Gleichfalls halte ich auch achgut.de für Konservativ und nicht liberal, da sie sehr oft kollektivieren (ähnlich wie Ayn Rand: http://praxeology.net/unblog11-05.htm#09), anstatt Individuuen zu evaluieren. Eine gute Antwort auf dieses Pamphlet gibt es im Freiheitsforum.

    Ich denke mal, dass dein letzter Satz mehr Spass als wirklich Argumentation war, da er eigentlich in einem Zwangsstaatssystem nicht gelten kann (mangels Alternativen).

    Kommentar von Max — 25.11.05 20:09 #

  4. Schon klar. ;)

    Ich neige zum Rosinenpicken: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. :D

    Kommentar von Karsten — 25.11.05 20:11 #

  5. @Max: selbstverständlich ist die Familie die wohl wichtigste Lebensform, d’accord. Was ich an HHH kritisiere ist, das er das absolut setzt: Es geht den guten Mann nichts aber auch gar nichts an, welche Form der sozialen Kooperation und privaten Lebensgestaltung ich mir aussuche, solange ich nicht in die Rechte anderer eingreife. Punkt. Alles andere ist konservative Anmassung von Autorität. Kollektivieren tut übrigens Hoppe auch, wie ich oben gezeigt habe …

    Kommentar von jo@chim — 25.11.05 20:23 #

  6. Der letzte Kommentar ging natürlich an

    Max: Ich sehe den Staat nur als eine Institution in einer komplexen Gesellschaft an. Da ich aber davon ausgehe, dass es eine der gesamtgesellschaftlichen Aufgaben ist, die allgemeine Wohlfahrt sicherzustellen, halte ich an der Idee eines Sozialstaates im Prinzip fest. Ich bin stets offen für Kritik an der Art und Weise, wie er durchgeführt wird – aber jede Reform, die die soziale Frage auf kleinere gesellschaftliche Einheiten verlagert, findet meinen Widerspruch.

    Kommentar von Karsten — 25.11.05 20:26 #

  7. @ Karsten:

    >>Ohne staatliche Strukturen würde die Familie zum absolut bestimmenden Faktor des Lebens und zum Kumulationspunkt für Vermögenswerte.

    Zum “absoluten” Faktor wohl nicht, aber zu einem sehr wichtigen, das kann man nicht bestreiten.

    >>Der Anarchokapitalismus würde schon nach wenigen Generationen aufhören, eine individualistische Philosophie zu sein

    Eine Philosophie kann sich nicht ändern (allenfalls sein Name). Was also meinst Du genau?

    >> – die biologische Herkunft eines Menschen, und nicht seine Befähigungen und Tugenden, würde primär über das Eigentum bei der Geburt und damit über die rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen entscheiden.

    Das ist kein Alleinstellungsmerkmal des Anarchokapitalismus, sondern unvermeidbar. (Versuche, dies unter Gewaltinitiierung [wie sonst?] zu ändern, führen nur zu Umschichtungen innerhalb dieses Prinzips, nicht aber zu Veränderungen am Prinzip selbst.) Entscheidend ist, was sekundär über Eigentum entscheidet. Im Anarchokapitalismus entscheidet sekundär darüber Fähigkeit, Intelligenz, Tugend usw. Sobald aber irgendwo legalisierte Gewaltinitiierung ins Spiel kommt, tendiert Eigentum dorthin, wo die “legale” Gewalt herkommt – trotz minderer Befähigung in der Sache, Tugendhaftigkeit usw. Und wird natürlich auch vererbt.

    Kommentar von Robert Grözinger — 25.11.05 22:06 #

  8. @Karsten: was meinst Du denn mit ” gesamtgesellschaftlichen Aufgaben”? Das klingt sehr nach Popperscher Sozialklempnerei. Was tust Du, wenn ich Dir von meinem Eigentum nichts zum Umverteilen abgeben will? Wendest Du dann ebenfalls “physischen” Zwang an? (So wie Hoppe, wenn ich nicht so leben mag, wie er es für richtig hält). Nein, das war nur eine rethorische Frage: dass der “Sozialstaat” Quatsch mit kollektivistischer Sosse ist, das hat schon Hayek hinreichend geklärt, imho. Hast Du den “Weg in die Knechtschaft” gelesen?

    Kommentar von jo@chim — 25.11.05 22:27 #

  9. @Robert:
    “Eine Philosophie kann sich nicht ändern (allenfalls sein Name). Was also meinst Du genau?”

