Plädoyer für Liberale Praxis
Jeder Halbgebildete kann eine Peitsche benutzen und andere Leute zum Gehorsam zwingen. Aber es erfordert Intelligenz und Sorgfalt, der Öffentlichkeit zu dienen. Nur einigen Leuten gelingt es, Schuhe besser und billiger als ihre Konkurrenten zu produzieren. Der uneffiziente Fachmann wird immer eine vorrangige Stellung in der Bürokratie erstreben. Er ist sich völlig darüber im Klaren, daß er innerhalb des Wettbewerbssystems keinen Erfolg haben wird. Für ihn ist die allumfassende Bürokratisierung ein Zufluchtsort. Mit der Macht einer Behörde versehen, wird er seine Anweisungen mit Hilfe der Polizei durchsetzen. […] Menschen, die sich ihrer Unfähigkeit im Wettbewerb bewußt sind, verachten ,dieses kranke Konkurrenzsystem’. Wer seinen Mitmenschen nicht zu dienen in der Lage ist, will sie beherrschen.
So zitiert Rahim Taghizadegan, der Betreiber von liberalismus.at, in seinem Plädoyer für Liberale Praxis den Volkswirtschafter Ludwig von Mises, einen der wichtigsten Vertreter der österreichischen Schule der Nationalökonomie im 20. Jahrhundert.
liberalismus.at ist ein Informationsportal aus Österreich, das unter anderem ein liberales, immer informatives Weblog bietet, Textesammlungen, ein offenes Diskussionsforum und einen liberalen Newsroom, in dem per RSS-Feed die aktuellen Beiträge anderer liberaler und libertärer Blogger (auch antibuerokratieteam.de) gelistet werden. Auf diesen Seiten habe ich folgenden, von mir komplett publizierten, Text gefunden, der sehr treffend die Motivation mit der ich antibuerokratieteam.de betreibe beschreibt.
Liberale Praxis
Für jeden, der konsequent liberales Denken zu verstehen und schätzen gelernt hat, stellt sich irgendwann die Frage: Was tun? Die liberale Bilanz des Interventionismus und Etatismus ist so erschütternd, daß diese Frage große Vehemenz erhält: Was kann getan werden, um die unzähligen menschenfeindlichen, wohlstandzerstörenden Interventionen durch Zwangsapparate zu beenden? Welcher Weg führt zu mehr individueller Freiheit und Wohlstand?
Oft wird diese Frage so formuliert: “Wie von hier nach dort?” Diese Formulierung ist irreführend und enthält ein wesentliches Mißverständnis über liberales Denken. Liberalismus unterscheidet sich von anderen Ideologien insbesondere dadurch, daß das Ziel kein spezifisches System – kein einzelner, erst zu schaffender, da noch nicht bestehender Ort (das griechische “nirgendwo” utopos) ist. Das bedeutet nicht, daß nicht klare Vorstellungen darüber bestehen, wie mehr individuelle Freiheit und Wohlstand zu erreichen sind. Ganz im Gegenteil: Die liberale Tradition ist einer der ältesten Traditionen politischen Denkens und rühmt sich vieler der genialsten Köpfe, die je gelebt haben; in der überwältigenden liberalen Literatur – zum großen Teil leider kaum noch in normalen Buchhandlungen erhältlich – finden sich nicht nur tiefgründige Analysen, sondern auch konkrete Anleitungen zu Freiheit und Wohlstand.
Viele Menschen verstehen den fundamentalen Charakter von Freiheit nicht, da sie ihr gesamtes Leben in etatistischen oder sogar totalitären Systemen lebten. Darum versteifen sie sich auf spezifische Fragen darüber, wie “das liberale System” konkret aussehen sollte. Ihre eingeprägte Unselbständigkeit erinnert an die von Kindern, die nicht erwachsen werden wollen: “Wann müssen wir im Liberalismus schlafen gehen?” “Wer macht uns im Liberalismus das Frühstück?” “Wer klebt uns im Liberalismus ein Pflaster auf, wenn wir hinfallen?”
Liberalismus ist bloß eine Denktradition. Ein System der Freiheit ist immer ein Nicht-System – eine spontane Ordnung, keine am Reißbrett von “Experten” und Bürokraten geplante. Eine Ordnung freier Menschen entsteht durch die Handlungen und freien Übereinkünfte von Individuen. Eine Ordnung ist um so freier, je freier die einzelnen Menschen sind. Das bedeutet: je freier sie über ihr Leben (d.h. ihre Zukunft), ihre Handlungen (d.h. ihre Gegenwart) und die Resultate ihrer Handlungen (d.h. ihre Vergangenheit: produziertes und durch freiwillige Übereinkunft erworbenes Eigentum) verfügen können.
