Wider das unterwürfige Denken
Auf sueddeutsche.de habe ich einen Beitrag aus der SZ vom 13.04.05 gefunden, in dem – damals noch Kardinal – Joseph Ratzinger seine politische Philosophie erläutert. Er teilt uns so interessante Dinge mit, wie:
Der demokratische Sozialismus hat sich als ein heilsames Gegengewicht gegenüber den radikal liberalen Positionen in die beiden bestehenden Modelle einzufügen vermocht, sie bereichert und korrigiert. [...] Das totalitäre Modell hingegen verband sich mit einer streng materialistischen und atheistischen Geschichtsphilosophie: Die Geschichte wird deterministisch als ein Prozess des Fortschritts über die religiöse und die liberale Phase hin zur endgültigen Gesellschaft verstanden, in der Religion als Relikt der Vergangenheit überwunden sein und das Funktionieren der materiellen Bedingungen das Glück aller gewährleisten wird.
Freiheitsfabrikant Michael Kastner schreibt, dass der Kulturkampf längst vorbei sei. Nein der Meinung bin ich, nicht zuletzt aufgrund solcher Aussagen, nicht: die katholische Kirche als bürokratische Grossorganisation mit quasistaatlichen Strukturen führt ihn nach wie vor. Ich nehme mir die Freiheit, dies zu kritisieren, wo es notwendig erscheint, anstatt Unterwürfigkeit im Denken gegenüber Positionen zu demonstrieren, die den demokratischen Sozialismus als Heilmittel gegen den Liberalismus definieren und – zumindest indirekt – einen Zusammenhang zwischen der Tyrannei des nationalen Sozialismus und dem Atheismus zu konstruieren versuchen.
Diese Kritik schliesst selbstverständlich ausdrücklich den Respekt vor den Überzeugungen Gläubiger ein – ob es sich um Katholiken, Muslims, brasilianische Macumbapriesterinnen oder deutsche Ökoesoteriker handelt, ist dabei (für mich zumindest) belanglos, solange sie sich nicht anmassen, ihre jeweilige Religion als notwendige Basis für das Wertesystem aller zu definieren und versuchen, dies mittels staatlicher Strukturen durchzusetzen.
Andererseits haben natürlich auch Pfaffen das Recht, sich politisch zu äussern. Den Satz von M.K. es ist für mich als Liberalen wichtig, daß ich die Kirche an der Stelle kritisiere, wo sie politisch wird kann ich deshalb so für mich nicht nachvollziehen: ich hoffe sehr, dass sich Papst Benedikt XVI. pointiert politisch äussern wird – z.B. für (nicht nur Religions-)Freiheit in China oder gegen den radikalen Flügel des Geisslerismus in Lateinamerika.
Wir sollten die Debatte als Liberale und Libertäre mit der nötigen Gelassenheit führen, ganz im Sinne von Richard Herzinger, der auf Ideen und Irrtümer unter der Überschrift Denken heisst Unterwerfen anmerkt:
In der Tat können wir froh und erleichtert sein, dass die gegenwärtige Mode nur gebietet, vor dem guten Papst Benedikt XVI. den Kotau zu machen, denn der mag uns zwar bisweilen mächtig ärgern, zum Beispiel, wenn er im trauten Gespräch mit Jürgen Habermas keck behauptet, die Ratio wurzele im Glauben, aber etwas wirklich Böses wird er uns gewiss nicht antun.
5 Kommentare »
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URI
Einen Kommentar hinterlassen
You must be logged in to post a comment.
--- Alle Beiträge anzeigen ---
Powered by WordPress 2.2.1 DE


antibuerokratieteam.de






katholische Kirche und liberal ??? Wo denn? Es werden einige Generationen vergehen, bis man wirklich davon sprechen kann. Es ist nicht nur so, dass Frauen als nicht würdig genug angesehen werden ( abgesehen von den vielen “unwichtigen Tätigkeiten” in vielen sozialen Einrichtungen) um, zum Beispiel den Job eines Pfarrers zu erledigen. Nein auch unter den männlichen Kollegen sind große Unterschiede an der Tagesordnung. Wie kann es sein, dass sehr kompetente Leute mit dem selben Theologiestudium, die Pfarrer haben, Laien genannt werden ? Auch da müssen Veränderungen stattfinden. Diese Tatsachen sind nicht nur Relikte aus der vergangenheit, sondern aktuelle Gegewart!!!