    Erwischt, hier habe ich mich unpräzise ausgedrückt. Was ich hätte schreiben sollen, war: “Die Lebensweise der derart nach anarchokapitalistischen Prinzipien lebenden Menschen hätte schon nach wenigen Generationen die Bezeichnung “individualistisch” nicht mehr verdient”.

    Zur Bedeutung der Biologie für den sozialen Stand des Menschen: Ich bin mir dessen bewusst, dass diese nicht nur im Anarchokapitalismus gegeben ist. Ich sehe allerdings, dass der AK keinerlei Mechanismen etabliert oder etablieren will, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. In einer Gesellschaft, wie sie augenblicklich aufgebaut ist, mögen einige unrechtmäßige Vorteile genießen – sie müssen sie allerdings gegen die Kritik der übrigen Mitglieder der Gesellschaft verteidigen. Wird aber das genetische Prinzip bei der sozialen Differenzierung einfach schulterzuckend hingenommen, wie es die Anarchokapitalisten tun, bin ich davon überzeugt, dass es sich im Laufe der Zeit immer stärker etablieren und alle anderen Faktoren verdrängen würde. Es neigt nämlich dazu, sich über Generationen hinweg zu potenzieren.

    Kommentar von Karsten — 26.11.05 01:39 #


  10. Den “Weg in die Knechtschaft” habe ich gelesen und auch als sehr interessanten Standpunkt verzeichnet. Er war der Grund dafür, dass ich von den sozialdemokratischen Lehren nicht mehr ganz so überzeugt war und mein Interesse für liberale Theorie geweckt. Was er aber nicht geschafft hat, war, mich in letzter Konsequenz innerlich zu überzeugen. Da habe ich andere Quellen gefunden.

    Meine Gedanken klingen mehr nach Popper als nach Hayek? Das trifft mich beispielsweise nicht besonders. Vorgestern meinte jemand angewidert, meine Worte klängen nach “diesem Friedrich Naumann” – auch das verletzt mich irgendwie nicht. Wenn ich jetzt noch in die Nähe von Theodor Heuß und Walter Scheel gerückt werde, ist mein Tag gerettet. :)

    Kommentar von Karsten — 26.11.05 01:44 #

  11. [...] *: Eine Kritik von Robert Grözinger beim Antibürokratieteam verdient hier auf jeden Fall Beachtung: “Eine Philosophie kann sich nicht ändern (allenfalls sein Name). Was also meinst Du genau?”. Ich möchte also den kursiven Text noch einmal neu formulieren, um meine Intention klar zu machen: “Die Lebensweise der derart nach anarchokapitalistischen Prinzipien lebenden Menschen hätte schon nach wenigen Generationen die Bezeichnung “individualistisch” nicht mehr verdient”. Danke an Robert, aber auch sonst empfehle ich den entsprechenden Beitrag von und die dortige Diskussion. [...]

    Pingback von Liberale Stimme Online : Eigentümlich unfrei? — 26.11.05 02:57 #

  12. @
    Wo steht denn hier etwas von einem “Zuchtprogramm” für natürliche Eliten? Ein zu erwartendes Ergebnis eines Prozesses unter freien Marktbedingungen ist kein Zuchtprogramm, eher das Gegenteil. Nur weil man das Ergebnis für nicht wünschenswert hält, kann man es nicht als Zuchtprogramm bezeichnen (oder sollte ich sagen: “diffamieren”?). Eliten dagegen, die unter anderen als freien Marktbedingungen zustande kommen, schon eher (auch wenn das Ergebnis so gut wie nie dem beabsichtigten entspricht … wie so oft bei staatlichen Interventionen.)

    Kommentar von Robert Grözinger — 26.11.05 08:39 #

  13. Lieber Robert, nein “diffamierend” ist das mit dem Zuchtprogramm imho keineswegs, lediglich eine bissige Adaption der Aussagen Hoppes, die Du auf Freiheit und Zivilisation zitierst: Worauf zielt man denn sonst, wenn man von selektiver Paarung – die dann zu natürlicher Autorität weniger ‘adliger’ Familien führe – schreibt? Nein, sorry Sir, die Herrenmenschenträume Phantasien von adelsähnlichen Eliten des Herrn Hoppe mag ich nicht anders bezeichnen.

    Kommentar von jo@chim — 26.11.05 09:04 #

  14. [...] – Hoppe-Debatte zum Zweiten und Dritten [...]

    Pingback von antibuerokratieteam.de » Libertre Ver(w)irrungen — 19.09.06 10:28 #

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