Ein Liberaler ist jemand, der individuelle Freiheit schätzt. Dies bedeutet eigentlich nicht viel anderes, als sein eigenes Leben zu schätzen – und impliziert daher ein gewisses Selbstwertgefühl. In der Tat werden viele Antiliberale durch Minderwertigkeitsgefühle (z.B. Versagensängste) und im schlimmsten Fall von Selbsthaß geplagt, der sich letztendlich meist auch gegen andere richten muß. Wer sich selbst nicht achtet, ist nicht fähig, seine Mitmenschen zu achten.
Der Weg zu mehr individueller Freiheit ist also zunächst ein individueller. So seltsam es klingt: Das erste und größte Hindernis zu individueller Freiheit sind wir selbst. Freiheit ist oft nicht die bequemste Lösung. Eine Lüge ist oft weitaus bequemer als Ehrlichkeit. Feigheit ist bequemer als Mut. Faulheit ist bequemer als aktives Schaffen. Für diesen Weg können wir Inspirationen suchen, und die Literatur ist voll von wunderbaren Inspirationen, von eindrücklichen Botschaften der Lebensbejahung und -freude, von kleinen Geschichten von großen Menschen, die durch kreatives Tun – geistig und physisch – sowie Beziehungen zu anderen Menschen – Austausch von Gütern und Ideen, Freundschaft, Liebe, gegenseitige Achtung und Hilfe – aus ihrer ephemeren Existenz auf Erden eine freudenvolle Feier des großartigen, menschlichen Potentials machten. Letztendlich ist es aber ein Weg, den nur jeder für sich und eigenständig gehen kann.
Leider erkennen wir, sobald wir uns auf diesen Weg begeben haben – also versuchen, unser Leben auch zu leben, daß uns vieles dabei behindert. Systeme schreiben uns vor, was wir mit unserem Leben zu tun haben. Wie wir mit unserem Körper umzugehen haben. Oft sogar, wie wir zu denken haben. Wenn wir schaffend tätig sind, werden wir mit Ansprüchen auf unsere Arbeit konfrontiert, die sich letztlich auf nichts anderes als Gewalt stützen. Wenn wir freiwillig mit anderen Güter tauschen, werden wir eines großen Teils beraubt, sofern der Tausch überhaupt genehmigt wird. Selbst wenn wir anderen Menschen ein Geschenk machen wollen, wenn wir unseren Kindern ein besseres Leben ermöglichen wollen mit dem Resultat einer lebenslangen Arbeit, werden wir schamlos enteignet. Was können wir als Liberale dagegen tun? Unsere Lebensbejahung läßt uns von Gewalt Abstand nehmen. Im Sinne des Friedens fügen sich Liberale meist der Gewalt, und freuen sich schon darüber, wenn diese zumindest vorhersehbar und nicht allzu willkürlich erfolgt.
Ein kleiner Exkurs ist noch nötig, um ein weiteres Mißverständnis auszuräumen, das sich anbietet: Gewalt ist aus liberaler Sicht natürlich manchmal notwendig. Im Gegensatz zu Anarchisten betonen Liberale die Notwendigkeit von Institutionen, d.h. funktionelle Formen menschlichen Zusammenlebens, die durch Sanktionsmöglichkeiten einen friedlichen und sicheren Rahmen für soziales, menschliches Leben garantieren. Zulässige Gewalt ist jene, die individuelle Freiheit (außer die des Initiators der Aggression natürlich) schützt und erhält. Unzulässige Gewalt verringert individuelle Freiheit. Sie ist die Gewalt von Menschen, die Ansprüche auf das Leben anderer erheben, anstatt sie zu bitten – wie das ein respektvoller, sozialer Umgang gebietet.
Praktisch haben wir bei Gewalt gegen uns und unser Eigentum drei Möglichkeiten: die Gewalt abzuwehren, uns ihr zu entziehen, oder den Aggressor umzustimmen. Die erste Option ist mit den höchsten Kosten verbunden und daher nur im äußersten Fall empfehlenswert.