Kommentar von Cumelen — 23.04.05 16:42 #
Mich interessiert nicht so sehr das Frauenbild der katholischen Kirche (das müssen Katholikinnen schon mit sich selbst und/oder ihrem Papst ausmachen) oder die Beförderungsordnung im Klerus.
Die Anmassung, das christliche Wertesystem für Nicht- und Andersgläubige gültig erklären zu wollen und sich den Staat hierfür “dienstbar” (z.B. über Gottesbezug in Verfassungen, Kirchensteuer, “Blasphemiegesetz”, Religionsunterricht etc.) zu machen – das ist es was mich stört.
Kommentar von jo@chim — 28.04.05 12:46 #
Ja, sehe ich auch so ! Leider fehlt auch die Kommunikation (mangels Wissen) zwischen den verschiedenen Religionen. Jede Religion behauptet ” das Wertesystem” schlechthin zu vertreten. Letztendlich ist es doch so, dass jeder sein Glauben auslegt, wie es für sie/ihn am Besten passst. Ich kenne “eingefleischte” Katholiken, die mehr in der Kirche wohnen als zu Hause, aber hintenrum Intrigieren und Lügen verbreiten, dass sich die Balken biegen. Ich glaube nicht, dass man da von “Wertesystem” sprechen kann. Nicht umsonst treten jährlich viele Leute von der Kirche aus. Das ist sicherlich nicht nur eine Frage der Steuerzahlung !
Kommentar von cumelen — 28.04.05 15:51 #
[...] Denn Benedikt XVI. ist kein konservativer Papst, er ist ein Reaktionär, der seine Kirche in eine geistige Zitadelle führt, anstatt sie selbstbewusst ins offene Feld zu schicken. Die von jüdischer und israelischer Seite geäußerte Kritik hat der Vatikan kalt abgefertigt. Dass er Terrorismus gegen Israel nicht Terrorismus nennen will, ist ein Beleg dafür, dass Benedikt XVI. nicht in der Tradition von Johannes Paul II. sondern eher in der geistigen Nachfolge von Pius XII. steht. Auch der hat immer streng nach Vorschrift gehandelt und Dogmen für wichtiger gehalten als das wahre Leben und die politische Wirklichkeit. Wahre Worte von Claus Christian Malzahn in seinem hervorragenden Kommentar in Spiegel Online angesichts der antisemitischen Entgleisungen des Herrn Joseph Ratzinger. Und, das möchte ich ausdrücklich hinzufügen, ich gönne Michael Kastner von der Freiheitsfabrik seinen berechtigten Spott über jene Liberalen und Konservativen wie z.B. Statler und Waldorf oder der Achse des Guten, die sich angesichts des Wir sind Papst!!!!-Hypes dazu mitreissen liessen, in das populäre Jubelgeschrei über die Wahl des Erzreaktionärs Ratzinger einzustimmen – und jetzt betreten schweigen. Beitrag versenden – Abgelegt unter: Alle • Notizen aus dem U-Boot [...]
Pingback von antibuerokratieteam.de » Die Entgleisungen des Herrn Ratzinger — 29.07.05 17:39 #
[...] Benedikt – mach uns für Jesus fit: seit Monaten wird in Köln von Stadt und Staatskirche für den katholischen Weltjugendtag – an dem auch Benedikt XVI. teilnehmen wird – mobil gemacht. Nun fordert ein Bündnis aus Konfessionslosen und Atheisten wie z.B. dem Freidenkerverband Köln, der Giordano Bruno Stiftung, dem Internationalem Bund der Konfessionslosen und Atheisten u.a. Asyl für Atheisten und will religionsfreie Zonen in der Millionenstadt einrichten. Unter dem Motto Heidenspass statt Höllenqual soll vom 16. bis zum 20.August ein anspruchsvolles freigeistiges Rahmenprogramm für eine kritische Gegenöffentlichkeit zur katholischen Mammutveranstaltung geboten werden. Hier zur Website der Initiative: http://www.religionsfreie-zone.de Beitrag versenden – Kategorien: Alle • Worldwide Web • Terminkalender [...]
Pingback von antibuerokratieteam.de » Heidenspass statt Höllenqual — 12.08.05 15:30 #