Bei der zweiten Option berechtigen aktuelle Entwicklungen einen gewissen Optimismus. Zwar werden Regime laufend unverschämter dabei, immer weiteren Zugriff auf Privatsphäre und Eigentum einzufordern und anzustreben, doch ist dies letztlich nur eine Reaktion auf entgegengesetzte Bewegungen. Immer mehr verfügen wir über die technischen Möglichkeiten, in Lichtgeschwindigkeit und vor den falschen Augen sicher, Werte in Sicherheit zu bringen. Ob Offshore-Banking, virtuelle, verschlüsselte Konten, Online-Anlagesysteme – wer sein Erspartes vor dem Zugriff der Freiheitsfeinde schützen möchte, kann dies in immer größerem Ausmaß tun.
Ähnlich sieht es in anderen Bereichen aus. Dadurch, daß es immer leichter möglich wird, nicht nur den Ort unseres Vermögens, sondern auch den eigenen zu wechseln, haben wir eine Versicherung gegen extreme Eingriffe in unsere persönliche Freiheit. Im Gegensatz zu den Menschen im letzten Jahrhundert der Totalitarismen, können wir uns mittlerweile für den Preis eines Abendessens mit mehreren hundert km/h in Sicherheit bringen – allerdings natürlich nur wenn wir rechtzeitig reagieren.
Der leicht apokalyptische Untertun meines Optimismus erklärt sich aus dem deutlich hörbaren Grollen aufziehender Gewitterwolken. Die beschriebenen, freiheitsförderlichen Entwicklungen – oft als “Globalisierung” diffamiert – erregen natürlich den Haß der Feinde individueller Freiheit. Teilweise werden exakt dieselben Phrasen wie im letzten Jahrhundert geschwungen, was jedem Kenner der Geschichte ein Schaudern über den Rücken jagt. Gleichzeitig kündigt sich die nächste Krise des Interventionismus deutlich an. Während der Sozialismus bei der Güterversorgung mit einer Bilanz von 110 Millionen Toten gescheitert ist, bestehen die tendenziell nahezu ebenso gefährlichen Sozialismen im Geldmonopol, Schulmonopol, Gesundheitsmonopol, Sicherheitsmonopol etc. fort. Ab einem gewissen Punkt können die produktiven Kräfte dies nicht mehr ausgleichen, die Folge sind zunehmende Geldentwertung (bis zur Wirtschaftskrise), Unbildung, Krankheit, Unsicherheit etc.
Zum Glück bieten sich heute, ebenfalls aufgrund von Globalisierung und technischem Fortschritt, weitaus mehr Optionen zur Umgehung der Monopole. Privatwährungen entwickeln sich, der Bildungsmarkt floriert, ebenso bei Gesundheitsdienstleitungen und Sicherheitsangeboten. Auch dies erregt den Haß der Freiheitsfeinde. Sobald das Versagen der etatistischen Systeme so deutlich wird, daß eine größere Zahl von Menschen zu Alternativangeboten greifen, wird dieser Haß eine lebensbedrohliche Form annehmen. Ludwig von Mises erklärte diese Reaktion so: “Jeder Halbgebildete kann eine Peitsche benutzen und andere Leute zum Gehorsam zwingen. Aber es erfordert Intelligenz und Sorgfalt, der Öffentlichkeit zu dienen. Nur einigen Leuten gelingt es, Schuhe besser und billiger als ihre Konkurrenten zu produzieren. Der uneffiziente Fachmann wird immer eine vorrangige Stellung in der Bürokratie erstreben. Er ist sich völlig darüber im Klaren, daß er innerhalb des Wettbewerbssystems keinen Erfolg haben wird. Für ihn ist die allumfassende Bürokratisierung ein Zufluchtsort. Mit der Macht einer Behörde versehen, wird er seine Anweisungen mit Hilfe der Polizei durchsetzen. […] Menschen, die sich ihrer Unfähigkeit im Wettbewerb bewußt sind, verachten ,dieses kranke Konkurrenzsystem’. Wer seinen Mitmenschen nicht zu dienen in der Lage ist, will sie beherrschen.”
Jene, die Freiheit und Leben verachten, stellen eine reale Gefahr dar. Dies mag eine sehr drastische Darstellung sein, aber ich spreche gerne von “Blutsaugern”. Wer auf Kosten anderer lebt, kann eine gefährliche Abhängigkeit davon entwickeln. Jeder, der sein Leben eigenständig und erfolgreich nützt, der seine Freiheit und Unabhängigkeit erhält, stellt einen unerträglichen Stachel für das Minderwertigkeitsgefühl jener Menschen dar. Die Zukunft wird wahrscheinlich wieder von einer stärkeren Auseinandersetzung zwischen produktiven Menschen und jenen “Blutsaugern” geprägt sein, da sich Lügen selten ewig aufrecht erhalten lassen. Blasen platzen irgendwann; je größer, desto lauter der Krach.
Es muß aber davor gewarnt werden, dieses Bild von personifizierten “Blutsaugern” mißzuverstehen. Unsere Strategie ist nicht die des Hasses. Trotzdem ist eine gewisse Wut auf falsche Ideen berechtigt und durchaus wichtig. Doch eine übertriebene Wut auf persönliche Exponenten der “Blutsauger”-Ethik nimmt den eigentlichen Urhebern die Verantwortung und schiebt nur unseren Fokus von den wesentlichen Gründen weg: schädliche Ideen. Fast jeder versucht, es sich möglichst leicht zu machen. Ich sehe auch kein Problem darin, wenn Liberale Umverteilungsleistungen annehmen (nur zu zahlen wäre ja auch nicht allzu klug). Es ist evident, daß die Gefahr für die Freiheit nicht vom kleinen “Sozialhilfe”-Empfänger ausgeht (womöglich befindet er sich tatsächlich in einer Notsituation und würde in einer freien Gesellschaft sogar eine vorübergehend höhere Zuwendung durch seine Mitmenschen erhalten), sondern von intellektuellen Fürsprechern der Teilversklavung anderer Menschen durch Ansprüche, “Rechte” etc. Das “Recht auf Bildung” bedeutet dann: “Jeder Mensch hat ein Recht darauf, daß ich als Akademiker – der keinerlei nützliche Fähigkeiten besitzt, außer einer von zahlreichen Abgängern eines Massenstudiums zu sein, also falsche Ideen genügend gut reproduzieren kann, sich aber zu gut dafür ist, seinen Mitmenschen zu jenem Preis zu dienen, den sie seinen bescheidenen Fähigkeiten zumessen – auf einer unkündbaren Stelle überdurchschnittlich dafür mit jenem Wohlstand bezahlt werde, den andere geschaffen haben und schaffen konnten, da meine Ideen noch nicht gänzlich umgesetzt wurden.” Doch selbst eine Bekämpfung dieser nicht fiktiven Person ist sinnlos, ein solcher Mensch verdient eher unser Mitleid als unseren Haß. Natürlich “kann er etwas dafür” und trägt volle Verantwortung für sein betrügerisches Handeln, aber dieses Handeln wird erst durch jene falschen Ideen ermöglicht; sie gilt es zu bekämpfen. Wie schrieb Robert Musil so treffend: “ohne Philosophie wagen heute nur noch Verbrecher anderen Menschen zu schaden”. Den Betrug des Schneiders bekämpfen wir nicht, indem wir Kaiser oder Schneider haßerfüllt nach dem Leben trachten, sondern indem wir laut “der Kaiser ist nackt” rufen.
Dies ist der wesentliche Grund, warum Liberale ohne die dritte Option nicht auskommen: Überzeugungsarbeit. Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, großflächige “Erziehungsarbeit” zu leisten und eine Mehrheit der Menschen zur Akzeptanz einer vollständigen Ideologie zu bewegen; Ideologie ist für die Mehrheit irrelevant – berechtigterweise. Für die liberale Minderheit – jene Minderheit, die für individuelle Freiheit mit der Konsequenz individueller Verantwortung eintritt – ist im Gegensatz dazu aber ein theoretisches Fundament unumgänglich. Ohne dieses ist jede “Praxis” sinnlos.
Wir müssen uns rüsten für die stärker werdende Auseinandersetzung mit den Feinden individueller Freiheit, mit jenen, für die eine Existenz auf Kosten ihrer Mitmenschen erstrebenswert und mit Zähnen und Klauen zu verteidigen ist. Es ist eine Auseinandersetzung nicht zwischen Menschen, sondern zwischen Ideen. Letztendlich mögen davon unsere Freiheit und unser Leben abhängen. Die Auseinandersetzung wird auf zwei Schienen erfolgen:
Erstens muß es gelingen, mit Gegnern der Freiheit friedliche Übereinkommen auszuhandeln: größtmögliche Währungsfreiheit, freie Wahl von Gütern und Dienstleistungen, Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, Privatsphäre. Dabei geht es natürlich nicht um Worte und Absichten, sondern nur um das reale Ausmaß von Freiheit – in Verfassungen kann noch so oft “Freiheit” und “Menschenrecht” stehen, dies ist nicht sonderlich relevant. Mittlerweile wird – wie bereits erwähnt – nach Orwellscher Manier mit liberalen Begriffen wie “Menschenrecht” individuelle Freiheit schamlos weiter ausgehöhlt, indem darunter gewaltgestützte Ansprüche auf eine Existenz auf Kosten anderer Menschen verstanden werden. Wir müssen Gegner der Freiheit überzeugen, daß wir nur daran interessiert sind, friedlich andere Wege zu gehen und sie nach ihrer Façon glücklich werden lassen. Solange die individuelle Freiheit jener geschützt ist, denen das wichtig ist, dürfen Menschen natürlich auch in auf Lüge, Neid, Knechtschaft und Dummheit basierenden Systemen ihr Glück suchen. Kaum ein Liberaler wird sein Leben riskieren, um Menschen um die Verantwortung für ihre Handlungen zu bringen.
Zweitens gewinnen wir natürlich mit jedem Menschen, der unsere Wertschätzung individueller Freiheit versteht. Liberale haben die besseren Argumente. Wer, der Ahnung von Ökonomie hat, kann behaupten, daß Interventionen Wohlstand erhöhen? Wer, der die Geschichte kennt, kann zentralisierten Etatismus als Weg zu Freiheit und Wohlstand preisen? Der erste Grund ist Ahnungslosigkeit – die ist meist heilbar. Der zweite Grund ist entweder bewußte Lüge, aufgrund von Sehnsucht nach der Herrschaft über andere Menschen, oder Selbstbetrug, um nicht der Verantwortung für das eigene Leben ins Auge sehen zu müssen. Viele sind noch schlummernde Liberale, eigenverantwortliche Menschen, denen nicht danach ist, mittels Gewalt auf Kosten anderer zu leben oder ihnen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. (Die Betonung von Gewalt ist notwendig, da Menschen in Notsituationen oder in ihrer Kindheit natürlich auf andere angewiesen sind – dies bestreitet kein Liberaler. Nur in einer freien Gesellschaft ist hinreichend Wohlstand und Achtung vor anderen vorhanden, um ehrliche Hilfe und wahres Mitgefühl zu ermöglichen. Niemals haben wir jedoch, gleich wie unsere Situation ist, einen Anspruch auf andere – sonst würden wir ja andere Menschen teilweise wie Sklaven besitzen. [Eine Klammer in der Klammer um das Problem der theoretischen Verstrickung Liberaler zu erläutern: ohne ständigen Rekurs auf die Theorie, ist Mißverständnis in einer Welt von Einheitsschulen und Einheitsdenken vorprogrammiert. Es kann nicht vorausgesetzt werden, daß der Leser liberale Theorie hinreichend kennt oder durchdacht hat, während die Irrtümer antiliberalen Denkens Gemeingut sind. Dies verunmöglicht dem Liberalen die Strategie einfacher Slogans und führt ihn bei Erörterungen immer vom Hundertsten ins Tausendste.])
Neben dem Wecken von schlummernden Liberalen und Hilfe auf deren Weg von angelernter Unselbständigkeit und Unklarheit beim Denken hin zu einem konsequenten Verständnis und Begeisterung von der liberalen Idee, ist es wichtig, Menschen über ihre Optionen zu informieren. Man muß nicht die gesamte liberale Theorie durchdringen, geschweige denn selbst eine vollständige Ideologie übernehmen, um informierte Entscheidungen hin zu individuellem Wohlstand, individueller Sicherheit, Gesundheit, Bildung etc. zu treffen. Die meisten Menschen mögen zwar keine Zeit für Ideologie haben, aber beweisen doch täglich, daß sie sehr wohl in der Lage sind, für sich und ihre Nächsten gute Entscheidungen zu treffen – in starkem Kontrast zu ihrem Verhalten bei kollektiven Entscheidungen, wo die negativen Folgen schließlich sozialisiert werden. Hierbei Menschen eine Handlungsanleitung zu geben, nützt auch dem einzelnen Liberalen, denn eine Entscheidung für ein besseres Leben, welches sich fast alle wünschen, wird immer mehr eine Entscheidung für eine staatsferne Option sein, die von der Kreativität und Produktivität freier Menschen profitiert und nicht von den bewußt oder unbewußt falschen Ideen von Günstlingen der Gewalt.
Daß in diesem Artikel über liberale Praxis bisher nicht einmal das Wort “Politik” aufkam, mag manche Liberale enttäuschen, die sich schnellere Änderungen hin zu mehr individueller Freiheit auf politischem Wege erwarten. Diese unterschätzen die Macht von Ideen und die Kreativität freier Menschen. Politik, in ihrer heutigen (falschen) Ausgestaltung als letztlich auf Gewalt basierende Form der Sozialisierung von Entscheidungen, Eigentum und am Ende Leben, wird zum Glück immer irrelevanter. Politik folgt Ideen und Entwicklungen, kommt aber immer später und damit verspätet. Dies bedeutet nicht, daß Liberale nicht auch politische Wege versuchen können und sollen. Leider erliegen sie – die sie selbst auch nur Menschen sind – meist den Verlockungen der Macht und werden bald zu Gegnern wahrer Freiheit. Meist verwechseln sie die in der Politik notwendigen Kompromisse zwischen Interessen mit Kompromissen zwischen Ideen und verwässern ihr eigenes Denken so weit, bis am Ende von der stolzen liberalen Idee nicht mehr als 5% schuldenfinanzierte Steuersenkung übrig bleibt.
Nun zusammenfassend, was kann der oder die Liberale praktisch und konkret tun, um mehr individuelle Freiheit für sich und seine/ihre Mitmenschen zu erreichen?
Mit gutem Beispiel vorangehen. Das Leben leben – eigenverantwortlich, unabhängig, respektvoll. Wir wollen “Freiheit” nicht als hohle Phrase zur intellektuellen Selbstbefriedigung. Wir schätzen unser Leben, darum ist uns Freiheit wichtig. Je freier wir sind, desto mehr profitieren unsere Mitmenschen von unserer Kreativität und Arbeit.
Das Leben und Eigentum von uns und unseren Nächsten schützen. Informierte Entscheidungen dazu treffen. Noch durchschauen nur wenige die menschenfeindlichen Lügen und gefährlichen Blasen des Interventionismus. Nützen wir diesen Wissensvorsprung, um vorzusorgen und die zukünftige Freiheit von uns und unseren Nächsten zu sichern.
In die liberale Idee investieren. Entweder durch eigenes Bemühen: die Finger wund schreiben und die Kehle heiser sprechen, um gegen Mißinformation, Lüge, Neid, Haß anzukämpfen. Oder im Sinne des komparativen Vorteils jene dabei unterstützen, die einem diese Arbeit abnehmen. Veränderungen sind immer auf neue Ideen zurückzuführen, Systeme – wie Politik – können hier meist nur eine passive und sekundäre Rolle spielen.
Im eigenen Lebenskontext – in Büro, Familie, Verein, oder gar Partei – Werbung für liberale Ideen machen. Dabei niemals andere Menschen durch einen mißverstandenen Konstruktivismus erschrecken (”In Liberalistan sieht es so aus …”). Liberale wollen im Gegensatz zu Vertretern anderer Ideologien nicht Macht über das Leben anderer, sondern nur Macht über das eigene Leben. Man kann als Liberaler durchaus Utopien haben und über die perfekte, liberale Ordnung philosophieren, aber es muß immer klar sein, daß wir uns nicht anmaßen, jemandem vorzuschreiben, wie er/sie glücklich werden soll. Trotzdem ist es unvermeidbar, daß liberale Ideen jene verschrecken, die sich an fremde oder eigene Bequemlichkeitslügen gewöhnt haben. Dabei müssen wir vermeiden, persönlich zu werden oder Dinge persönlich zu nehmen. Als Liberale haben wir viel weniger Probleme damit, andere Meinungen zu akzeptieren. Akzeptieren heißt aber nicht gut heißen. Falsche Argumente bleiben falsch. Wir vertrauen unserem Verstand, nicht Emotionen. Es hindert uns aber nichts daran, Menschen die unsere Überzeugungen nicht teilen, zu schätzen, sogar zu lieben; genauso wenig hindert uns daran, freiheitsfeindliche Ideen und Taten auch bei diesen Menschen klar als solche zu bezeichnen. Ein Vater liebt sein Kind nicht weniger, wenn er es (respektvoll) auf dessen Verantwortungslosigkeit hinweist.rt
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